Stand: 11.06.2015 10:00 Uhr

P+S-Pleite: Schadensersatz-Prozess gegen KPMG

Die Pleite der P+S Werften kostete allein das Land Mecklenburg-Vorpommern rund 270 Millionen Euro.

Die millionenschwere Pleite der P+S-Werften in Stralsund und Wolgast ist jetzt ein Fall für die Justiz. Knapp drei Jahre nach der Insolvenz der Schiffbau-Unternehmen hat am Donnerstag vor dem Landgericht Hamburg das Verfahren um Schadenersatz-Forderungen der Bremer Hegemann-Gruppe (AZ 326 O 227/13) begonnen. Es ist ein Rechtsstreit mit Sprengkraft. Denn der ehemalige Eigentümer - die Hegemann-Gruppe - zerrt einen Branchenriesen, die bundesweit renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, und den Chefsanierer Michael Axhausen vor Gericht.

Hegemann-Anwalt: "Das wird teuer"

KPMG soll für sämtliche Schäden haften, die der Hegemann-Gruppe wegen der Pleite entstanden sind. In der Klageschrift, die dem NDR vorliegt, wird eine Summe von über 168 Millionen Euro genannt - soviel sei allein die Volkswerft Stralsund Wert gewesen. "Das wird teuer", sagt Wolfgang Kubicki, einer der Hegemann-Anwälte. Kubicki ist außerdem Fraktionschef der FDP im Kieler Landtag.

Kanzlei zerpflückt KPMG-Sanierungskonzept

Der Vorwurf der Hegemann-Gruppe wiegt schwer: KPMG habe Ende 2009/Anfang 2010 ein völlig mangelhaftes Sanierungskonzept für die kriselnden Werftenstandorte in Vorpommern vorgelegt. In der Klageschrift zerreißt die beauftragte Anwaltskanzlei Schultze & Braun diesen Rettungsplan quasi in der Luft. Die Zinsen für Kredite seien falsch berechnet worden. Außerdem habe KPMG Berater- und Bürgschaftskosten viel zu niedrig angesetzt. Die Folge: Rund 112 Millionen Euro hätten den Werften von Beginn an gefehlt, die Summe sei bei den Berechnungen schlicht "vergessen" worden.

Liquiditätslücke verschwiegen?

Zusätzlich habe KPMG außer Acht gelassen, dass die Werften den Bau von zwei Scandlines-Fähren mit einem Finanzvolumen von 142 Millionen Euro verabredet hätten. Das Geld für diesen Großauftrag habe schlicht gefehlt. Diese "Liquiditätslücke" aber habe KPMG einfach "verschwiegen". Schon deshalb hätten die Werften mit dem KPMG-Konzept von Beginn an keine Chance gehabt. Sinngemäß meinen die Hegemann-Anwälte, es sei ein Sterben auf Raten gewesen, die Werften hätten sich nicht wegen des Rettungskonzepts noch bis zur Insolvenz im August 2012 gehalten, sondern trotz dieses Konzepts. Dabei stellen die Anwälte fest: Mit einem ordentlichen und fehlerfreien Konzept wären die Standorte zu retten gewesen.

KPMG und Axhausen schweigen

KPMG und Chefsanierer Axhausen wollten sich mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtags zur Werftenpleite hatte Axhausen jede Schuld bestritten und erklärt, die Werften seien sanierungsfähig gewesen. Sie seien nicht an den Finanzierungskosten gescheitert, sondern an den Schwierigkeiten im Schiffbau. Anwalt Kubicki dagegen macht Widersprüche in Axhausens Aussagen vor dem Ausschuss und den Erklärungen in dem Schadenersatzverfahren aus. "Die Äußerungen sind nicht miteinander in Einklang zu bringen", so Kubicki. KPMG stehe komplett mit dem Rücken zu Wand.

Klagt auch das Land?

Das Verfahren vor dem Landgericht interessiert auch die Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir sind auf Arbeitsebene vertreten", sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums. Das heißt: Ein Vertreter der Ministeriums wird den Auftakt im Landgerichtssaal B 227 beobachten. Denn das Wirtschaftsministerium prüft ebenfalls, ob KPMG Fehler nachgewiesen werden können und ob sich daraus Schadensersatzansprüche ergeben. Ein erstes Gutachten im Auftrag von Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) hatte das nahegelegt. Durch die Pleite hat allein das Land rund 270 Millionen Euro verloren. Eine erfolgreiche Klage gegen KPMG könnte einen Teil der Verluste möglicherweise wieder "reinholen".

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 11.06.2015 | 07:00 Uhr