Stand: 08.01.2016 20:27 Uhr

Politiker-Messerattacke: Was passierte wirklich?

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Das Opfer der mutmaßlichen Attacke sprach mit einem NDR Reporter über den Hergang.

Die mutmaßliche Messer-Attacke auf einen jungen Politiker der Linken in Wismar - so schildert Julian Kinzel die Tat selbst: Am Montag, drei Angreifer, offensichtlich rechtsradikal, einer sticht mehrfach zu, nur mit Glück und durch seine dicke Kleidung entkommt Julian Kinzel. Doch nun verstärken sich die Zweifel an der Darstellung des jungen Mannes.

Anzeige geschah spät über Internet-Wache

Von Anfang an gab es Verwunderung darüber, dass das Opfer nicht sofort die Polizei gerufen hat, sondern erst einen Tag später eine Anzeige aufgab. Die Meldung geschah wiederum auch nur über die sogenannte Internet-Wache, also nicht persönlich bei der Polizei. Julian Kinzel war dann lange nicht zu erreichen, nicht für die Medien, nicht einmal für die Polizei.

Opfer berichtete von Attacke und Verletzungen

Der NDR Reporter Philip Schroeder traf Kinzel dann zufällig an: Er kam gerade von der Polizei, wo er seine beschädigte Kleidung abgegeben hatte und er hat dann vor der Kamera den angeblichen Ablauf des Überfalls erläutert. Im Bericht des Nordmagazin wurde klargestellt, dass es nur Kinzels eigene Aussage gibt. Auf den ersten Blick klang die Aussage plausibel. Er hat dem Reporter den Tatort gezeigt und einen Teil seiner Verletzungen - am Arm und eine kleine unterhalb des Halses.

Die Wunden am Arm sind das Problem, sie zeigen Schnitte, die kreuz und quer über den Unterarm laufen. So steht es auch im Patientenbrief aus der Notaufnahme: Multiple Schnittverletzungen. Kinzel sagt, er habe sich gewehrt, mit dem Arm das Messer abgewehrt. Seine dicke Winterkleidung habe ihn vor tieferen Schnitten bewahrt.

Gerichtsmedizinerin äußert sich zweifelnd

Mittlerweile hat die Polizei den jungen Mann gerichtsmedizinisch untersuchen lassen. Über den Befund wurde aber noch nichts mitgeteilt. Der NDR Reporter zeigte die Aufnahmen aus dem Nordmagazin-Beitrag einer befreundeten Gerichtsmedizinerin aus einem anderen Bundesland. Ihre Antwort ist nicht als Gutachten zu verstehen und bezieht sich nur auf den Blick auf die Filmaufnahme. Die Medizinerin sagte, es sei äußerst unwahrscheinlich, dass ein solches so gleichmäßiges und oberflächliches Wundbild nach einem mit dem dick bekleideten Arm abgewehrten Messerangriff entstehe.

Zu früh für abschließende Bewertung

Auch die Partei die Linke hatte zunächst die Version verbreitet, es sei ein brutaler rechtsradikaler Überfall auf einen jungen Politiker der Linken gewesen. Doch nun sind die thematisierten Unschärfen zum Hergang größer geworden. Die Staatsanwaltschaft sagt offiziell nur, sie ermittle in alle Richtungen. Für eine abschließende Bewertung ist es deshalb zu früh. Die vom NDR Reporter zusammengetragenen Informationen deuten darauf hin, dass es zumindest bei einem Teil der Darstellungen des Opfers und seiner Partei sehr begründete Zweifel geben kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.01.2016 | 16:00 Uhr