Stand: 16.06.2011 15:00 Uhr

Reeperbahn: Streit über Abriss wird schärfer

von Heiko Block, NDR.de
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Eine Entscheidung über den Abriss der "Esso-Häuser" ist noch nicht gefallen.

Werden die "Esso-Häuser" an der Hamburger Reeperbahn abgerissen oder doch nur saniert? Das ist derzeit die heiß diskutierte Frage im Stadtteil St. Pauli. Zum Gebäudekomplex am Spielbudenplatz gehören zwei Blocks mit 110 Wohnungen, eine Tiefgarage, Läden, Kneipen, der Musikclub Molotow sowie die bundesweit bekannte Kiez-Tankstelle - von ihr hat das Ensemble den Spitznamen "Esso-Häuser".

Eine Entscheidung ist zwar noch nicht gefallen, aber der Ton im Streit über den geplanten Neubau wird schärfer. Die Initiative gegen den Abriss stellte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz ein eigenes Gutachten vor. Dieses kommt zum Ergebnis, dass die Gebäude aus den 1960er-Jahren saniert und erhalten werden könnten - und widerspricht damit den bisherigen Gutachten des Eigentümers Bayerische Hausbau GmbH (BHG). Die Häuser seien nicht einsturzgefährdet. "Alles ist sanierungsfähig", sagte Zlatko Bahtijarevic, Betreiber des Clubs "Planet Pauli". Der Sanierungsbedarf sei hoch, aber zu bewältigen.

Mieter und Anwohner befürchten eine Verdrängung der Altmieter. Sie haben Angst, dass der Kiez seinen Charakter verliert und hoffen auf die soziale Erhaltensverordnung für St. Pauli, die bald in Kraft treten soll.

Hamburger Kiez: Welche Gebäude kommen weg?

Die BHG wurde vom Gegengutachten überrascht und reagierte verärgert: "Über die Veranstaltung wurden wir von der Initiative nicht in Kenntnis gesetzt, auch liegen uns die Gutachten oder Einschätzungen der Initiative nicht vor. Wir suchen weiterhin den Dialog, obgleich wir die Kommunikation der Initiative für sehr eigenwillig halten." Die Abriss-Gegner hätten einen "kommunikativen Alleingang" unternommen.

Am 1. Mai 2009 war das Grundstück der Familie Schütze zwischen Taubenstraße, Kastanienallee und Spielbudenplatz von der BHG gekauft worden. Bereits vor zwei Jahren hieß es, der Komplex müsse weichen. Die damaligen Pläne für den Bau eines Hofbräuhauses oder eines Hotels sind laut BHG jedoch vom Tisch. Stattdessen ist nun eine Mischung aus Kultur, Gastronomie und Nahversorgung gepant.

"Wir sind am Anfang der Planungen"

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Seit den 1960er-Jahren prägen die "Esso-Häuser" den Eingang zur Reeperbahn.

"Eine Entscheidung bezüglich Abriss und Neubau oder Sanierung ist noch nicht gefallen", sagte BHG-Sprecherin Sabine Hagn NDR.de. Vor 2014 werde es keine Baumaßnahmen geben, da ein Architekturwettbewerb und ein anschließendes Bebauungsplanverfahren vorgesehen seien. "Wir stehen ganz am Anfang unserer Planungen. Wir möchten mit der Initiative und insbesondere mit den betroffenen Mietern eine gemeinsame Lösung finden." Ziel sei eine Entwicklung, die ins Stadtbild passe.

BHG: Gutachten spricht deutliche Sprache

Unabhängige Gutachter hätten geprüft, ob eine Sanierung möglich ist, betonte Hagn. "Die Gutachten sprechen eine deutliche Sprache. Die Häuser befinden sich in einem sehr maroden Zustand, der den Mietern nicht weiter zuzumuten ist. Es muss etwas getan werden, ansonsten kommt es weiter zum Verfall der Gebäude." Da eine Sanierung aus technischen Gründen unumgänglich mit einem vorübergehenden Auszug der Mieter verbunden sei, hält die BHG einen Abriss für sinnvoll. "Für das Areal streben wir eine Mischung aus öffentlich gefördertem und freifinanziertem Wohnungsbau an", sagte Hagn. Bei einer Sanierung sei geförderter Wohnungsbau an diesem Standort aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich.

"Wir bemühen uns, den Mietern beim Umzug entgegenzukommen und ihnen alternativen Wohnraum zur Verfügung zustellen. Zudem werden wir sie bei der Neuvermietung berücksichtigen", hieß es von Seiten der BHG.

Grote: Molotow kann sich Unterstützung sicher sein

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"Kein Abriss": Auch das Molotow wehrt sich gegen die Pläne des Investors.

Andy Grote, SPD-Sprecher für Stadtentwicklung, betonte zwar, dass noch keine Entscheidung gefallen sei, es gehe aber in Richtung Abriss. "Eine Sanierung der Gebäude wäre extrem aufwendig und teuer", sagte Grote im Gespräch mit NDR.de. Der Wahlkreis-Abgeordnete aus St. Pauli will sich aber dafür einsetzen, dass ein möglicher Neubau auch in den Stadtteil passt. Zunächst werde es einen städtebaulichen Wettbewerb geben, bevor ein Bebauungsplan aufgestellt wird. Bürgerbeteiligung sei ihm wichtig. "Ich gehe davon aus, dass es sogar noch vier Jahre dauern wird, bis jemand dort mit Hammer und Schaufel erscheint."

Der 42-Jährige erklärte, dass es auf dem Areal auch zukünftig vorne am Spielbudenplatz Gewerbebetriebe und Gastronomie geben soll und im hinteren Bereich Wohnungen. In den Bebauungsplan solle die Nutzung durch Clubs festgeschrieben werden. Besonders der Musikclub Molotow liegt dem SPD-Politiker am Herzen. "Das Molotow kann sich der politischen Unterstützung sicher sein - das sind keine leeren Worte. Hamburger Kulturgut muss geschützt werden." Auch Kneipen wie das Herz von St. Pauli seien ja schon seit langer Zeit Mieter. Es wäre wünschenswert, diese dort zu halten. "Jeder der jetzigen Mieter wird einen neuen Mietvertrag bekommen - wenn er den will", sagte Grote. "Ohne eine bindende Vereinbarung über den Bau von Sozialwohnungen und ein Rückkehrrecht der Bewohner wird es keinen Abriss geben."

Keine Zukunft für Kult-Tankstelle

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Kult auf dem Kiez, aber ohne Zukunft: die Esso-Tankstelle.

Die Esso-Tankstelle hat dagegen offenbar keine Zukunft mehr. "Sie ist nicht Teil unserer Planungen. Sie wird - unabhängig ob neu gebaut oder saniert wird - der Entwicklung des Areals weichen müssen", betonte BHG-Sprecherin Hagn. Die Tankstelle hat auf dem Kiez Kultstatus und ist Treff- und Versorgungspunkt für Nachtschwärmer auf St. Pauli.

Die BHG begründet das Aus der Kult-Tanke mit wirtschaftspolitischen Gründen. Der Betrieb sei langfristig nicht zu sichern - beispielsweise durch das Flaschenverkaufsverbot auf dem Kiez, der Lockerung der Ladenöffnungszeiten und dem für den Benzinverkauf ungünstigen Standort in einer Seitenstraße. Grote bedauert das zwar, sagt aber: "Heutzutage würde man nie mehr auf die Idee kommen, eine Tankstelle in ein Wohngebiet zu integrieren."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 23.11.2016 | 18:00 Uhr

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