Stand: 03.06.2015 17:38 Uhr

Urteil: Ist "Rabauken-Jäger" ehrverletzend?

Im Sommer 2014 hatte ein Jäger auf der Bundesstraße 109 bei Neuendorf in Mecklenburg-Vorpommern ein totes Reh an einer Anhängerkupplung über die Straße geschleift. Ein zufällig davon geschossenes Bild landete auf Facebook und dann in den Lokalmedien - auch im "Nordkurier". Die Schlagzeile: “Rabauken-Jäger erhitzt die Gemüter”. Der Artikel war gespickt mit weiteren provokanten Begriffen: "vermutlich abgetaucht“, "Drecksjäger“ und "Schnacker“.

Die Zeitungsseite mit dem betreffenden Bericht über den Jäger.

Urteil: Ist "Rabauken-Jäger" ehrverletzend?

ZAPP -

Ein Jäger schleift Wild per Anhängerkupplung über die Straße. Der "Nordkurier" nennt ihn daraufhin "Rabauken-Jäger". Das Amtsgericht Pasewalk sieht darin Beledigung.

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Geschrieben hat den Artikel Reporter Thomas Krause: "Das Wort Rabauke ist für uns zu dem Zeitpunkt genau die richtige Bezeichnung gewesen, denn was der Mann da getan hat, das hat mich auch fassungslos gemacht. Das kann man gar nicht glauben, dass ein Mensch so etwas macht. Deswegen fanden wir das auch angemessen."

Gericht verhängt 1.000 Euro Geldstrafe

Doch der Jäger sah das anders und ging juristisch gegen die Berichterstattung vor. Er fühlte sich verunglimpft und wegen zahlreicher Details zu seiner Person identifizierbar. Zur Überraschung der meisten Beobachter hatte er zumindest in einem Punkt Erfolg: Laut Urteil der Amtsrichterin in Pasewalk ist der Begriff "Rabauken-Jäger" eine Beleidigung. 1.000 Euro Strafe soll Krause zahlen.

Sein Rechtsbeistand, der Berliner Anwalt Dr. Malte Nieschalk, findet, das Gericht habe das Gesetz viel zu streng ausgelegt. Beleidigung sei zwar strafbar, aber juristische Ermessenssache: "Hier ist es ja so, dass der Begriff 'Rabauke' von weiten Teilen der Bevölkerung als überhaupt gar nicht schlimm empfunden wird - vergleichbar mit Rüpel oder Tölpel. In meinen Augen lassen solche Begriffe auf einen gewissen Sprachwitz schließen, die dürfen aber eben nicht Gegenstand strafgerichtlicher Verurteilung sein."

Solidarität anderer Medien

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"Nordkurier"-Chefredakteur Lutz Schumacher will kämpfen.

Für den Chefredakteur des "Nordkurier" ein Riesenskandal: Der "Rabauken-Jäger“ bringe nun die Pressefreiheit in Gefahr, so Lutz Schuhmacher: "Solidarität kommt gerade von sehr vielen Medien. Die FAZ hat hier relativ viel berichterstattet. Auch für die Bild-Zeitung gilt die Meinungs- und Pressefreiheit. Und insofern ist jeder herzlich eingeladen, da mitzumachen."

Ganz vorne dabei: "Bild"-Chef Diekmann. Ganz solidarisch druckt das große Boulevard-Blatt den kompletten Artikel des kleinen Nordkuriers noch einmal ab. Schuhmacher spitzt weiter zu - und macht die Probe aufs Exempel: Er spricht kurzerhand von "Rabauken in Richter-Roben" - immerhin: seine persönliche Meinungsäußerung.

Staatsanwalt springt übers nächste Stöckchen

Doch für den Staatsanwalt ist das offenbar keine Hürde: Denn er ermittelt jetzt gegen Schuhmacher wegen Beleidigung. Weder der Jäger noch sein Anwalt wollten mit ZAPP vor der Kamera sprechen, eine Antwort kommt nur schriftlich: "Selbst unter Berücksichtigung der besonderen Stellung der Presse ist kein Grund ersichtlich, dass im Rahmen der Presseberichterstattung derart ehrverletzend Schmähkritik verwendet wird."

 

Update

Keine Ermittlungen gegen "Nordkurier"-Chefredakteur

Sie wird nicht ermitteln: Laut Staatsanwaltschaft war der Kommentar des "Nordkurier"-Chefredakteurs zum "Rabauken-Jäger"-Eklat "polemisch, ehrenrührig und überspitzt" - aber nicht strafbar. mehr

Und auch Staatsanwaltschaft und Amtsgericht wollen sich nicht vor der ZAPP-Kamera äußern. Für Chefredakteur Schumacher sind das Anzeichen eines Demokratiedefizits in Mecklenburg-Vorpommern: "Ich glaube, das sind aber Einschüchterungsversuche, und wenn das so wirkt, dass Journalisten in Zukunft darüber nachdenken, ob sie bestimmte Wörter verwenden, dann haben diese Pressezensoren im Grunde schon einiges erreicht." Schumacher und der Nordkurier haben Berufung gegen das "Rabauken-Jäger-Urteil“ eingelegt.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 03.06.2015 | 23:20 Uhr