Stand: 23.03.2016 10:08 Uhr

"Er schickt die einfach in den Tod"

Es ist die dramatische Botschaft eines jungen Mannes, der offenbar kurz vor seinem Tod von den brutalen Praktiken des sogenannten Islamischen Staats berichtet, denen er selbst kurze Zeit später zum Opfer fällt: Das Hamburger Landesamt für Verfassungsschutz hat ein Audio veröffentlicht, das eindrücklich vor den Machenschaften des IS warnt.

"Du kannst gleich 'ne Pistole nehmen"

Darin schildert ein 17-Jähriger aus Hamburg, der in der dschihadistisch-islamischen Szene "Bilal" genannt wird, seine Erlebnisse im syrischen Raqqa. Er war im Mai 2015 dorthin gereist, um seine Glaubensbrüder im Kampf zu unterstützen. In seiner Audio-Botschaft berichtet "Bilal", dass die Islamisten ihn und andere Deutsche nicht wie erhofft in ein Trainingslager geschickt, sondern in einem Haus eingesperrt hätten. Dort habe er Araber getroffen, die von einem IS-Kommandeur ohne einen Plan an die Front geschickt wurden. "Er schickt die einfach in den Tod", sollen diese gesagt haben. "Das ist so, du kannst gleich 'ne Pistole nehmen und dir in den Kopf schießen", sagt "Bilal" in seiner Botschaft.

"Alles eine Lüge"

Unter den eingesperrten ausländischen IS-Aspiranten sei es zu Streit und auch zu Schlägereien gekommen. Auch für das Gebet habe man die Wohnung nicht verlassen dürfen - selbst der Besuch einer Moschee sei verboten worden. Befehlshaber hätten die Leute aus Europa zwar zum Kämpfen geschickt, sich aber selbst nicht beteiligt. Gefährten, die sich darüber beschwerten, seien einfach ins Gefängnis gesteckt worden. Auch den versprochenen Lohn habe man nicht erhalten, alles sei eine Lüge gewesen.

Bild vergrößern
"Bilal" soll sich auch an Koranverteilungsaktionen beteiligt haben - wie hier am Hamburger Hauptbahnhof.

Nach Angaben des Verfassungsschutzes stammt "Bilal" aus einem zentralafrikanischen Land und war als Kleinkind mit seiner Familie nach Hamburg gezogen. Er soll hier zur Schule gegangen sein und auch Fußball gespielt haben. Mit 14 Jahren soll er zum ersten Mal Kontakt zur salafistischen und auch zur dschihadistischen Szene gehabt und sich in den Jahren danach radikalisiert haben - auch durch den Konsum von IS-Gewaltvideos.

In Deutschland Korane verteilt

Zunächst habe sich "Bilal" an salafistischen Koranverteilungsständen der "LIES"-Kampagne des in Köln lebenden Salafistenpredigers Abou Nagi beteiligt. Im Mai 2015 soll er im Alter von 17 Jahren nach Raqqa gereist sein, um sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Ihm seien auch eine Frau, ein Haus und ein geregeltes Einkommen in Syrien versprochen worden. Stattdessen verliert er dort sein Leben: "Bilal" stirbt im Juli 2015. Die Ursache ist nicht bekannt.

Der Verfassungsschutz wertet die Audiobotschaft als eindringliche Warnung vor den Machenschaften des IS. Junge Menschen aus Europa werden demnach schlecht ausgebildet und ungenügend ausgerüstet in den sicheren Tod geschickt. Personen, die sich vom IS lösen wollen, müssten dies heimlich tun. Ansonsten liefen sie Gefahr, als Verräter und Abtrünnige erschossen zu werden.

Nach Angaben der Verfassungsschützer werden in Hamburg derzeit 460 Personen der salafistischen Szene zugerechnet. Gut 65 Personen sollen bisher versucht haben, in die Bürgerkriegsgebiete in Syrien und Nord-Irak auszureisen. Etwa ein Drittel davon sei zurückgekehrt.

Weitere Informationen
mit Video

Ein Sommer im Dschihad

16.07.2015 21:45 Uhr
Das Erste: Panorama

"Wenn du dahin gehst, bist Du tot", sagt Ebrahim B. Der Wolfsburger ist der erste deutsche IS-Rückkehrer, der offen vor einer Kamera spricht. Er distanziert sich von der Terrororganisation. (08.03.2016) mehr

IS-Anwerber: Ohne Netzwerk, aber mit Strategie

Von einem IS-Netzwerk spricht der Verfassungsschutz bisher nicht. Dennoch werben Einzelne gezielt und vor allem erfolgreich junge Niedersachsen für die Terrormiliz an. Wie gehen sie vor? (13.12.2015) mehr

Wie der "Islamische Staat" groß werden konnte

23.02.2015 20:15 Uhr
Das Erste: #Beckmann

Die Instabilität des Irak war der Nährboden für die Entstehung des IS. Mit Gewalt und Terror soll der Traum eines Kalifats verwirklicht werden. (17.02.2016) mehr

mit Video

Frauen im IS: Kriegerinnen am Herd

Welche Rollen übernehmen Frauen im "Islamischen Staat"? Die islamische Theologin Hamideh Mohagheghi aus Hannover hat ein Manifest der IS-Frauen analysiert und kommentiert. (03.03.2016) mehr