Stand: 24.06.2011 15:21 Uhr

Molotow: Wo der Schweiß von der Decke tropft

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Auf der kleinen Molotow-Bühne spielten schon so manche große Stars.

Gerade einmal 30 zahlende Gäste haben sich an diesem Donnerstagabend im Molotow auf dem Hamburger Kiez versammelt, um eine noch unbekannte Band aus Las Vegas zu sehen. Es ist der 1. Juli 2004. Die wenigen Zuschauer sind begeistert und werden von diesem Abend im legendären Musikclub später noch lange erzählen - haben sie doch The Killers entdeckt. Nur wenige Wochen später sorgt die US-Band mit ihrem Debüt-Album für Furore. Die Hits "Mr. Brightside" und "Somebody told me" sorgen in den Rock-Clubs für volle Tanzflächen. The Killers verkaufen mehrere Millionen Platten, werden mit Preisen überhäuft und füllen heute ganze Stadien.

Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Das Molotow - derzeit vom Abriss bedroht - gehört seit Langem zu den wichtigsten Clubs in Deutschland. Dutzende Bands nutzten bereits die Kellerbar am Spielbudenplatz als Sprungbrett für eine große Karriere - so beispielsweise Gossip, The Hives, Billy Talent, The Wombats, Maximo Park, The White Stripes, Mando Diao, Editors und Turbonegro. Auch viele deutsche Stars traten bereits hier auf - unter anderem die Toten Hosen, Wir sind Helden und die Sportfreunde Stiller.

Sie alle mussten sich in den winzigen Backstage-Raum zwängen, der dennoch viel Charme hat - und immerhin eine eigene Toilette. Sie alle standen auf der kleinen Bühne im Molotow-Keller mit den niedrigen Decken, dessen intime Atmosphäre ganz speziell ist. Hier können die Fans die Musiker hautnah erleben. Hier werden ausgelassene Rock-Partys gefeiert - bis der Schweiß von der Decke tropft. Keine aufwendige Licht-Show, keine Leinwände - Livemusik pur.

Ein Rundgang durch das alte Molotow

Eröffnung im Sommer 1990

Die Erfolgsgeschichte des Molotow begann im Sommer 1990. Der heutige Betreiber Andi Schmidt war von Beginn an dabei und startete als DJ. "Ich habe damals viel Grunge aufgelegt", erinnert sich der 47-Jährige, der das Molotow 1994 von Club-Gründer Andreas Schnoor zusammen mit Gesine Judjahn - die später ausstieg - übernahm. Außerdem startete Schmidt 1990 den Clubabend "Flower Power Space Rock", den es noch heute drei bis vier Mal im Jahr im Molotow gibt - zum Beispiel am Ostersonntag und am 1. Weihnachtstag. Er steht dann noch selbst am DJ-Pult und legt Hippie-Rock aus den 1960er- und 1970er-Jahren auf.

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Molotow-Betreiber Andi Schmidt wehrt sich gegen den Abriss.

Welche Band er sich noch für seine Location wünscht? "Es wäre schön, wenn Queens of the Stone Age mal hier spielen würde", sagt Schmidt im Interview mit NDR.de. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Wien, seine Mutter lebt noch heute in Österreich. Dennoch ist der Molotow-Betreiber tief in Hamburg verwurzelt, lebt seit 1982 im Stadtteil St. Pauli.

Abriss droht - Zukunft ungewiss

Die Zukunft des Molotow ist allerdings ungewiss. Der Eigentümer, die Bayerische Hausbau (BHG), plant einen Abriss des gesamten Gebäudekomplexes. Betroffen wären davon auch die bekannte Esso-Tankstelle, zwei Wohnhäuser, ein Hotel und mehrere Kiez-Kneipen.

Schmidt: "Das Molotow bleibt"

Schmidt wehrt sich gegen den Abriss und hofft, dass das Gebäude lediglich saniert wird: "Wenn das Molotow so bleibt, wäre es schön. Wenn es einen Neubau geben soll, müssen wir uns überlegen, wo wir in der Zwischenzeit unterkommen. Wir können nicht den Betrieb über Monate einstellen." An ein Aus für seinen Club glaubt er nicht. "Das Molotow bleibt", betont der Betreiber. "Ich bin einigermaßen entspannt, habe noch keine schlaflosen Nächte."

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Schmidt hofft, dass auch in Zukunft hoffnungsvolle Bands wie The Jezabels im Molotow auftreten können.

Einen größeren Club wünscht er sich in einem möglichen Neubau nicht. Größe und Aufteilung sollten auf jeden Fall so bleiben, um den Charakter zu erhalten. "Außerdem habe ich auf einen größeren Club keine Lust. Da müsste man auch mal Techno oder sowas spielen, um den Laden immer voll zu kriegen - das will ich nicht."

Einen Plan B, falls das Molotow am Spielbudenplatz doch schließen muss, hat er noch nicht. Schmidt: "Wahrscheinlich würde ich aus Trotz den Club in einer anderen Stadt aufmachen - vielleicht in Wien. Einen guten Namen hat das Molotow schließlich."

"Molotow kann sich der politischen Unterstützung sicher sein"

Rückendeckung erhält Schmidt von Andy Grote, SPD-Sprecher für Stadtentwicklung. "Das Molotow kann sich der politischen Unterstützung sicher sein - das sind keine leeren Worte. Hamburger Kulturgut muss geschützt werden", sagt Grote im Gespräch mit NDR.de. Das Molotow sei der wichtigste Nutzer des Gebäudekomplexes.

"Ohne eine bindende Vereinbarung über den Bau von Sozialwohnungen und ein Rückkehrrecht der Bewohner wird es keinen Abriss geben", verspricht der Wahlkreis-Abgeordnete aus St. Pauli. Er kann sich sogar vorstellen, dass der Club im Keller bleibt und ein Neubau drum herum entsteht. "Man sollte prüfen, ob das baulich möglich ist", schlägt Grote vor.

Mischung aus Rotlicht, Seefahrerromantik und Szeneläden

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Der Kiez im Wandel: Wenige Meter entfernt vom Molotow werden derzeit die "Tanzenden Türme" gebaut.

Die Stadtentwicklung in Hamburg sieht Molotow-Betreiber Schmidt kritisch. "Die Neugestaltung frisst sich in St. Pauli immer mehr durch. Der Stadtteil verliert sein Gesicht." Das sei schade, denn die Reeperbahn kenne jeder. Die Meile locke viel mehr Touristen in die Stadt als beispielsweise Elbe und Alster. "Das Flair auf der Reeperbahn ist etwas Besonderes. Eine einzigartige Mischung aus Rotlicht, Seefahrerromantik und Szeneläden - und nicht zu vergessen: die Bewohner."

Er hofft, dass dem Molotow nicht das gleiche Schicksal blüht wie dem legendären Star-Club in der Großen Freiheit. Dort starteten die Beatles ihre Weltkarriere. Der Laden wurde 1969 geschlossen und später abgerissen. Auch der Jazzclub Onkel Pö wurde nach 15 erfolgreichen Jahren 1985 geschlossen. "Die Stadt hat nie verstanden, was sie an solchen Clubs hat", kritisiert Schmidt. "Vor einigen Jahren haben viele die Reeperbahn noch als Schandfleck gesehen, das hat sich glücklicherweise geändert - obwohl noch lange nicht genug gemacht wird." Beispielsweise könnten leer stehende Gebäude oder Räume zur Verfügung gestellt werden, "damit Leute was auf die Beine stellen können".

2008: Retter-Aktion bewahrt Molotow vor Schließung

Noch heute ärgert sich der 47-Jährige, dass ihn die Stadt 2008 in finanzieller Not nicht unterstützte. Er hatte angekündigt, den Mietvertrag nicht zu verlängern. Gründe: immer geringere Umsätze bei gestiegenen Kosten. Trotz der konstanten Besucherzahlen sanken die Getränkeeinnahmen, auch durch die Einführung des Rauchverbotes. Gerettet wurde das Molotow schließlich durch eine private Unterstützergruppe, die eine Retter-Aktion ins Leben gerufen hatte. Sonst würde es den Club vielleicht heute nicht mehr geben.

Clubs auch als Kultur wahrnehmen

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Schmidt hat trotz ungewisser Zukunft noch keine schlaflosen Nächte.

Was Hamburg fehlen würde, wenn das Molotow dicht machen müsste? Schmidt: "Ganz viel Live-Musik." Er freut sich zwar, dass "kulturelle Einrichtungen wie Theater und Museen gefördert werden", findet es aber "skandalös", dass eine Stadt wie Hamburg Clubs nicht besser unterstützt. "Ich wünsche mir, dass Läden wie das Molotow endlich als Kultur wahrgenommen werden - diese Einsicht ist bei vielen Menschen leider noch nicht da."