Stand: 22.08.2017 17:16 Uhr

Lichtenhagen: Zusammenbruch der Zivilgesellschaft

von Jürgen Hingst, Leiter Aktuellredaktion NDR 1 Radio MV
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Eine Woche der Erinnerung kann zumindest diejenigen stärken, die nicht wollen, dass sich Lichtenhagen wiederholt, meint Jürgen Hingst.

Die Bilder wird Rostock nicht mehr los: Das brennende Sonnenblumenhaus, grölende Leute draußen, verängstigte Menschen drinnen, hilflose Polizisten, total überforderte Politiker - Rostock-Lichtenhagen wird immer für den kurzzeitigen Zusammenbruch der Zivilgesellschaft stehen. Dabei hatte sich das Desaster schon vorher angekündigt. Migranten vorwiegend aus dem krisengeschüttelten Osteuropa suchten Schutz und fanden ihn nicht. Weder bei Behörden noch bei Bürgern. Rostock vor 25 Jahren war in jeder Hinsicht eine unsichere Stadt. Zwei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung traf der Flüchtlingsstrom auf eine Gesellschaft, die sich nach der Euphorie der Wende noch nicht gefunden hatte. Alle Strukturen der ehemaligen DDR existierten nicht mehr. Weder ökonomisch, noch politisch, noch privat.

Absehbares Desaster - verspätete Konsequenzen in der Landespolitik

Die neuen Möglichkeiten einer freien Gesellschaft - für viele Bewohner der Rostocker Plattenbauten war davon wenig zu spüren. Arbeitslosigkeit bei 20 Prozent, Verteuerung der Lebenshaltungskosten, Perspektivlosigkeit und ein ausgesprochener Sozialneid - Empathie? Fehlanzeige! Dazu ein Rassismus, der als Ergebnis gelernten Verhaltens gesehen werden muss. Denn die DDR, die sich gerne als antifaschistischer Staat verstanden hat, war genau das Gegenteil. Ausgrenzung Anderer, kaum Möglichkeiten interkultureller Begegnungen und ein archaisches Rechtsverständnis trugen erheblich dazu bei, gegen Ausländer zu sein, egal woher sie kamen. Wenn diese Haltung auf Politiker stößt, die genauso wenig Verantwortung übernehmen wollen wie die Brandstifter, dann ist das Desaster von Lichtenhagen keine Überraschung. Ein Skandal, dass der damals zuständige Innenminister in Schwerin nicht sofort seinen Hut nahm, sondern erst ein halbes Jahr später aus dem Amt gedrängt werden musste.

25 Jahre danach: Kultur des Miteinanders

Und heute, 25 Jahre danach? Immerhin gibt es eine Kultur des Miteinanders. Rostock hat gelernt. Flüchtlinge wurden aufgenommen und auf ihrem Weg nach Skandinavien begleitet. Hochschule und Hafen sind international aufgestellt. Deutsche und Vietnamesen treffen sich im Begegnungszentrum - all das sind Zeichen der Ermutigung. Aber auch nicht mehr. Die Zahl der Übergriffe gegen Migranten ist nach wie vor hoch. Aber auch die Zahl der Straftaten, die von ihnen begangen werden - eine Mischung, die der AfD bei der letzten Landtagswahl hohe Zustimmungswerte gebracht hat. Auch in Rostock-Lichtenhagen. Eine Woche der Erinnerung wird daran wenig ändern können, aber sie kann diejenigen stärken, die nicht wollen, dass so etwas jemals wieder geschieht. Allein das wäre ja schon mal ein Erfolg.

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NDR 1 Radio MV | Kommentare | 22.08.2017 | 17:10 Uhr

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