Stand: 10.01.2016 15:03 Uhr

Kiez sorgt sich ums Image - und die Geschäfte

von Johannes Groß

Früher Samstagabend auf dem Hamburger Kiez: Am Eingang zur Großen Freiheit spielt ein Schlagzeuger wilde Soli. Schnell sammelt sich ein Dutzend Schaulustiger um den Straßenmusiker. Auch eine Gruppe junger Araber ist dabei. Sie tanzen, klatschen und lachen. Eigentlich eine ganz normale Szene auf der Hamburger Amüsiermeile. Doch nach den Vorfällen in der Silvesternacht ringt der Kiez um sein Selbstverständnis.

Treffen mit der Polizei geplant

Am Eingang des Stripclubs "Dollhouse" steht Geschäftsführer Christian Fong. Skeptisch schaut er auf die Straße, wo gerade kichernd ein Junggesellinnen-Abschied vorbeizieht. Es ist deutlich weniger los als sonst. "Wir werden dieses Jahr Einbußen haben", sagt Fong voraus. Er sieht bereits jetzt einen Imageverlust für die gesamte Große Freiheit. "Die Leute kommen hierher, um Spaß zu haben. Sie müssen sich wieder sicher fühlen." Die Belästigungen von Frauen in der Silvesternacht seien der Höhepunkt einer längeren Entwicklung. Seit dem Sommer habe sich der Kiez verändert: "Junge Ausländer kommen her, belagern die Straße." Der Stripclub-Chef sieht seine Geschäfte in Gefahr. Mitte der Woche treffen sich auf seine Initiative hin viele Bar- und Clubbetreiber, um zusammen mit der Polizei die Lage zu besprechen. Zwar kein einmaliger, aber doch ein seltener Vorgang auf dem Kiez.

Silvester noch nicht verarbeitet

Vor einem Stripclub auf der anderen Straßenseite wartet Nikita in der Kälte auf Kundschaft. Er ist Türsteher und Koberer in Personalunion. Nikita hat auch zu Silvester gearbeitet. "Es war schlimm, unmenschlich. Was bisher in den Medien zu lesen war, war nur ein kleines Stück vom Kuchen." Selbst ihm fällt es trotz langjähriger Erfahrung auf dem Kiez offensichtlich schwer, den Abend zu verarbeiten. "Ich verstehe, wenn jetzt weniger Leute kommen", sagt er. Es ist jetzt 22 Uhr und die Straße noch halb leer. Auch Nikita möchte, dass sich die Stimmung wieder dreht. "Sobald Hamburg verliert, muss man was tun!" ruft er, bevor er zwei ältere Herren in den Stripclub lockt.

Weniger Besucher seit Neujahr

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Die Polizei zeigt an diesem ersten Wochenende nach den Übergriffen deutlich Präsenz: In kleinen Gruppen gehen die Beamten auf und ab. An beiden Enden der Großen Freiheit haben sie demonstrativ ihre Mannschaftswagen aufgestellt. In der Silvesternacht sei die Polizei jedoch zu spät gekommen, erinnert sich Jaclyn Leimbach. Die 25-Jährige ist Co-Geschäftsführerin des "Pat Club", einem Tanztempel für die jüngeren Kiezgänger. "Wir hätten allerdings auch selbst früher reagieren können", wirft sie selbstkritisch ein. Die Stimmung sei "bedeckt", die Einnahmen und Besucherzahlen seit Neujahr eher mäßig. Auch Leimbach will zu dem Treffen der Clubbetreiber gehen: "Die Große Freiheit ist die bekannteste Straße Hamburgs. Wir können nicht riskieren, dass die Leute nie wieder zu uns kommen."

Kein neues Phänomen?

"Es ist schlimm geworden. Ich weiß nicht, was wir machen sollen", ärgert sich Semih Bicer vom Döner-Imbiss inmitten der Großen Freiheit. "Seit drei, vier Monaten gibt es hier jedes Wochenende Stress. Wegen der Flüchtlinge. Sie dürfen nirgends rein, trinken zu viel Alkohol und werden dann aggressiv." Dass momentan nicht so viel los sei, hänge aber nicht nur damit zusammen. Der Januar sei traditionell keine besonders ertragreiche Zeit, ergänzt Bicer.

"Wir haben keine Angst"

23 Uhr: Der Schlagzeuger spielt immer noch am Eingang zur Großen Freiheit. Ein junges Pärchen macht daneben ein Selfie von sich. Kevin und Vanessa aus Oldenburg sind für ein Wochenende in der Stadt. "Wir haben keine Angst, hier entlangzugehen. Sonst kann man ja nirgendwo mehr hingehen." Die beiden Touristen haben die Lockerheit mitgebracht, die dem Kiez momentan zu fehlen scheint.

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