Stand: 08.01.2016 10:23 Uhr

Polen will Atomkraftwerk an der Ostsee bauen

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Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl drängt auf eine Beteiligung Deutschlands an einem Prüfverfahren.

Polen treibt die Pläne zum Bau eines Atomkraftwerks voran. Die Standortsuche für den ersten Kernreaktor im Nachbarland ist nahezu abgeschlossen. Nach NDR Informationen soll der Meiler an der Ostsee etwa 250 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze entstehen. Ursprünglich war einmal von 27 Standorten die Rede, jetzt fasst der staatliche Energiekonzern PGE noch drei ins Auge. Sie liegen sämtlich in der Wojewodschaft Pommern, rund 60 Kilometer nordwestlich von Danzig. Zwei Standorte - Choczewo und Lubiatowo-Kopalino - befinden sich direkt an der Ostsee, der dritte mögliche Standort Zarnowiec an einem See etwas abseits der Küste. Alle drei Orte liegen in einem Umkreis von rund 30 Kilometern.

Standort bei Stettin kommt nicht mehr in Frage

In Zarnowiec sollte bereits in den 1980er-Jahren das erste polnische Atomkraftwerk entstehen. Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl wurden die Pläne zwar eingestampft, noch immer stehen dort allerdings Bauruinen. Zarnowiec gilt als Favorit, bereits 2009 lag es in einem Standort-Ranking des polnischen Wirtschaftsministeriums auf Platz 1. Mit der neuen Standortliste ist auch klar, dass der noch vor einigen Jahren ins Auge gefasste Standort Gaski nordöstlich von Stettin nicht mehr in Frage kommt. Polen hat die Nachbarländer jetzt im Rahmen der europäischen Espoo-Konvention über die aktualisierte Standortliste informiert. Dieses Verfahren greift bei Projekten, die grenzüberschreitend erhebliche Auswirkungen haben können.

Weitere Informationen
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Informationsblatt "Erstes Polnisches Kernkraftwerk"

Polen plant ein erstes Atomkraftwerkes. In diesem Dokument informiert der staatliche Energiekonzern PGE über Einzelheiten zu Bau und Betrieb des Reaktors. (PDF) Download (8 MB)

Kotting-Uhl fordert öffentliche Anhörung in Deutschland

Gleichzeitig wurde der deutschen Seite die Möglichkeit eingeräumt, bis zum 20. Januar zu erklären, ob sie sich an der grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) beteiligen will. Das geht aus einer Antwort des Bundesumweltministeriums an die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl hervor. Sie drängt auf eine Beteiligung Deutschlands an einem UVP-Verfahren. Nur so erhielten auch Bürger in der Bundesrepublik die Möglichkeit, ihre Kritik zu äußern, sie fordert außerdem ein formale öffentliche Anhörung in Deutschland.

Mecklenburg-Vorpommern wird voraussichtlich Bedenken anmelden

Der Bund hat bereits die drei Grenzländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen unterrichtet. Sie sollen in den nächsten Tagen entschieden, ob sie Bedenken und Einwände im Rahmen der UVP anmelden wollen. Mecklenburg-Vorpommern hatte das in der Vergangenheit getan. Zuständig ist das Innenministerium in Schwerin. Eine Sprecherin signalisierte auf Anfrage, dass das jetzt wahrscheinlich auch nach der neuesten Anfrage geschehen werde. Mecklenburg-Vorpommern sieht die Pläne kritisch, Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) hatte sich in der Vergangenheit dagegen ausgesprochen.

Reaktor soll viel Leistung liefern

Auf Bundesebene lehnte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vor allem eine Förderung des Atomprojekts aus EU-Töpfen ab. Polen hingegen setzt auf Kernenergie. Es will so die Klimaziele der EU erreichen und den hohen Anteil der klimaschädlichen Kohle bei der Energieerzeugung senken. Ursprünglich sollte der erste Reaktor Ende 2024 in Betrieb gehen - der Zeitplan gilt mittlerweile als ehrgeizig. Bis jetzt ist noch nicht einmal klar, welcher Reaktor-Typ gebaut werden soll. Nur über die Leistung ist sich der Energiekonzern PGE im Klaren: Es soll bis zu 3.750 Megawatt erzeugen können. Zum Vergleich: Die beiden Reaktoren im größten deutschen Atomkraftwerk Gundremmingen haben eine Leistung von zusammen 2.900 Megawatt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.01.2016 | 07:00 Uhr