Stand: 21.08.2017 23:00 Uhr

25 Jahre danach: Wie Rostock der Krawalle gedenkt

von Jette Studier
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Mit einem Archiv will Rostock die Erinnerung an die schweren Ausschreitungen von 1992 bewahren.

25 Jahre nach den Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen wächst zehn Kilometer südlich des Sonnenblumenhauses ein Archiv. "Lichtenhagen im Gedächtnis" heißt das Projekt. Im Auftrag der Stadt hat der Verein Soziale Bildung in den vergangenen anderthalb Jahren rund 1.000 Dokumente zusammengesammelt. Sie stammen aus jenen Tagen im August, in denen ein Mob von Tausenden Menschen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) belagerte und schließlich ein Wohnhaus für ehemalige Vertragsarbeiter aus Vietnam mit Brandsätzen angegriffen wurde - während sich die Polizei zurückzog. Lichtenhagen 1992 - das waren die schwersten rassistischen Ausschreitungen in der Geschichte der Bundesrepublik.

Rainer Hagen im Interview

"Das ist ein Schatten in meinem Leben"

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Rainer Hagen war vor 25 Jahren Leiter der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen. Die vier Tage der Ausschreitungen im August 1992 wird er nie vergessen.

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Ein Archiv aus der Zivilgesellschaft

Fotos und Zeitungsartikel aus diesen Tagen liegen heute in grauen Plastikkisten sortiert neben maschinengeschriebenen Protokollen der Ereignisse. Die Dokumente erzählen von den Angriffen, aber auch von der Vorgeschichte und den Konsequenzen der Ausschreitungen. Vieles hier komme von Privatleuten, sagt Martin Arndt, der im Rostocker Peter-Weiß-Haus für das Projekt zuständig ist. Das Archiv solle genau diesen Charakter tragen: Es komme aus der Rostocker Zivilgesellschaft - und dort spiele Lichtenhagen noch immer eine große Rolle: "Jedes Mal, wenn ich mit Schülern in Kontakt komme: Die wissen alle was darüber", erzählt Arndt.

Aufklärung gegen "Mythen" und "Sagen"

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Die Krawalle von Lichtenhagen spielen in der Rostocker Zivilgesellschaft noch immer eine Rolle, meint Martin Arndt, der den Aufbau eines Lichtenhagen-Archivs leitet.

Oft gehe es dann noch immer um "Mythen" oder "Sagen", wie er sie nennt. Sie handeln davon, dass Asylbewerber angeblich vor der ZAst Möwen grillten. Sie erzählen, dass an den Angriffen auf das Sonnenblumenhaus keine Rostocker beteiligt waren, sondern nur angereiste Nazis Krawall gemacht hätten. Geschichten wie diese sind nicht wahr, aber sie halten sich seit einem Vierteljahrhundert. "Mir begegnet in der Bildungsarbeit viel, dass es erst mal um Aufklärungsarbeit geht", sagt Arndt.

Für diese Aufklärungsarbeit ist das Archiv gedacht. Von September an soll es im Peter-Weiß-Haus einen Archivraum mit angeschlossenem Seminarraum geben. Mit den Dokumenten könnten dann Forschung und Medien arbeiten, so der Plan. Vor allem aber sollen sich dort Schüler mit den Ereignissen vor 25 Jahren auseinandersetzen.

"Wir wollen Verantwortung tragen"

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Für den Rostocker Bürgerschaftspräsidenten Wolfgang Nitzsche (Linke) gibt es viele Verantwortliche für das Pogrom.

Das Archiv ist Teil eines Gesamtkonzepts der Stadt Rostock zum Gedenken an Lichtenhagen. Eine zentrale Gedenkfeier am Dienstagabend bildet den Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe in der Hansestadt, die am Sonnabend mit einem Tag der Vielfalt am Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen endet. "Wir wollen Verantwortung tragen für dieses Pogrom", sagt der Präsident der Rostocker Bürgerschaft, Wolfgang Nitzsche (Linke). "Und es war ein Pogrom in Rostock", schiebt er gleich hinterher. Unter anderem über diese Bezeichnung habe es im Vorfeld des Gedenkens viele Diskussionen gegeben. Umstritten war aber auch die simple Frage: Wer ist verantwortlich?

Kunst soll Versäumnisse sichtbar machen

Der Stadtteil und insbesondere das brennende Sonnenblumenhaus, von dem vor 25 Jahren Bilder um die Welt gingen, stehen bis heute als Symbol für Fremdenfeindlichkeit. Die Verantwortung für die Ausschreitungen liege allerdings nicht bei den Lichtenhägenern allein, sondern bei vielen, argumentiert Nitzsche. Versagt hätten damals unter anderem die Stadtverwaltung, die Medien und die Staatsgewalt. Auch ihre Versäumnisse werden jetzt in Rostock sichtbar - über Kunst.

Kommentar

Zusammenbruch der Zivilgesellschaft

Das brennende Hochhaus, grölende Leute draußen, verängstigte Menschen drinnen - Rostock-Lichtenhagen steht auch heute für den Zusammenbruch der Zivilgesellschaft. Ein Kommentar von Jürgen Hingst. mehr

Fünf Stelen mahnen an Verantwortlichkeit

In einer Gedenkwoche sollen in der Stadt fünf Stelen des Rostocker Künstlerkollektivs "Schaum" enthüllt werden. Sie sind jeweils an den Orten platziert, an denen Verantwortungsträger in der Stadt sitzen. Die Stele "Politik" wird vor dem Rathaus erinnern, eine weitere mit dem Titel "Staatsgewalt" vor dem Rostocker Polizeigebäude. Die Verantwortung der Medien soll eine Stele vor dem Verlagsgebäude der "Ostsee-Zeitung" symbolisieren. Wolfgang Nitzsche legt Wert darauf, dass ein Kunstwerk mit dem Titel "Gesellschaft" auch am ehemaligen Standort des Jugendzentrums "JAZ" stehen soll: "Um zu zeigen, es gab damals auch junge Menschen, die haben sich dem entgegengestellt." Ganz verschwinden wird das Gedenken aus Lichtenhagen aber nicht. Auch am Sonnenblumenhaus wird eine Stele stehen, ihr Titel: "Selbstjustiz". 

Weitere Informationen
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Archiv erinnert an Pogrome in Lichtenhagen

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Das Rostocker Archiv "Lichtenhagen im Gedächtnis" hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Lichtenhagen von 1992 zu erinnern. Video (02:20 min)

Vor 25 Jahren: Ausschreitungen in Lichtenhagen

Vor 25 Jahren, am 22. August 1992 begannen die ausländerfeindlichen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen. Die Bilder des brennenden Sonnenblumenhauses gingen um die Welt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 22.08.2017 | 07:00 Uhr

Chronologie der Krawalle in Rostock-Lichtenhagen

Vier Tage dauern die Übergriffe an - was geschah wann? Eine Chronik der Ereignisse im August 1992. mehr

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