Stand: 09.01.2016 10:19 Uhr

Sprengungen light: Bunkerabriss im Wohngebiet

von Daniel Sprenger, NDR.de

Hinter der von Efeu umrankten Gittertür liegt trockenes Laub, das sich seit Jahren vor der Eingangsschleuse gesammelt hat und von niemandem mehr weggefegt wurde. Seitdem der Hochbunker an der Methfesselstraße in Hamburg-Eimsbüttel nicht mehr für den Zivilschutz benötigt wird, steht er völlig nutzlos, aber weiterhin so trutzig und abweisend grau an der Straßenecke wie seit seinem Bau im Zweiten Weltkrieg. Bis ihn das Hamburger Wohnungsbauunternehmen Otto Wulff gekauft hat. Dieses will hier ein modernes Gebäude mit 29 Wohnungen errichten. Doch dafür muss erst einmal der Bunker weg.

Letzter Rundgang durch den Bunker

Letzte Bunkerbesichtigung mit Stirnlampen

Kurz bevor der Abriss Anfang Januar beginnt, führt Sebastian Schwartau vom Verein Hamburger Unterwelten ein letztes Mal ins Innere des fünfstöckigen Betonkolosses, der als Schutzraum für 877 Menschen vorgesehen war. Nach der Schleuse und der gelb-grauen Stahltür umfängt den Besucher völlige Dunkelheit. Der Strom sei schon vor Langem abgestellt worden, sagt Schwartau. Daher müssen Stirnlampen den Weg weisen.

Ihr Schein fällt in engen Räumen auf dicht an dicht montierte Liegen, einen kupfernen Kochkessel und Toiletten, neben denen ordentlich die Klobürsten stehen. Sogar Toilettenpapier ist noch vorhanden, zwar etwas klamm, aber noch abzurollen. Nach fast 60 Jahren. "Errichtet wurde der Bunker zwar in den Jahren 1941 bis 1942", sagt Schwartau. Allerdings sei er dann von 1957 an drei Jahre lang umgebaut worden zum Atomschutzbunker. "Nur noch der Beton ist hier aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Einrichtung ist später umgerüstet worden." Und seit den späten 1950er-Jahren unverändert.

Lockerungssprengungen: "Es macht einfach 'puff'"

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Kai Millfarth (l.) und sein Kollege Ralf Pietsch vom Abbruchunternehmen beruhigen die Nachbarn: Von den Sprengungen würde man kaum etwas mitbekommen.

Bis jetzt. In der ersten Januarwoche stapeln sich herausgebrochene Liegen und Bänke vor dem Bunker, sie warten auf den Abtransport zum Schrottplatz. Die Entkernung des Inneren geht dem Abbruch der mächtigen Außenhülle voraus. Vor Letzterem haben die Nachbarn in den umliegenden Altbauten große Sorge. Sie hinterfragen an einem Infotag vor allem die Absicht, mit Sprengungen die 1,20 Meter dicken Außenwände zu schwächen und fürchten, dass Vibrationen und Erschütterungen zu Rissen in den Wänden ihrer Wohnungen führen. Doch Kai Millfarth, Bauleiter des Abbruchunternehmens Wilko Wagner, beruhigt die Anwohner: "Ich wage zu behaupten, dass Sie die Sprengungen gar nicht mitbekommen. Das macht einmal 'puff' und das war's."

Letztlich würden die sogenannten Lockerungssprengungen sogar dazu dienen, die Erschütterungen zu reduzieren. Denn die Sprengladung werde in die Wände auf einem Abschnitt von jeweils 15 bis 20 Metern stets mit 40 Zentimeter Abstand zur Innenseite eingebracht. "Dafür werden etagenweise Vertikalbohrungen gemacht, sodass die Ladung bis in zwei Meter Tiefe reinkommt. Die Ladung geht dann nach innen weg."

Trümmer werden nach innen weggezogen

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Website zum Bunkerabriss

Das Wohnungsbauunternehmen hat eigens eine Agentur mit der Anwohnerkommunikation beauftragt. Auf einer Webseite informiert sie über den Abriss und den geplanten Neubau. extern

Das verursache deutlich weniger Lärm als die komplette Betonwand mit schwerem Gerät wie einer Fräse zu zerkleinern, ergänzt Millfarths Kollege Ralf Pietsch. Auf dem Bunker stehe nur ein Bagger, der die stehengebliebene Außenwand von 80 Zentimetern mit einer Schere zerteilt und nach innen zieht.

Um den dabei entstehenden Krach zu dämpfen, wird der Bunker komplett eingerüstet. Die dämmenden Kunststoffplatten gehen drei Meter über die jeweilige Arbeitsebene hinaus. Das gleiche Verfahren wende seine Firma auch andernorts an, sagt Millfarth - etwa beim umstrittenen Abriss des wegen seiner historischen Malereien denkmalgeschützten Bunkers am Eidelstedter Weg.

Bagger baut sich eigene Rampe nach unten

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Anfang Januar beginnen die Abbrucharbeiten mit der Entkernung: Die Bänke und Pritschen sind jetzt nur noch Schrott.

Der Schutt werde schließlich durch einen Schacht, der zu Beginn der Abbrucharbeiten erstellt wird und im Bunker von oben nach unten durchgeht, den sogenannten Fuchs, nach unten befördert. Ein kleinerer Bagger kann so die Trümmer herausholen und auf Lkw verladen. Der "Fuchs"-Bau werde wohl das Lauteste am ganzen Abbruch werden, meint Pietsch, weil die Wand einmal komplett durchgebohrt werden müsse. Auf der eigens für den Abriss erstellten Internetseite heißt es dazu: "Diese Arbeiten werden ca. 3-4 Tage in Anspruch nehmen und hinsichtlich des Schalls nicht ganz leicht in den Griff zu bekommen sein."

Anfang Februar sollen die ersten Sprengungen stattfinden. Der Bagger baut sich dann kontinuierlich aus den reingezogenen Trümmern eine Rampe, um auf die jeweils nächste Etage zu gelangen. Bereits Ende Mai, so der ambitionierte Zeitplan, soll er am Sockel angekommen sein. Unmittelbar nachdem der Bunker verschwunden ist, starten die Bauarbeiten für das Wohnhaus.

Karte: Bunkerabriss in der Methfesselstraße
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