Stand: 22.01.2015 18:39 Uhr

Hamburgs Grundschüler machen den "Sofatest"

Seit diesem Schuljahr gibt es für Hamburgs Grundschulen einen sogenannten Basiswortschatz. Innerhalb der ersten vier Jahre sollen die Jungen und Mädchen mindestens 785 Wörter lesen und schreiben lernen. NDR Info beobachtet seit dem vergangenen Sommer an der katholischen Grundschule St. Joseph die Fortschritte in einer ersten Klasse. Die musste jetzt den sogenannten Sofatest schreiben.

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Die Schülerinnen und Schüler in der St. Joseph Grundschule sitzen auch beim "Sofatest" auf ihren kleinen Stühlen.

"Schnickelschnackel, Äste knacken, Blümchen lachen" - diese Kombination erklingt, wenn die Erstklässler vor dem obligatorischen kurzen Gebet am Morgen erst einmal einige Lautübungen machen. Dazu gehört auch der sogenannte Anlaut-Rap: "F wie Feder, T wie Tasse, das weiß jeder."

Lehrerin Maria Denoke zeigt mit einem Finger auf ein Poster an der Tafel - die sogenannte Anlauttabelle. Zu jedem Buchstaben findet sich dort ein Begriff mit passendem Anfangsbuchstaben. Dann verteilt die 58-Jährige das Blatt Papier mit dem "Sofatest" an ihre Schülerinnen und Schüler: "Dieser Test wird über das ganze Schuljahr immer wieder geschrieben. Darüber kann ich dann feststellen, wie weit die Kinder in der Lautbildung gekommen sind", erklärt die Pädagogin.

Schreiben nach Gehör

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Auf der sogenannten Anlauttabelle sehen die Schüler zu jedem Anfangsbuchstaben passende Gegenstände.

Insgesamt müssen die Kinder bei dem Test fünf Wörter schreiben, die auf dem Zettel mit Bildern dargestellt sind - und die ihre Lehrerin ihnen vorliest: "Sofa", "Mund", "Limonade", "Turm", "Reiter" und "Kinderwagen". Zum obligatorischen Basiswortschatz der Schulbehörde gehört von diesen Wörtern nur "Mund", doch das kümmert Klassenlehrerin Denoke derzeit noch nicht. "Für mich ist wichtig, dass Du die Buchstaben findest, die Du in dem Wort hörst", beschreibt die Lehrerin den Kleinen ihre Aufgabe. Erst später - mit mehr Übung und Erfahrung - lernen die Schüler auch, wie sie die Wörter nach der geltenden Rechtschreibung richtig schreiben.

Unterschiedliche Voraussetzungen

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So sieht der ausgefüllte "Sofatest" der sechsjährigen Katelyn aus.

In der Klasse sitzen 26 Kinder, nur drei von ihnen sprechen zu Hause ausschließlich Deutsch. Alle anderen sind Kinder mit Migrationshintergrund, sie beherrschen noch mindestens eine weitere Sprache. Und, das zeigt sich schnell, jedes Kind hört anders. Die sechsjährige Katelyn dreht beim "Sofatest" den Bleistift im Mund herum - sie findet ihn "so mittelleicht". Als ihre Lehrerin das Wort "Sofa" vorgelesen hat, hat sie am Ende ein "R" gehört. Beim Wort "Mund" fehlt ihr zunächst noch der letzte Buchstabe. Warum sie sich schließlich gegen das "D" entscheidet? "Weil am Ende ein 'T' ist."

Einige sind beim Lernen zu Hause auf sich allein gestellt

Neben Katelyn sitzt Mera. Damit ihre Mitschülerin nicht von ihr abschreiben kann, hat Mera die Mappe mit den Stiften wie eine Art kleine Mauer zwischen beide gestellt. Sie hat bei dem Test "Mund" am Ende mit einem "D" geschrieben. Ihre Begründung bringt sie einleuchtend und selbstbewusst hervor: "Weil am Ende auch ein 'D' ist."

Aus Fehlern lernen

Einen Tisch weiter versucht sich Dominik gerade mit der Anlauttabelle am Wort "Limonade" - und vergisst am Ende nur das "E". Was insgesamt auffällt bei der Auswertung des Tests: Statt "Kinderwagen" schreiben viele Schüler "KVGW", und statt "Turm" steht bei vielen von ihnen "Tom" auf dem Papier.

Korrigiert wird das nicht, und das sei auch richtig so, sagt Lehrerin Denoke: "Ich denke, der Vorteil der Anlauttabelle ist, dass die Schülerinnen und Schüler einen Wortaufbau von den Buchstaben über die Silben kennenlernen." So können sie sich dann selbst den Weg zum richtigen Schreiben und Lesen erschließen. Erste Unterschiede bei den 26 Kindern zeichnen sich bereits ab, aber dass deshalb nicht irgendwann alle den Basiswortschatz beherrschen, bedeute das längst nicht, ist sich die Pädagogin sicher.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 23.01.2015 | 06:38 Uhr

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