Stand: 23.10.2017 17:07 Uhr

Glyphosat - die unkalkulierbare Gefahr?

von Dana Zelck

Am Mittwoch stimmen die 28 Mitgliedsländer der EU über die Verlängerung der Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat ab. An dem Herbizid scheiden sich die Geister. Während es viele Bauern für unverzichtbar und harmlos halten, befürchten Kritiker, dass der Wirkstoff Krebs auslöst, wie es eine Studie der WHO nahelegt. Außerdem könnte das Mittel für den Schwund an Insekten mitverantwortlich sein, so Umweltschützer. Glyphosat ist das meist verkaufte Herbizid weltweit. Jährlich landen allein auf deutschen Äckern mehr als 5.000 Tonnen - gut erkennbar an den vergilbten, abgestorbenen Pflanzen.

Ein Wissenschaftler untersucht eine Probe.

Wie gefährlich ist Glyphosat?

Nordmagazin -

Der Einsatz von Glyphosat ist hoch umstritten. Ein Rostocker Forscher hat nun Beunruhigendes zur Verbreitung des Herbizids im Boden herausgefunden.

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Doktorarbeit über Wirkungen von Glyphosat im Boden

Vor der Aussaat und nach der Ernte aufgebracht, tötet es Unkräuter und Gräser, und verschafft so dem angebauten Mais, Raps oder Weizen freie Bahn. So sparen Bauern Zeit und Geld, weil sie nicht mehr pflügen müssen. Laut Hersteller wird das Molekül im Boden fest im Boden gebunden und dann schnell abgebaut. Es soll deshalb unschädlich für die Umwelt sein. Doch der Bodenkundler Peter Gros von der Agrar- und Umweltwissenschaftlichen Fakultät der Uni Rostock hat sich die Frage gestellt, ob das wirklich stimmt. Er machte deshalb die Wirkungen vom Glyphosat im Boden zum Thema seiner Doktorarbeit.

Noch Vieles unerforscht

Er meint, dass im Zusammenhang mit Glyphosat und seiner Wirkung im Boden noch vieles im Unklaren ist. Denn man sehe immer wieder, dass es sich verteilt und an Stellen wie zum Beispiel im Grundwasser bis hin zur Ostsee zu finden ist. Das sei ein Phänomen, was eigentlich nicht sein dürfte. Denn man sei in den vergangenen Jahrzehnten davon ausgegangen, dass Glyphosat sehr stark im Boden gebunden ist und nahezu nicht mobilisierbar sein sollte.

Was ist Glyphosat?

Der Wirkstoff Glyphosat ist Bestandteil von Unkrautvernichtungsmitteln. Er hemmt ein für das Pflanzenwachstum wichtiges Enzym. Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen werden durch Glyphosat nicht geschädigt. In Deutschland kommt das Mittel Schätzungen zufolge auf 30 bis 40 Prozent der Ackerflächen zur Anwendung.

Glyphosat könnte weitaus beweglicher sein als bisher gedacht

Doch das scheint ein Trugschluss zu sein. Denn erste Forschungsergebnisse des Doktoranden zeigen, dass der Wirkstoff offenbar deutlich beweglicher ist als bislang angenommen. Gros stellte fest, dass es sich nicht nur an fest verankerte Bodenbestandteile wie etwa Minerale bindet, sondern dass Eiweiße und Kohlehydrate für die Bindung im besonderen Maße verantwortlich sind. Spannend daran ist Gros zufolge, dass diese Stoffe potentiell auswaschbar sind. So sei es im gebundenen Komplex dieser Stoffe mit Glyphosat durchaus möglich, dass es ins Oberflächenwasser oder ins Grundwasser transportiert werden könnte. Das heißt, es könnte sich also ohne Probleme in der Umwelt verteilen. Das wäre eine mögliche Erklärung für die Funde des Wirkstoffs etwa in der Ostsee.

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Verdacht: Wahre Glyphosat-Konzentration im Boden nicht messbar

Die zugrundeliegenden Untersuchungen des Doktoranden waren umfangreich: 25 verschiedene Böden wurden analysiert, pro Boden 50 einzelne Messungen durchgeführt, quantenchemische Modelle von Kollegen ergänzten das Verfahren. Dabei fiel noch etwas auf: Offenbar binden die Kohlenhydrate und Eiweiße Glyphosat im Boden so, dass es mit den gängigen Messmethoden nicht mehr erfasst werden kann. Das legt den Verdacht nahe, dass die Mengen an Glyphosat, die derzeit gemessen werden, nicht stimmen könnten. Möglicherweise ist mehr da, eventuell viel mehr. Sollte sich das bestätigen, wäre das eine Sensation.

Mit markiertem Glyphosat Verbreitung erforschen

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Für Burkhard Roloff vom BUND muss Glyphosat möglicherweise neu bewertet werden.

Um die Ergebnisse der Laborversuche zu untermauern, forscht Gros weiter. Aktuell läuft ein aufwendiger Feldversuch. Dabei benutzt der Wissenschaftler einen Trick, mit dem er das Glyphosat sichtbar machen will: Der 33-Jährige hat speziell markiertes Glyphosat in den Boden eingebracht. Gros meint, er würde dann in dieser Form das isotopenmarkierte Glyphosat besser erkennen und so gezielter nachweisen können, wie hoch die Konzentration in einzelnen Bodenteilen ist. Gros hofft also, es auf diese Art finden zu können - auch wenn es mit den Kohlehydraten und Eiweißen im Boden verbunden ist. Das könnte möglicherweise auch Rückschlüsse auf versteckte höhere Mengen zulassen.

BUND: Glyphosat müsste neu bewertet werden

Sollte sich der Verdacht des Wissenschaftlers bestätigen, verlangt Bodenexperte Bukhard Roloff vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Glyphosat komplett neu zu bewerten. Für Roloff bestätigen die Ergebnisse des Doktoranden die Vermutung der Umweltschützer, dass Glyphosat mobil und deshalb im gesamten Ökosystem vorhanden ist. Bisher, so sagt er, habe es einfach keine Methoden gegeben, das nachzuweisen. Sollten sich die Ergebnisse des Rostocker Wissenschaftlers bestätigen, sei das ein Durchbruch, um zu belegen, wie sich Glyphosat verändert, wie es mobilisiert wird und wo es hingelangt - und das sei eben nicht nur das Grundwasser, sondern auch die Nahrungskette. Mit wissenschaftlich belastbaren Ergebnissen rechnet Gros im kommenden Jahr. Die für Mittwoch anberaumte Entscheidung der EU-Staaten für oder gegen Glyphosat werden die Forschungen wohl nicht mehr beeinflussen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 23.10.2017 | 19:30 Uhr

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