Stand: 17.07.2015 13:28 Uhr

Flüchtlingsmädchen Reem darf vermutlich bleiben

Das Video von Kanzlerin Merkel und der 14-jährigen Palästinenserin Reem wird im Netz heiß diskutiert. Unabhängig davon steht nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudio nun fest: Reem darf offenbar in Deutschland bleiben. Für ihre Familie könnte, nach allem was bisher bekannt ist, ein neues Gesetz gelten, das bereits im Sommer in Kraft treten könnte.

Menschen, die bisher einen unsicheren Aufenthaltsstatus hatten und sich erfolgreich integriert haben, können demnach ein Bleiberecht in Deutschland erhalten. Das würde gerade für gut integrierte Jugendliche und Heranwachsende bedeuten, dass sie schon nach vier Jahren erfolgreichen Schulbesuchs in Deutschland künftig gute Aussichten auf ein Bleiberecht hätten, so ein Regierungssprecher. Die umfassende Reform des Aufenthaltsgesetzes hatte kürzlich den Bundesrat passiert. Das Gesetz muss noch vom Bundespräsidenten unterschrieben werden, um in Kraft zu treten.

Auf dem Bürgerdialog in Rostock erzählte die 14-Jährige aus dem Libanon geflohene Palästinenserin Reem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Geschichte, die das Dilemma von Asylsuchenden und Flüchtlingen emotional vor Augen führt. Merkels Reaktion wurde schnell zum Gegenstand einer kontroversen Debatte vor allem in den sozialen Netzwerken.

"Habe Ziele wie jeder andere"

Reem lebt mit ihrer Familie seit vier Jahren in Rostock. Seitdem besucht sie die integrativ arbeitende Schule und hat schon Deutsch und Englisch gelernt, dazu etwas Schwedisch. Ihr Vater habe früher als Schweißer gearbeitet, ohne Aufenthaltsgenehmigung dürfe er nicht beschäftigt werden. Über den Asylantrag sei noch nicht entschieden worden, sagte sie. Möglicherweise droht ihr die Abschiebung. "Ich habe ja auch Ziele so wie jeder andere", sagte Reem bei dem Gespräch der Kanzlerin mit rund 30 Schülern der Paul-Friedrich-Scheel-Schule. "Ich möchte studieren, das ist wirklich mein Wunsch. Aber es ist wirklich unangenehm zuzusehen, wie andere das Leben genießen können - und man es selber nicht mitgenießen kann."

Die Kanzlerin ringt um Worte

"Ich verstehe das", entgegnete Merkel noch ganz im Stile der nüchternen Politikerin. "Und dennoch - Politik ist manchmal auch hart ..." Und dann rang die Kanzlerin um die richtigen Worte. "Wenn du jetzt vor mir stehst - du bist ja ein unheimlich sympathischer Mensch - aber du weißt auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende. Und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen und ihr könnt alle aus Afrika kommen - das können wir auch nicht schaffen." Die Regierung sei in einem Zwiespalt, aber versuche, die Dauer bis zur Entscheidung über Anträge zu verkürzen. "Aber es werden manche auch wieder zurückgehen müssen."

"Deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln"

Merkel begann, mit ihren Ausführungen routiniert fortzufahren - doch dann geriet sie plötzlich ins Stocken, als sie sah, dass Reem zu weinen begann. Die Kanzlerin ging auf Reem zu und versuchte sie zu trösten. "Du hast das doch prima gemacht." Als der Moderator des Bürgerdialogs daraufhin einwandte, dass es nicht ums Prima-Machen, sondern um eine belastende Situation gehe, bügelte Merkel ihn barsch ab. "Das weiß ich, dass es um eine belastende Situation geht. Und deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln." Ganz an die weinende Reem gewandt, lobte die Kanzlerin, wie eindrucksvoll das junge Mädchen das Dilemma von Flüchtlingen dargestellt habe.

zurück
1/4
vor

Dialog sorgt für Wirbel in sozialen Netzwerken - #merkelstreichelt

In den sozialen Netzwerken wie Twitter sorgte der Dialog unter dem Hashtag #merkelstreichelt für viel Aufsehen. Viele Nutzer reagierten mit heftiger Kritik auf Merkels Verhalten gegenüber dem Mädchen. Es gab aber auch Stimmen, die die Reaktion der Kanzlerin als professionell bezeichneten.

Gespräch über Vorstellungen von Lebensqualität in Deutschland

Urspünglich wollte die Bundeskanzlerin bei dem Bürgerdialog "Gut leben in Deutschland" mit den Schülern im Alter von 14 bis 17 Jahren über deren Vorstellungen von Lebensqualität diskutieren. Dass dazu auch das Schicksal von Flüchtlingen gehört, wurde deutlich.

DGB Nord, Linke und Grüne aus MV kritisieren Merkels Verhalten

Der Deutsche Gewerkschaftsbund Nord meint, die Reaktion Merkels sei das falsche Signal an die Fachkräfte von morgen. Deutschland brauche motivierte Menschen wie das Mädchen Reem. Die Bundeskanzlerin sollte ihren Auftritt überdenken und sich erneut mit dem Mädchen treffen. Die Linksfraktion im Schweriner Landtag kritisierte, Merkel habe schlaglichtartig die unmenschliche Flüchtlingspolitik entlarvt.

Die Grünen kündigten an, sie würden eine mögliche Abschiebung der Familie zum Thema im Rechtsausschuss des Schweriner Landtags machen. Jetzt gehe es darum, dem Mädchen zu helfen.

Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) sagte, man werde sich den Fall des Mädchens und seiner Familie, wie alle anderen auch, noch einmal ganz genau anschauen. Allerdings sei eine willkürliche Einzelentscheidung nach deutschem Recht nicht möglich.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 17.07.2015 | 08:10 Uhr