Stand: 13.03.2017 07:00 Uhr

Kühe füttern im Raumanzug

Nur noch wenige Wochen, dann soll es endlich soweit sein. Dann beginnt hier die Arbeit mit den gefährlichsten Viren, die die Menschen kennen. Schon jetzt forschen die Wissenschaftler auf der kleinen Ostsee-Insel Riems in der Greifswalder Bucht an gefährlichen Erregern wie dem Vogelgrippe-Virus H5N1 oder dem West-Nil-Virus. Doch ab dem Sommer werden sie hier im Friedrich-Loeffler-Institut auch mit Erregern von Ebola, Lassa oder anderen tödlichen Krankheiten arbeiten.

Die Insel der Seuchen

Europaweit einzigartiges Labor

Für solche Experimente gelten besonders strenge Vorschriften, die nur wenige Forschungseinrichtungen erfüllen. Das Institut Riems wird in Europa einzigartig sein: mit einem Labor der Bio-Sicherheitsstufe 4, in dem auch Großtiere wie Schweine oder Kühe gehalten werden können. Bislang gibt es nur zwei andere derartige Labore auf der Welt, eines in Kanada und eines in Australien.

Seit drei Jahren bereiten sich die Forscher auf den Einsatz vor, üben jede Bewegung: füttern, Ställe säubern, Blut entnehmen und schließlich auch die Tiere einschläfern und sezieren - und all das in voller Schutzkleidung, einer Art gelbem Raumanzug. "Besonders riskant ist es, wenn man mit scharfen Gegenständen hantiert", sagt Sandra Diedrich, eine der Labor-Mitarbeiterinnen. Schon eine kleine Unachtsamkeit kann fatale Folgen haben. Ein Schnitt oder Riss im Schutzanzug kann tödlich enden.

"Angst wäre kein guter Begleiter"

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Bei einem Besuch auf Riems half die Kanzlerin persönlich Anne Balkema-Buschmann beim Anziehen des Schutzanzugs.

"Eine Anspannung ist natürlich da", sagt Anne Balkema-Buschmann, die stellvertretende Laborleiterin. "Aber Angst wäre sicher kein guter Begleiter, Respekt muss man jedoch immer haben." Die Arbeit in dem Labor ist anstrengend. "Es dauert alles viel länger, als man es gewohnt ist", sagt Balkema-Buschmann. "Es ist alles umständlicher und schwieriger, weil man auch ungeschickter ist mit diesen vielen Paar Handschuhen, die man da trägt."

Um sich und andere Menschen zu schützen, müssen die Tierpfleger und Wissenschaftler, die in dem Labor arbeiten, strengste Sicherheitsvorkehrungen einhalten. Der Zutritt zu dem High-Tech-Stall erfolgt über spezielle Sicherheitsschleusen und erst nach einer Chemiedusche. Im Laborbereich herrscht ein ständiger Unterdruck, sodass keine Erreger nach außen gelangen können. Im Labor stöpseln sich die Forscher an blaue, geringelte Schläuche an. Darüber wird durchgängig frische, gefilterte Luft in ihre Anzüge geblasen.

Seit mehr als 100 Jahren forschen sie auf der Insel

High-Tech, von der der Namensgeber des Instituts, Friedrich Loeffler, zu seiner Zeit nur träumen konnte. Er hat schon vor mehr als  100 Jahren, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in Greifswald Tierseuchen erforscht. Er infizierte unter anderem Rinder absichtlich mit der Maul-Klauen-Seuche, um die Krankheit zu erforschen - damals noch in normalen Gebäuden. Deshalb gelangten Erreger aus Loefflers Stall auch immer wieder in die Umwelt und auf andere Tiere in der Umgebung. Besonders beliebt machte er sich damit bei den Nachbarn nicht. Loeffler zog deshalb mit seinen Versuchstieren auf die nahe gelegene Insel.

Ziel: Nutztierbestände und damit auch Menschen gesund halten

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Instituts-Präsident Thomas Mettenleiter arbeitet seit mehr als 20 Jahren auf der Insel Riems.

Das Ziel der Forscher, die heute dort arbeiten, ist noch immer das gleiche. "Wir tun das, um die Nutztierbestände gesund zu halten", sagt Prof. Thomas Mettenleiter, der Leiter des Instituts. Sie arbeiten dabei mit allen Arten von Tieren - von der Honigbiene bis zum Rind. Ziel der Forscher ist es, die Krankheiten besser zu verstehen und mögliche Impfstoffe zu testen. Aktuell beschäftigen sich die Wissenschafter besonders intensiv mit der Geflügelpest. Sie versuchen herauszufinden, wie sich die Seuche verbreitet und wie man sie am besten bekämpft. Seit Ende der 1990er-Jahre treten verstärkt Vogelgrippe-Fälle auf, was wohl damit zusammenhängt, dass insbesondere in Asien viel mehr Geflügel gehalten wird. Mit den Zugvögeln gelangen die Viren dann auch nach Europa.

Wie bei der Geflügelpest geht es bei der Arbeit der Forscher letztlich auch um die Gesundheit der Menschen. Denn viele der Erreger, mit denen sie hier experimentieren, sind sogenannte Zoonosen, Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden können.

Auch deshalb - so das oberste Ziel - dürfen keine Viren die Labore verlassen. Im Übrigen ist auch für die Tiere der Weg auf die Insel eine Einbahnstraße. Sie verbringen einige Wochen im Labor, maximal einen Monat, dann werden sie eingeschläfert und seziert. Schließlich werden die Körperteile stundenlang bei 150 Grad in einer Lauge gekocht und dann über die Kläranlage entsorgt.

Weitere Informationen

Geflügelpest: Experten sprechen von Pandemie

Die Geflügelpest hat inzwischen 13 Bundesländer und drei Kontinente erfasst. Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems sprechen von bisher unbekanntem Ausmaß. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.09.2016 | 16:00 Uhr

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