Stand: 29.02.2016 17:17 Uhr

Auschwitz-Prozess wegen Krankheit vertagt

Der Auschwitz-Prozess vor dem Landgericht Neubrandenburg ist vertagt worden. Der angeklagte ehemalige SS-Sanitäter Hubert Z. sei krank, teilte das Gericht am Montag mit. Der 95-Jährige leide nach Angaben einer Notärztin unter hohem Blutdruck und habe Selbstmordgedanken. Das soll nun ein Amtsarzt prüfen. Vor dem nächsten Verhandlungstermin am 14. März soll der Angeklagte noch einmal eingehend von einem Facharzt und einem psychiatrischen Gutachter untersucht werden. Auch seine Transport- und Verhandlungsfähigkeit soll noch einmal begutachtet werden.

"Bewegungsunfähig auf der Bettkante"

Laut dem Vorsitzenden Richter der Schwurgerichtskammer, Klaus Kabisch, soll sich der Beschuldigte vor mehreren Tagen einen Arm gebrochen haben. Dennoch habe er zum Prozess kommen wollen. Doch am Wochenende sei es dem Mann schlechter gegangen, seine Söhne hätten den Rettungsdienst gerufen, weil ihr Vater "quasi bewegungsunfähig auf der Bettkante gesessen" habe. Der betagte Mann gesagt haben, dass er am Ende sei, nicht mehr könne und "zu Mutti" wolle. Die Frau des 95-Jährigen war 2011 gestorben.

Auschwitz-Komitee: "Respektlose Verzögerungstaktik"

Die Stimmung am ersten Verhandlungstag zwischen allen Beteiligten war ziemlich aufgeheizt. Man konnte spüren, dass es im Vorfeld viel Diskussion um den Prozess gegeben hatte. Der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, bezeichnete die Vertagung als "offensichtliche Verzögerungstaktik, die respektlos gegenüber den Opfern ist." Ein solches Vorgehen der Verteidigung sei weder der Ernsthaftigkeit noch der Entsetzlichkeit der Thematik angemessen, so Heubner weiter. Auch der Anwalt eines Nebenklägers, Cornelius Nestler, zeigte sich unzufrieden: "Der Angeklagte versucht offensichtlich mit Ärzten zu sagen, dass er diesem Verfahren nicht gewachsen ist. Unabhängige, spezialisierte Gutachter sind zu einem anderen Ergebnis gekommen."

Streit um Verhandlungsfähigkeit

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Beihilfe zum Mord in mindestens 3.681 Fällen vor. Z. soll vom 15. August bis zum 14. September 1944 in der SS-Sanitätsdienststaffel Auschwitz-Birkenau als Unterscharführer tätig gewesen sein. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Mann drei bis 15 Jahre Haft. Der Gesundheitszustand des Angeklagten hatte bereits im Vorfeld des Prozesses zu Streit geführt. In dem Verfahren sollen sich Gutachter zum aktuellen Gesundheitszustand des Beschuldigten äußern, hieß es. Davon hänge die weitere Prozessplanung ab. Gegen den Mann aus einem Dorf bei Altentreptow (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) wird seit zwei Jahren ermittelt. Zuletzt hatte das Landgericht mehrere Befangenheitsanträge gegen die mit dem Verfahren befasste Schwurgerichtskammer als unbegründet zurückgewiesen.

Späte Aufarbeitung umstritten

Die späte juristische Aufarbeitung des Falles ist umstritten. "Die deutsche Justiz hat jahrzehntelang geschlafen. Und jetzt versucht man - und ich weiß das im Fall meines Mandanten - einen Unschuldigen vor die Strafgerichte zu stellen", sagte Verteidiger Peter-Michael Diestel dem Nordmagazin des NDR Fernsehens. "Auschwitz war ein Ort, bei dem man nicht mitmachen durfte. Punkt", rechtfertigte dagegen der Kölner Strafrechtler Nestler den Prozess.

Staatsanwaltschaft: Angeklagter wusste, was in Auschwitz geschah

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft Schwerin wusste er, dass es sich bei dem Lager in Auschwitz-Birkenau um ein Vernichtungslager handelte. Z. sei dabei gewesen, als mindestens 14 Deportationszüge im Vernichtungslager ankamen - darunter auch einer mit Anne Frank, der Verfasserin der bekannten Tagebücher, die 1945 im KZ Bergen-Belsen starb. Von den Häftlingen dieser Deportationszüge seien 3.681 in den Gaskammern ermordet worden, so die Staatsanwaltschaft.

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Schon einmal in Polen verurteilt

Da sich der Mann "in die Lagerorganisation unterstützend" eingefügt habe, habe er an der Vernichtung mitgewirkt und diese befördert. Anwalt Diestel bestreitet eine Schuld seines Mandanten. Z. war nach dem Krieg in Polen für einen Einsatz im KZ von Oktober 1943 bis Januar 1944 zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Diese Strafe habe er verbüßt. In dem jetzt verhandelten Zeitraum habe der Sanitäter lediglich SS-Angehörige betreut, so Diestel.

Großes Medieninteresse

Das öffentliche Interesse an dem Prozess ist nach Gerichtsangaben groß. Rund 50 Medienvertreter wollen demnach von dem Prozess aus dem Gericht berichten. Der Verhandlungssaal sei von 50 auf 100 Besucherplätze erweitert worden. Bereits vorab diskutierten Experten in Neubrandenburg auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung über den Prozess.

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