Stand: 31.10.2015 16:26 Uhr

Flüchtlinge: Rostock mit Latein am Ende

Hilferuf einer 200.000-Einwohner-Stadt: Rostock sieht sich angesichts steigender Flüchtlingszahlen und belegter Notunterkünfte an der Grenze seiner Belastungsfähigkeit. "Wir bekommen niemanden mehr unter", hieß es aus dem Verwaltungsstab der Hansestadt. Die neun Notunterkünfte seien voll. In der Nacht sei zusätzlich die Sporthalle der Goetheschule geöffnet worden, damit sich Flüchtlinge dort aufwärmen konnten. Weil aber immer mehr Flüchtlinge am Hauptbahnhof eintreffen, habe sich die Stadt entschlossen, die weiße Fahne zu hissen, sagte ein Sprecher.

Flüchtlingszahl nach oben korrigiert

Am Sonnabendmorgen hieß es, dass mehr als 1.900 Flüchtlinge auf der Durchreise nach Schweden kürzlich in der Stadt angekommen seien. Am Freitagnachmittag war noch von rund 1.600 die Rede, die Kapazitätsgrenze liegt derzeit aber bei 1.500. Bis in die frühen Morgenstunden seien im Zwei-Stunden-Takt mehr als 300 Personen mit jedem Regionalexpress aus Hamburg in Rostock eingetroffen. Auch wenn sich die Lage im Lauf des Vormittags etwas entspannte, weil 200 Flüchtlinge auf Fähren weiterreisten und in den Zügen weniger Neuankömmlinge waren, könne von Entwarnung keine Rede sein, hieß es nach einem Krisentreffen. Im Rostocker Überseehafen stehen für die Überfahrten ins schwedische Trelleborg maximal 400 Fährtickets zur Verfügung - zu wenig, um die Rostocker Notunterkünfte zu entlasten. Die Wartezeiten bis zur Überfahrt verlängern sich auf vier bis fünf Tage.

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"Unsere logistischen Möglichkeiten sind ausgeschöpft"

Schon am Freitagabend waren nach Angaben von Stadtsprecher Ulrich Kunze sämtliche für die Unterbringung genutzten Sport-, Gewerbe- und Konzerthallen sowie das Rathausfoyer vollständig belegt gewesen: "Unser großes Problem ist: Sicherlich könnten wir noch weitere Sporthallen mit ans Netz nehmen, aber unsere logistischen Möglichkeiten sind einfach ausgereizt. Wir brauchen ja für jeden neuen Standort auch eine komplette Betreuungsschiene. Das können wir im Moment gar nicht mehr abdecken." Die kurzfristige Einrichtung weiterer Unterkünfte sei zudem nicht möglich, weil keine geeigneten Immobilien zur Verfügung stünden.

Thorsten Sohn von der Organisation "Rostock hilft" verwies darauf, dass es trotz allem gelungen sei, in der Nacht kurzfristig noch 150 Menschen unterzubringen. Einen Engpass wie in der Nacht zum Sonnabend habe es bereits vor sechs Wochen gegeben. "Wir müssen jetzt schauen, wie wir in den nächsten Tagen über die Runde kommen", sagte Sohn.

Ankommenden drohen Nächte im Freien

Wer nun noch mit dem Zug ankomme, müsse damit rechnen, im Freien zu übernachten, hieß es. Die in den vergangenen Tagen angekommenen Flüchtlinge seien teilweise auch mit Bussen nach Sassnitz auf Rügen gebracht worden, wo ebenfalls Fähren nach Schweden verkehren. Aber auch das habe nur wenig Entlastung gebracht. Laut Kunze sind nun in erster Linie der Bund und das Land Mecklenburg-Vorpommern gefordert. Zusammen mit den freiwilligen Helfern habe man seit Wochen versucht, Obdachlosigkeit zu verhindern. "Wir hatten heute Nacht ein Grad hier an manchen Stellen in Rostock. Da brauchen wir nicht mehr darüber reden, dass man im Freien schlafen kann", so Kunze.

Innenminister verspricht Hilfe

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) verwies darauf, dass es sich bei den nach Schweden reisenden Syrern rechtlich um Transitreisende und nicht um Asylbewerber handle. "Für deren Unterbringung im Gefahrenfall ist und bleibt die Kommune, also die Hansestadt Rostock, zuständig", so Caffier. Dennoch sei der Hansestadt Hilfe bei Transportkapazitäten und Unterbringungsmöglichkeiten angeboten worden. So soll von Sonntag an das alte physikalische Institut am Universätsplatz mit 114 Plätzen wieder für die Nutzung als Notunterkunft zur Verfügung stehen.

"Das Problem wird nicht wahrgenommen"

Laut Kunze ist die Situation in Rostock mit der in anderen norddeutschen Küstenstädten vergleichbar. "Es ist kein regionales Problem. Es ist die Frage, wie Deutschland mögicherweise auch mit den Nachbarländern kooperieren kann", sagte Kunze NDR 1 Radio MV. Einerseits würden in Deutschland mit Blick auf die Geschehnisse an der Grenze zu Österreich Vorwürfe laut, "aber auf der anderen Seite wird dieses Problem öffentlich bisher kaum wahrgenommen".

Zwischenstation für 26.000 Flüchtlinge

Nach Angaben des Stadtsprechers war die Hansestadt Rostock seit dem 8. September Zwischenstation für rund 26.000 Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Skandinavien. Sie wurden von Mitgliedern des Helfernetzwerks "Rostock hilft" und des Deutschen Roten Kreuzes betreut.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 31.10.2015 | 17:00 Uhr