Stand: 01.09.2015 18:40 Uhr

Fischsterben: Fabrik stoppt Ethanol-Produktion

Spezialisten der Feuerwehr sind in Anklam vor Ort und untersuchen Abwasserleitungen.

Die Ursache für das massenhafte Fischsterben in der Peene bei Anklam (Landkreis Vorpommern-Greifswald) ist möglicherweise gefunden. Nach Angaben der Anklamer Zuckerfabrik wurde in mehreren Schächten der Regenwasserleitung des benachbarten Bioethanol-Lagers dieselbe Flüssigkeit festgestellt, die zuvor bereits in einem Kanalisationsrohr aufgefallen war. Die stark nach Ethanol riechende Substanz war offenbar über die Kanalisation in die Peene geflossen. Sie wird verdächtigt, das Fischsterben ausgelöst zu haben.

Untersuchung: Extrem niedriger Sauerstoffgehalt

Erste Ergebnisse von Wasserproben-Untersuchungen des Industrie- und Umweltlaboratoriums (IUL) Greifswald deuten auf einen extrem niedrigen Sauerstoffgehalt des Wassers. Laut den Experten könnte ein "riesiger organischer Eintrag" die Ursache sein, beispielsweise durch die Einleitung eines organischen Lösungsmittels. Ob es sich dabei um Bioethanol handele, das offenbar von Sonnabend bis Dienstag in die Peene floss, könne das Labor erst am Mittwoch mitteilen, hieß es weiter.

Tausende tote Fische auf der Peene

Im Anklamer Stadthafen, auf der Peene und in den umliegenden Gewässern waren am Montag Tausende tote und sterbende Fische - darunter Hechte, Zander und Barsche - entdeckt worden. Warum die Flüssigkeit entweichen konnte, werde derzeit geprüft, teilte Geschäftsführer Matthias Sauer mit. Die Bioethanol-Produktion sei gestoppt worden. Die Abwasseranlage der eigentlichen Zuckerfabrik könne demnach mit "hoher Sicherheit" als Quelle der Verunreinigung ausgeschlossen werden. Seit zwei Wochen sei die Kläranlage auf dem Firmengelände wegen einer Revision außer Betrieb. Die Anklamer Bioethanol GmbH ist ein Tochterunternehmen der Zuckerfabrik.

Kamera-Team entdeckt undichtes Rohr

Bei Dreharbeiten für das NDR Nordmagazin hatten das Kamera-Team und der Geschäftsführer der Anklamer Kanu-Station bemerkt, dass das am Montag entdeckte Rohr undicht ist. Die Feuerwehr sperrte das Gelände weiträumig wegen Explosionsgefahr ab. Es soll verhindert werden, dass der Zulauf zur Peene zu brennen beginnt. Eine Schwimmhalle und vier anliegende Wohnhäuser wurden sicherheitshalber evakuiert. Durch das Rohr floss auch am Dienstag noch die verdächtige Flüssigkeit.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Derweil hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung eingeleitet. Noch aber stünden die ganz am Anfang, sagte Oberstaatsanwalt Gerd Zeisler. Zunächst müssten die Wasserproben analysiert und geprüft werden, ob die eingeleitete Flüssigkeit tatsächlich die Ursache gewesen sei. "Das wird eine Zeit dauern", sagte Zeisler. Die Ermittlungen werden laut Staatsanwaltschaft in Abstimmung mit dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt geführt.

Laut Amtsleiter Matthias Wolters ist die Zuckerfabrik bislang nicht wegen Grenzwertüberschreitungen auffälig geworden. Nach Angaben der Wasserschutzpolizei wird weiter geprüft, ob ein jahreszeitbedingter Sauerstoffmangel zum Tod der Fische geführt habe. Tote Fische seien stromauf- und abwärts der Einleitungsstelle gefunden worden, hieß es. Die Wasserschutzpolizei fuhr bei Kontrollen auf rund zehn Kilometern durch einen regelrechten Teppich aus toten Fischen. Die meisten Kadaver wurden noch am Montag entsorgt. Wegen des noch nie dagewesenen Ausmaßes des Fischsterbens ging der Landkreis schon früh von giftigen Substanzen als Ursache aus.

"Katastrophe für die Natur"

Das Ausmaß und die langfristigen Folgen der Verunreinigung sind noch nicht absehbar. Nach Einschätzung von Fachleuten hat sich aber eine große Umweltkatastrophe ereignet. Laut der Naturparkverwaltung "Flusslandschaft Peenetal" ist auf mehrere Kilometer das gesamte Gewässersystem betroffen. "Das ist eine Katastrophe für die Natur", sagte Mike Stegemann von der Naturparkverwaltung. Umweltminister Till Backhaus (SPD) forderte eine lückenlose Aufklärung. "Es muss jetzt bis ins letzte Detail alles untersucht werden, damit so etwas nicht wieder passieren kann", sagte Backhaus.

"Amazonas des Nordens"

Die Peene ist Kern des 334 Quadratkilometer großen Naturpark Peenetal. Der "Amazonas des Nordens" ist einer der letzten unverbauten Flüsse Deutschlands. Mit 37 ständig dort lebenden Arten gilt die Peene auch als einer der fischartenreichsten Flüsse Deutschlands. Seltene Spezies wie Flussneunauge und Steinbeißer leben hier.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.09.2015 | 14:00 Uhr