Stand: 11.07.2017 17:27 Uhr

"Ich glaube, die Angst wird bleiben"

Das am Rande des G20-Gipfels in Hamburg entstandene Chaos - zerstörte Autos, Schaufenster, Geschäfte - ist mittlerweile weitgehend repariert oder ersetzt worden. Beratungsstellen für Opfer von Gewalt kritisieren allerdings, dass es fast ausschließlich um die Beseitigung von Sachschäden geht und weniger darum, was die Krawalle eigentlich mit den Menschen vor Ort gemacht haben. NDR Info hat mit Anwohnern im Hamburger Schanzenviertel gesprochen.

Bild vergrößern
Die sichtbaren Spuren der G20-Krawalle im Hamburger Schanzenviertel sind mittlerweile beseitigt.

Auf der Straße Schulterblatt erinnert auf den ersten Blick nicht mehr viel an die Krawalle der vergangenen Woche: Die Straßen sind längst gekehrt, die zerbrochenen Schaufensterscheiben abgeklebt. In einem Café sitzt Svenja und macht Mittagspause. In der Apotheke, in der sie arbeitet, wurden alle Fenster eingeschlagen. Der Schrecken des Erlebten sitzt auch bei ihr tief: "Ich glaube, die Angst bleibt schon. Die nächsten Demos werden kommen. Ich habe schon Angst davor, dass eine gewisse Hemmschwelle gebrochen ist."

"Ohne Sinn und Verstand"

Auch Ricarda wohnt im Schanzenviertel. Ihre Tochter hatte sie während des G20-Gipfels vorsorglich aus der Schule genommen. Sie liebe Hamburg, erzählt sie, aber was in ihrem Viertel passiert sei, habe ihr Sicherheitsgefühl ins Wanken gebracht: "Darüber bin ich so traurig - gar nicht mal entsetzt, eher traurig -, dass die Leute ohne Sinn und Verstand hier gewütet haben. Von Freunden von mir haben sie auch das Auto abgefackelt. Echt ohne Sinn und Verstand."

In der Osterstraße im Stadtteil Eimsbüttel steht Ahmed kopfschüttelnd in seinem Laden für Mobiltelefone. Die großen Schaufensterscheiben wurden während der G20-Randale zerbrochen. Was bei ihm nach den Krawallen hängen bleibe, sei ein diffuses Wut-Gefühl: "Was können wir dafür, dass die da ihren Gipfel machen? Aber jetzt haben wir die Schäden! Also, ich finde das scheiße!".

Urvertrauen der Betroffenen ist erschüttert

Die psychischen Folgen der G20-Randale für Anwohner seien nicht zu unterschätzen, warnt Kristina Erichsen-Kruse. Sie ist die stellvertretende Landesvorsitzende des Weißen Rings Hamburg, einer Hilfsorganisation für Opfer von Gewalt. In ihren Augen ist therapeutische Hilfe für die Betroffenen der Krawalle dringend erforderlich: "Die psychischen Schäden, die dort entstanden sind bei vielen Menschen, das wird eine Weile dauern, bis die überwunden sind. Das ist nicht am nächsten Tag vorbei, nur weil die Krawalle aufgehört haben, sondern das macht was mit den Menschen."

Wer Zeuge von solcher massiver Gewalt wie bei den G20-Ausschreitungen geworden sei, dessen Urvertrauen sei stark erschüttert, so Erichsen-Kruse: "Ihr Viertel, in dem sie sich bisher sicher gefühlt haben, ist plötzlich nicht mehr sicher, oder zumindest für eine ganze Weile nicht. Das ist etwas, das geht einher mit dem Totalverlust von Sicherheit. Und Sicherheit hängt mit Urvertrauen zusammen."

Ratschlag: Über das Erlebte sprechen

Die Mitarbeiterin des Weißen Rings rät allen Betroffenen dazu, möglichst viel über das Erlebte zu sprechen - sei es auf professioneller Ebene in Person von Psychotherapeuten oder im Familien- und Freundeskreis. Auch das Gespräch mit Nachbarn, die ebenfalls von den Krawallen betroffen waren, könne helfen: "Sie können zusammenrücken. Der Zusammenhalt der Bewohner untereinander ist ganz zweifelsfrei das beste Mittel zur Heilung."

Weitere Informationen

Scholz bittet um Entschuldigung für G20-Chaos

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hat in seiner Regierungserklärung für die Krawalle beim G20-Gipfels um Entschuldigung gebeten. CDU und FDP forderten in der Bürgerschaft seinen Rücktritt. mehr

Gewalt beim G20-Gipfel: Ursachenforschung oder Glaubensbekenntnisse?

29.06.2017 23:30 Uhr
Das Erste: Panorama

Nach G20 wird heftig gestritten - über Linksextremismus und Kuscheljustiz, die Rote Flora und den Sympathisantensumpf, Randale und Gewalt. Das ist auch gut so, meint Andrej Reisin. mehr

Druck auf Rote Flora wächst nach G20

Nach den Krawallen am Wochenende gerät die Rote Flora weiter unter Druck. CDU und AfD fordern die Schließung, die FDP will die "linksextremistischen Strukturen austrocknen". mehr

Die linksextreme Gefahr wurde unterschätzt

Die G20-Ausschreitungen haben das bisher gekannte Ausmaß von Demo-Krawallen überschritten. Die Gefahr, die von Linksextremen ausgeht, ist unterschätzt worden, kommentiert Dagmar Pepping. mehr

G20-Gipfel in Hamburg

Der G20-Gipfel 2017 fand am 7. und 8. Juli in Hamburg statt. Im Dossier finden Sie News, Videos, Bilderstrecken und Reaktionen auf das zu Ende gegangene Gipfeltreffen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 13.07.2017 | 06:20 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:04

Olaf Scholz: Entweder "Jamaika" oder Neuwahlen

18.11.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:36

Internationale Superstars feiern in Hamburg

18.11.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:10

Was macht eigentlich Holger Stanislawski?

18.11.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal