Stand: 15.05.2017 17:29 Uhr

Experten: Große Gefahr durch "Rostbomben" im Meer

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Immer wieder stoßen Menschen an Nord- und Ostsee auf Kampfmittelreste - eine unterschätzte Gefahr, meinen Experten. (Archivbild)

Etwa 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220.000 Tonnen chemische Kampfmittel liegen noch immer auf dem Grund von Nord- und Ostsee als Überbleibsel beider Weltkriege. Die von ihnen ausgehende Gefahr für Mensch und Umwelt könnte laut Experten größer sein als bisher angenommen. So wurden bei Untersuchungen der Plattfisch-Art Kliesche in einem Bereich der Kieler Außenförde, in dem nach den Weltkriegen große Mengen Kampfmittel versenkt worden waren, eine 25-prozentige Rate von Lebertumoren festgestellt, wie Ulrike Kammann vom Hamburger Thünen-Institut für Fischereiökologie am Montag bei einer Fachkonferenz mit rund 50 Teilnehmern in Rostock-Warnemünde mitteilte.

"Müssen genauer hinschauen"

In drei Vergleichsgebieten in der Ostsee habe die Tumorrate bei unter fünf Prozent gelegen. "Die Daten sind wichtige Hinweise darauf, dass wir dort genauer hinschauen müssen", sagte Kammann. Insbesondere der Sprengstoff TNT und dessen Abbauprodukte stehen im Verdacht, Tumore zu verursachen. Bei Fischembryonen in Laborbecken seien Missbildungen bei Wirbelsäulen aufgetreten. Wissenschaftler vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel hatten zudem festgestellt, dass Muscheln, die direkt auf den verrosteten Bomben sitzen, das TNT aufnehmen.

Hinzukomme, dass Vögel Muscheln fressen und dass sich das TNT an Mikroplastik-Partikel anlagert, sagte Claus Böttcher vom Kieler Umweltministerium. Das TNT, das aus den Bomben tritt, könne sich auch an Algen anlagern, die Algen könnten das TNT aber auch verstoffwechseln. "Da entstehen dann Abbaustoffe, die noch giftiger sind, als das TNT selbst", so Böttcher. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich der Zustand der Kampfmittel durch Rost teils dramatisch verschlechtert, das TNT gelange bereits in kleineren Mengen in die Umwelt.

2016 gab es Hunderte Munitionsfunde

Neben der Freisetzung giftiger Inhaltsstoffe geht auch von den Kampfmitteln selbst eine große Gefahr aus, denn die rostende Munition kann noch immer explodieren. Laut dem Umweltministerium Schleswig-Holstein wurden im vergangenen Jahr insgesamt 1.428 Kampfmittel bei 264 Funden in Nord- und Ostsee gemeldet. So entdeckten Sporttaucher mehrere Kisten mit Flakmunition in der Flensburger Förde. Auf der Nordseeinsel Juist stießen Vogelkundler auf Seeminen und an Stränden der Mecklenburgischen Ostseeküste wurden in Ahrenshoop und Rerik große Mengen Kampfmittel angespült. Als besonders gefährlich gilt das selbstentzündliche Phosphor, das Bernstein zum Verwechseln ähnlich sieht und immer wieder zu Verbrennungen bei Strandspaziergängern führt.

Wer bezahlt die Rechnung?

Auf dem Treffen in Rostock wurde deutlich, dass die Politik das Thema zu lange ignoriert habe. Das liege auch daran, dass die Politik die immensen in die Milliarden gehenden Kosten scheue. Denn es sei nicht klar, wer die Rechnung zu bezahlen hätte: Die Anrainer-Staaten? Die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des "Dritten Reichs", das den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hat? Oder die Alliierten, weil sie die Vernichtung der Waffen befohlen haben?

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Gefahr durch Munition in Nord- und Ostsee

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Genauere Gefahreneinschätzung möglich

Dank der von Forschern unter anderem des Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IWO) und des Helmholtz-Instituts Kiel entwickelter Simulationsmodelle ist mittlerweile zumindest eine genaue Gefahrenanalyse möglich geworden, die etwa beim Verlegen von Kabeltrassen für Windparks angewendet wird. Die Fachleute sprachen sich dafür aus, ein Umweltmonitoring von größeren Munitionsvorkommen auf den Weg zu bringen. Allein in der Ostsee gibt es acht sogenannte Munitionsversenkungsgebiete. Hinzu kommen 50 munitionsbelastete Flächen und 21 Verdachtsflächen. Auf diese verteilen sich geschätzt 400.000 Tonnen Munition. Die Hüllen aus Stahl rosten mit rund 0,1 Millimeter im Jahr. Nach mehr als 70 Jahren fehlen demnach rund sieben Millimeter Ummantelung. Inzwischen unterstützt auch die Politik Pläne der Wissenschaftler. So gibt es etwa Überlegungen, mit ferngesteuerten Robotern aufgefundene Granaten aufzuschneiden und den Sprengstoff unschädlich zu machen.

Experte: Noch 30 Jahre Zeit

Positiv sei, dass die meisten der versenkten Minen, Bomben oder Granaten noch geschlossen sind. "Wir haben bestimmt noch 30 Jahre, in denen wir in Ruhe mit dieser Belastung umgehen können", sagte Böttcher. Die Bomben könnten beispielsweise geborgen werden. So seien im vergangenen Jahr 3.000 Granaten geborgen worden. Es sei jedoch wichtig, heute mit den Forschungen zu beginnen. "Die Technik muss da sein, wenn wir sie brauchen." 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 15.05.2017 | 16:00 Uhr

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