Stand: 08.07.2017 17:49 Uhr

Entsetzen über Krawalle in der Schanze

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Randalierer errichteten am Freitag brennende Barrikaden im Hamburger Schanzenviertel.

"Das ist einfach Wahnsinn", "Das ist eine Schweinerei und hat nichts mit G20 zu tun" oder "Diese Bilder bleiben von G20 übrig" - auch am Tag nach den schweren Krawallen im Hamburger Schanzenviertel haben die Anwohner die Geschehnisse noch nicht verdaut. Und sie erhoffen sich Antworten auf die Frage, ob die Polizei zu spät eingeschritten ist und ob die Beamten bei der Planung des Gipfel-Einsatzes das Ausmaß des militanten Widerstandes unterschätzt haben.

Am Freitagabend hatten die Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel einen neuen, dramatischen Höhepunkt erreicht. In der Sternschanze errichteten Randalierer brennende Barrikaden, mehrere Hundert Schaulustige standen daneben. Die Polizei ließ die Krawallmacher stundenlang gewähren - ehe sie mit mehreren Hundertschaften vorrückte. Wasserwerfer löschten die Feuer, Räumfahrzeuge beseitigten die Barrikaden. Schwer bewaffnete Spezialkräfte drangen in ein Haus am Schulterblatt ein und nahmen dort 13 Personen fest. Zuvor waren Randalierer ein Gerüst hinaufgeklettert, das an dem Haus befestigt ist. Nicht mehr verhindern konnten die Einsatzkräfte, dass Geschäfte geplündert wurden - darunter ein Laden der Drogerie-Kette Budnikowsky und ein Rewe-Supermarkt. Den Schaden in den Drogeriemarkt bezifferte der Inhaber auf bis zu 400.000 Euro.

Brennende Barrikaden und geplünderte Läden

Polizei begründet späten Einsatz

Die Polizei begründete den Einsatz der SEK-Beamten mit einer besonderen Gefährdungslage. Es habe Hinweise darauf gegeben, dass Angriffe mit Molotow-Cocktails, Zwillen und Betonplatten vorbereitet worden seien. Dies sei auch der Grund für den späten Zugriff gewesen: "Es ging eine erhebliche Gefahr für Leib und Leben der Polizeibeamten aus. Wir wollten nicht schlecht vorbereitet in das Schanzenviertel gehen und die Räumung nicht durchbekommen. Ein Rückzug der Polizei wäre sicherlich ein fatales Bild gewesen." Hamburgs Innensenator Andy Grote verteidigte das Vorgehen der Polizei. "Wir haben es so erlebt, dass der Zeitpunkt bis zum Vorrücken sehr schwer auszuhalten war", räumte er ein. Aber man habe die Beamten nicht in Lebensgefahr bringen und den Einsatz erfolgreich beenden wollen.

Einsatzkräfte sicherten Hausdächer, Helikopter waren über den Dächern zu sehen. Nach dem Einsatz der Hundertschaften bekam die Polizei die Lage relativ schnell unter Kontrolle - mit Ausnahme vereinzelter Sachbeschädigungen, die von kleineren Gruppen ausgingen. Es sei alternativlos gewesen, Spezialeinheiten hinzuzuziehen. "Unser Einsatz hat gezeigt, dass wir diesen Mob sehr schnell wieder in den Griff bekommen haben", sagte Polizeisprecher Timo Zill.

Polizei fordert Verstärkung an

Polizeisprecher Timo Zill © NDR Fotograf: NDR

G20: Zill zieht Bilanz nach Chaosnacht

NDR 90,3 - NDR 90,3 Aktuell -

Zerstörte Geschäfte und geplünderte Läden: So heftig war eine Krawallnacht im Schanzenviertel noch nie. Polizeisprecher Timo Zill spricht von einem bisher nicht gekannten Gewaltausbruch.

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Schon vor der Eskalation am Schulterblatt war die Polizei im Dauereinsatz. Nach den Auseinandersetzungen bei der Demonstration "Welcome to Hell" am Donnerstag, den schweren Ausschreitungen vor allem im Stadtteil Altona sowie mehreren Blockade-Aktionen am Freitagmorgen hatte die Einsatzleitung Verstärkung aus anderen Bundesländern angefordert. Unter anderem schickten Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zusätzliche Einsatzkräfte. Polizeipräsident Ralf Meyer schätzt, dass rund 21.000 Polizisten in der Hansestadt das Treffen der G20-Politiker schützen.

Nicht alle distanzieren sich von der Gewalt

Selbst in der Roten Flora zeigte man sich betroffen von dem Ausmaß der Gewalt: "Wir haben den Eindruck gehabt, dass sich hier etwas verselbstständigt hat und dass hier eine Form der Militanz auf die Straßen getragen wurde, die sich an sich selbst berauscht hat. Und das finden wir politisch und inhaltlich falsch", sagte Andreas Blechschmidt, Sprecher des linksautonomen Kulturzentrums, dem NDR. "Wir sagen immer, dass die bewusste Regelübertretung Teil autonomer Politik sein muss. Aber wir sagen auch, es gibt Kriterien dafür und auch rote Linien. Die Art und Weise, wie hier agiert worden ist, hat aus unserer Sicht diese rote Linie überschritten."

Der Anwalt der Roten Flora, Andreas Beuth, wollte sich hingegen nicht von der Randale distanzieren. Er habe Sympathien für solche Aktionen, "aber bitte doch nicht im eigenen Viertel". Es gebe großes Unverständnis, warum man im Schanzenviertel "die eigenen Geschäfte zerlegt. Warum denn nicht in Pöseldorf oder Blankenese?" Auch Nico Berg, Sprecher der Aktion "Block G20", weigerte sich auf Nachfrage, auf Abstand zu den Gewalttätern zu gehen: "Ich kann dazu nur sagen, es war nicht Teil unserer Aktion."

Grüne verurteilen Gewalt

Hamburgs Grüne verurteilten die Gewaltexzesse: "Die brennende Schanze markiert den traurigen Höhepunkt der Zerstörungswut krimineller Randalierer", erklärten Landeschefin Anna Gallina und der Vorsitzende der Bürgerschaftsfraktion, Anjes Tjarks. "Es gibt keine Rechtfertigung dafür, Autos anzuzünden, Scheiben einzuwerfen und den Budni zu plündern."

Bürgermeister Scholz in der Kritik

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) äußerte sich sehr besorgt über die Gewalt und Zerstörungen. Er machte sich nach den massiven Krawallen für eine harte Bestrafung der Gewalttäter stark. Scholz hatte sich im Vorfeld des Gipfel stets optimistisch gezeigt, dass die Sicherheitsvorkehrungen ausreichen würden. "Wir richten ja auch jährlich den Hafengeburtstag aus. Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist", hatte er beispielsweise noch im Juni erklärt.

Hamburgs CDU-Oppositionschef André Trepoll warf Scholz vor, bei der Einschätzung der Sicherheitslage rund um den G20-Gipfel versagt zu haben. Die Lagebewertung des rot-grünen Senats habe sich bereits am ersten Tag als völlig falsch erwiesen: "Wie kam es zu der Einschätzung, man könne den Gipfel mit dem Hafengeburtstag gleichsetzen?" Scholz müsse sich dazu in der kommenden Woche erklären, sagte Trepoll. Die Hamburger FDP-Vorsitzende Katja Suding schloss sich der Kritik an. "Olaf Scholz hat Hamburg weltweit blamiert und in Verruf gebracht", sagte sie. "Auf der ganzen Welt fragen sich die Menschen, wie es eine Stadtregierung in Deutschland zulassen kann, dass im Laufe eines weltweit beachteten Gipfels Quartiere verwüstet werden, Autos brennen und bürgerkriegsähnliche Zustände ausbrechen." Scholz müsse Verantwortung übernehmen. Eine Rücktrittsforderung sei damit aber ausdrücklich noch nicht verbunden.

Hamburg der falsche Gipfel-Ort? Merkel widerspricht

Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigte Hamburg als Austragungsort für den Gipfel. Der Gipfelort sei gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden und der Hansestadt ausgewählt worden, sagte Merkel. Deutschland dürfe sich nicht seiner Verantwortung entziehen. Ein G20-Gipfel müsse schon wegen der notwendigen Hotelkapazitäten in einer Großstadt ausgerichtet werden. "Die Polizisten haben ihr Bestes gegeben und haben ihre Aufgabe mit großem Einsatz gelöst." Merkel verurteilte die "entfesselte Gewalt und ungehemmte Brutalität" bei den Protesten "auf das Schärfste". Dafür gebe es "nicht die geringste Rechtfertigung", sagte Merkel nach Ende des Treffens am Sonnabend. Die Kanzlerin sagte Opfern der Krawalle eine Entschädigung zu. Sie habe mit Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) abgesprochen, "dass wir prüfen werden, wie wir gemeinsam mit der Hansestadt Hamburg Opfer von Gewalt bei der Beseitigung der entstandenen Schäden helfen können".

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 08.07.2017 | 17:00 Uhr

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