Stand: 05.01.2017 12:03 Uhr

Schwerste Flut seit zehn Jahren trifft die Küste

Vollgelaufene Keller, unter Wasser gesetzte Autos und überspülte Deiche: Die Küstenregionen in Mecklenburg-Vorpommern sind in der Nacht zu Donnerstag von der stärksten Sturmflut seit zehn Jahren getroffen worden. Es kam zu Überschwemmungen und Schäden, Menschen wurden aber nach ersten Erkenntnissen nicht verletzt. Ein genauer Überblick über die Schäden an der Ostseeküste liegt allerdings noch lange nicht vor. Erst mit Tagesanbruch wird es für die Behörden möglich sein, mit der genauen Schadensaufnahme zu beginnen. Im Binnenland kam es in der Nacht und am Morgen nach einem Temperatursturz zu glättebedingten Unfällen auf den Straßen.

Sturmflut höher als vorhergesagt

Die Sturmflut war deutlich höher ausgefallen als ursprünglich vorhergesagt. Viele Orte erreichte der Höhepunkt der Flut noch vor Mitternacht. Dabei wurden im Durchschnitt Pegelstände von rund 1,50 bis 1,80 Meter über Normal gemessen. "Es war die stärkste Sturmflut seit 2006", sagte Jürgen Holfert vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Seit Mitternacht gingen die Wasserstände langsam wieder zurück, hieß es. Am Donnerstagmorgen könne der Pegel oft noch einen Meter höher als sonst sein. "Die Gefahren der Sturmflut sind aber gebannt", so Holfert.

Sturm-Hochwasser an der Ostseeküste

Alter Hafen in Wismar unter Wasser

Der höchste Stand wurde in der Nacht zu Donnerstag auf dem Internetportal "Pegel Online" in Wismar registriert. Er lag bei 1,83 Meter über Normal. In der Hansestadt trat das Wasser am Abend über die Hafenkante. Der Bereich um den Alten Hafen ist für den Verkehr unpassierbar. In ganzen Straßenzügen liefen Angaben der Stadt zufolge die Keller voll. Auch einige Autos in ufernahen Straßen standen unter Wasser. Der zuständige Hafenkapitän in Wismar, Harald Forst, sagte noch vor Mitternacht, das schlimmste sei überstanden. Es habe keine Schäden an Schiffen gegeben. An einigen Stellen wurden Gehwege unterspült.

Straßensperrung an der Warnow

In Rostock und Warnemünde waren Feuerwehr, Wasserwehr und Technisches Hilfswerk an mehr als zehn Stellen im Einsatz. In Warnemünde ging der Pegel am späten Abend auf rund 1,50 Meter über Normal hoch. Teile des Ufers am Alten Strom wurden überschwemmt und mussten gesperrt werden. Das Restaurant "Seehund" lief voll. In Rostock waren entlang der Warnow viele Häuser gefährdet. Die Hauptverkehrsstraße am Stadthafen "Am Strande" und andere Straßen in der Altstadt waren bis zum Morgen wegen Überflutung gesperrt. In Graal-Müritz wurde die Seebrücke beschädigt und viel Strand weggespült. Die Scandlines-Fähren von und nach Dänemark sollen normal fahren. Auch die Fähre zwischen Warnemünde und Höhe Düne ist in Betrieb.

Ozeaneum durch Spundwände gesichert

In Stralsund stand die Hafeninsel teilweise unter Wasser. Dort musste das Ozeaneum, Mecklenburg-Vorpommerns besucherstärkstes Museum, gesichert werden. Wie die Sprecherin des Museums, Diana Quade, mitteilte, errichteten Mitarbeiter am Abend einen Schutzzaun, um das Gebäude vor eindringendem Wasser zu schützen. Auf der Insel Rügen wurde im Bereich Mönchgut-Granitz eine Straße überspült und so der Ortsteil Groß Zicker von der Hauptgemeinde abgeschnitten. Dort wurde auch ein Deich auf einer Länge von rund 100 Metern überflutet.

Sturmflutkategorien

Für Nord- und Ostsee gelten unterschiedliche Sturmflutkategorien:
NORDSEE
Sturmflut - 1,5 bis 2,5 Meter über mittlerem Hochwasser (MHW)
Schwere Sturmflut - 2,5 bis 3,5 Meter
Sehr schwere Sturmflut - mehr als 3,5 Meter
OSTSEE
Sturmflut - 1,00 bis 1,25 Meter über mittlerem Wasserstand
Mittlere Sturmflut - 1,25 bis 1,5 Meter
schwere Sturmflut - 1,5 bis 2,00 Meter
sehr schwere Sturmflut - mehr als 2,00 Meter
Genau genommen spricht man bei der Ostsee auch nicht von Sturmflut, sondern von Sturmhochwasser.

Steilufer-Abbrüche auf Usedom, Deich auf Rügen überflutet

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Auf Usedom wurden teilweise Strandimbisse und Uferpromenaden weggerissen.

Auf Usedom wurden größere Schäden an der Küste gemeldet. Dort wurde die Pegel-Alarmstufe 3 ausgerufen. Zwischen Koserow und Zempin, an der schmalsten Stelle Usedoms, gab es Steilufer-Abbrüche. Informationen des Kreises Vorpommern-Greifswald zufolge wurden so Treppenaufgänge sowie Imbissbuden und Teile von Strandpromenaden weggerissen. "Man kommt teilweise gar nicht mehr an den Strand. Wir haben da Kanten von vier bis fünf Metern Höhe", sagte Koserows Bürgermeister Rene König am Morgen NDR 1 Radio MV. "Wir warten jetzt, bis das Wasser wieder zurückgeht und fangen dann an zu reparieren." Auf der Insel Rügen überspülte das Hochwasser im Bereich Mönchgut-Granitz eine Straße und schnitt einen Ortsteil von der Hauptgemeinde Gager ab. Laut dem NDR Wetterexperten Stefan Kreibohm wurden etwa in Sassnitz und auf Hiddensee höhere Pegelstände als bei den Sturmfluten 2006 und 2002 erreicht. So sei das Wasser in Sassnitz 1,31 Meter über Normal gestiegen, bei den vorherigen Sturmfluten waren dagegen nur 1,18 Meter über Normal gemessen worden.

Sturmflut durch "Badewannen-Effekt"

Ursache für die Sturmflut ist der derzeit generell hohe Füllungsgrad der Ostsee. Nach Einschätzung Kreibohms kommt es so auch bei Windstärken von 7 bis 8 zum sogenannten Badewannen-Effekt. Das Wasser werde dabei erst von den Küsten weggedrückt und schwappe mit dem Drehen des Windes wieder in voller Wucht an die Küsten zurück.

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Ähnlich schwere Hochwasser 2002 und 2006

Ähnlich schwere Sturmfluten hatten die deutsche Ostseeküste nach Angaben des BSH am 21. Februar 2002 und am 1. November 2006 erreicht. Damals stieg das Wasser beispielsweise in Warnemünde auf 1,58 Meter (2002) und 1,62 Meter (2006) über Normal. In Koserow auf der Insel Usedom wurden Höchststände von 1,71 Meter (2002) und 1,54 Meter (2006) über Normal gemessen. Die Sturmflut von 2002 hatte beispielsweise Seebrücken auf Usedom und Rügen beschädigt und Schäden in Millionenhöhe an Küstenschutzanlagen verursacht.

Aktuelle Pegelstände:

Eine Karte mit Pegelständen und -prognosen für die Ostseeküste gibt es hier (BSH)

Weitere Pegelstände bei Pegelportal-MV

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.01.2017 | 12:00 Uhr

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