Stand: 01.11.2017 16:42 Uhr

Terrorverdacht: "Der Stadtteil ist eigentlich ruhig"

Es war noch dunkel, als Polizisten am Dienstagmorgen die Wohnung im Schweriner Stadtteil Neu Zippendorf stürmten. Nachbarn sahen die Reflektoren an den Uniformen blitzen, Leuchtstreifen huschten durch die Dunkelheit, Anwohner fragten sich, was dort passiert. Ein Terrorverdächtiger in Schwerin? In einer Stadt, die sonst mit einem Märchenschloss und sieben Seen wirbt? Das können sich viele Stadtteil-Bewohner nicht vorstellen. "Das ist schon komisch. Der Stadtteil ist eigentlich so ruhig", sagt einer. "Wir hatten bis jetzt Ruhe hier. Wir haben uns sehr wohl gefühlt mit unserer Wohnqualität", sagt ein anderer. Hinter vorgehaltener Hand berichten Anwohner auch von "Ghettobildung" und Prügeleien unter Flüchtlingsgruppen.

Luftansicht eines Plattenbauviertels.

Terrorverdächtiger Syrer sitzt in U-Haft

Nordmagazin -

Gegen den in Schwerin festgenommen Syrer Yamen A. wurde Haftbefehl erlassen. Der 19-Jährige soll einen Bombenanschlag geplant haben und war schon länger im Visier der Fahnder.

bei Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Unauffällig im Plattenbau

Yamen A. lebte unauffällig, zurückgezogen in einem tristen Plattenbau im Stadtteil Neu Zippendorf. Dieser wird häufig als sozialer Brennpunkt, als Problembezirk, bezeichnet. Der einstige sozialistische Vorzeige-Stadtteil hat sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus besonders stark gewandelt. Zunächst kamen viele Migranten aus der früheren Sowjetunion, später auch viele Flüchtlinge. Viele Alteingesessene zogen weg. Leerstehende Blöcke wurden abgerissen. In den verbliebenen leben die Migranten heute größtenteils anonym mit Rentnern und ärmeren Menschen. Claus Oellerking betreut Flüchtlinge in Schwerin, für ihn ist die Anonymität hinter Plattenbauten aber noch kein Grund für eine Radikalisierung, wie sie im Fall von Yamen A. offenbar eingesetzt hat. "Dass sich jemand isoliert und Dinge für sich entwickelt, ist nicht eine Frage von Plattenbau. Wir haben 'Reichsbürger' in allen Ecken der Republik", so Oellerking.

Bau auf, bau um, bau ab - Stadtteil im Wandel

"Damit solche Hassgefühle möglichst nicht auftreten"

Es gebe auch Menschen, die sich in ihren Einfamilienhäusern radikalisieren. "Isolation kann ich überall betreiben. Das ist ein Vorgang, der ist individuell und passiert im Kopf." Bisher hatten Oellerking und seine Frau Almut Lüpkes von der Flüchtlingshilfe Schwerin noch nicht mit radikalisierten jungen Männern zu tun. "Das ist sehr schwer zu merken", sagt Almut Lüpkes. "Worum wir uns aber bemühen, ist möglichst viele Begegnungen herzustellen, um ihnen Angebote zu machen und das Gefühl zu geben, dass sie willkommen sind, damit dann solche Hassgefühle, die ja Grundlage für solche Handlungen sein müssen, möglichst nicht auftreten."

Weitere Informationen

Terrorverdacht: Haftbefehl gegen Syrer erlassen

Nach der Festnahme eines terrorverdächtigen Syrers in Schwerin sitzt der Mann nun in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft erwirkte einen Haftbefehl beim Bundesgerichtshof. mehr

"Wir kriegen das ab"

Derzeit leben 2.600 Syrer in Schwerin. Sie bilden die größte Gruppe der Flüchtlinge, insgesamt sind es doppelt so viele. Einer von ihnen ist Mohamad Nour. Er lebte fast Tür an Tür mit dem Verdächtigen. "Der hat etwas gemacht und wir kriegen das ab. Alle denken, dass wir alle so sind. Aber wir sind alle nicht so", sagt Nour. Kaum einer kannte Yamen A. Der Polizei war er nicht bekannt, Nachbarn kannten ihn nicht und auch der Islamische Bund hat noch nie von ihm gehört. "Wer wirklich etwas im Schilde führt, der würde sich nicht so frei geben." Mohamed Dib Khanji, muslimischer Prediger in der Schweriner Moschee, ärgert sich, dass durch solche Aktionen alle Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt werden. "Verbrechen kennt keine Religion, keine Rasse, keine Nationalität."

Oberbürgermeister: Integrationsbemühungen verstärken

Schwerins Oberbürgermeister Rico Badenschier (SPD) kündigte weitere Anstrengungen in der Flüchtlingsbetreuung und Integration an. Er meint auch, die Festnahme sei kein Zufall gewesen. Sie zeige, wie gut die Behörden arbeiten. Inzwischen ist gegen den 19 Jahren alten Mann Haftbefehl erlassen worden. Ihm wird die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vorgeworfen. Ob er noch Mitwisser hatte, wird noch untersucht.

Kommentar
mit Audio

Kommentar: Sicherheitsbehörden am Rande der Möglichkeiten

Innenminister de Maizière lobt nach der Festnahme eines Terrorverdächtigen in Schwerin die Ermittler. Wie steht es um die Terrorabwehr in Deutschland? Michael Götschenberg kommentiert. mehr

04:33

Terrorverdächtiger in Schwerin festgenommen

31.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin

Die Bundespolizei hat in Schwerin einen Syrer festgenommen, der einen Sprengstoffanschlag geplant haben soll. Innenminister Caffier äußert sich im Interview zu den Hintergründen. Video (04:33 min)

04:06

Caffier: "Erfolg für Sicherheitsbehörden"

01.11.2017 06:50 Uhr
NDR Info

Nach der Festnahme eines Terrorverdächtigen in Schwerin hat Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier auf NDR Info von einem Erfolg der Sicherheitsbehörden gesprochen. Audio (04:06 min)

10 Bilder

Anschlagspläne: Anti-Terror-Einsatz in Schwerin

Wegen mutmaßlicher Anschlagspläne ist in Schwerin ein 19-jähriger Syrer festgenommen worden. Er soll laut Generalbundesanwaltschaft einen islamistisch motivierten Anschlag vorbereitet haben. Bildergalerie

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 01.11.2017 | 16:15 Uhr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

01:33

Frau zu Tode gefoltert: Fünf Jahre Gefängnis

17.03.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
02:18

Wohin entwickelt sich die AfD?

16.11.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
00:55

Engagement zahlt sich aus

16.11.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin