Stand: 27.11.2015 20:47 Uhr

"Der Norden steckt mitten im Klimawandel"

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"Die Anzahl der Hitzetage wird sich bis 2050 verdoppeln", sagt Meteorologe Frank Böttcher.

In Paris treffen sich vom 30. November bis zum 11. Dezember Wissenschaftler und Spitzenpolitiker zur UN-Klimakonferenz. Warum dieses internationale Treffen für Norddeutschland wichtig ist - und wie sich der Klimawandel bereits jetzt bei uns bemerkbar macht, erklärt Frank Böttcher vom Hamburger Institut für Wetter- und Klimakommunikation. Gemeinsam mit seinem Kollegen Sven Plöger hat der 47-Jährige vor Kurzem das gemeinsam verfasste Buch "Klimafakten" überarbeitet, in dem die Meteorologen die Auswirkungen des Klimawandels vor Augen führen.

NDR.de: Was hat die UN-Klimakonferenz mit Norddeutschland zu tun?

Frank Böttcher: Das Treffen ist so bedeutsam, weil auch wir hier mitten im Klimawandel stecken. Das ist ein schleichender Prozess - und viele Menschen bemerken ihn wahrscheinlich nicht. Anders als das Wetter, bei dem jeder fühlen kann, ob es heiß oder kalt, trocken oder regnerisch ist, lässt sich das Klima zunächst mal nicht wirklich sinnlich erfassen. Es geht viel um Mathematik, statistische Auswertungen, Modelle und Prognosen. Allerdings werden wir die komplexen Auswirkungen des Klimawandels zunehmend sinnlich zu spüren bekommen.

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Böttcher: Fangen wir mit dem Wetter an, denn wenn sich das Klima ändert, dann ändert sich auch das Wetter. Und das wird wird spürbar wärmer. Als Folge des Klimawandels wird sich bis 2050 die Anzahl der Hitzetage - also der Tage über 30 Grad - verdoppeln. In Hamburg beispielsweise von derzeit sechs auf dann zwölf. Das finden viele sicher zunächst einmal nicht schlimm, im Gegenteil. Die Hoteliers, die Gastronome und Vermieter von Wohnungen an Nord- und Ostsee dürften sich die Hände reiben, weil der Tourismus boomen wird. Doch schon beim Meeresspiegelanstieg endet der vermeintlich positive erste Eindruck.

Und der Blick über den Tellerrand hinaus zeigt uns, dass der Klimawandel in anderen Regionen der Welt dramatische Auswirkungen haben könnte. Und das hat nicht zuletzt Auswirkungen auch auf unserem Alltag.

Welche Auswirkungen könnten das sein?

Böttcher: Wir werden es zum Beispiel an steigenden Lebensmittelpreisen bemerken. Vielleicht wird zum Beispiel Reis teurer, weil im spanischen Ebrodelta in Folge des Meeresspiegelanstiegs die Felder langsam versalzen und dadurch die Reisproduktion zurückgeht. Oder wir merken es, wenn der Kaffee plötzlich mehr kostet, weil Plantagen vertrocknen. Abgesehen von den Folgen für uns sind solche Entwicklungen für die Bauern vor Ort natürlich eine Existenzbedrohung.

Der Meeresspiegel steigt kontinuierlich an. Was bedeutet das für Norddeutschland?

Böttcher: Zwar steigt der Meeresspiegel bei uns nicht so extrem wie in anderen Regionen der Welt, aber er steigt. Und das könnte uns langfristig vor große Probleme stellen. Momentan stehen wir in Sachen Küstenschutz ganz gut da. Bis 2050 dürften die Deiche halten. Doch was bis zum Jahr 2100 getan werden muss, wird in den kommenden Jahrzehnten zu erarbeiten sein. Es ist gut möglich, dass Hamburg zum Schutz vor der Elbe hohe Mauern am Wasser errichten muss oder ein Sperrwerk im Mündungsbereich. Diese Dinge sind mit enormen Kosten in Milliardenhöhe verbunden. Zudem könnte natürlich ein Weltkulturerbe wie die Speicherstadt in Gefahr geraten und wäre nur mit immensem Aufwand zu schützen.

Inwiefern verändert der Klimawandel die hiesige Flora und Fauna?

Böttcher: Schon jetzt kommen zu uns Mücken, die eigentlich nicht hergehören, etwa aus der Nilregion. Sie können Überträger von eingeschleppten Viruserkrankungen werden. Die Malaria gehört dazu. Ein anderes Beispiel ist die ursprünglich aus Asien stammende Pazifik-Auster, die sich in der Nordsee angesiedelt und schon viele Miesmuschelbänke zunichte gemacht hat. Auch ein Wandel unserer Pflanzenwelt macht sich bereits bemerkbar. So werden sich die für den Harz typischen Fichtenwälder wohl nach und nach in Douglasienlandschaften verwandeln. Durch solche Veränderungen können teils seit Jahrtausenden aufeinander abgestimmte Gefüge von Lebensgemeinschaften und Biokreisläufe durcheinander geraten.

Welches Ergebnis erhoffen Sie sich von der Klimakonferenz in Paris?

Böttcher: Wir müssen unbedingt vom CO2 runter, das nachweislich eines der größten Probleme für das Klima ist. Mein Wunsch wäre, dass jeder Produzent einer Tonne CO2 dafür einen festen Preis bezahlt - und dieses Geld in einen Fonds fließt, der für den Klimaschutz und Umweltreparaturen verwendet wird

. Außerdem wäre ich sehr froh, wenn das sogenannte Zwei-Grad-Ziel erreicht würde, also die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Das ist das Minimalziel, denn bei dieser Erwärmung werden wohl schon alle Korallenriffe verschwinden.

Was fordern Sie von der Politik?

Böttcher: Leider ist das Treffen in Paris mittlerweile weniger eine Klima- als eine Wirtschaftskonferenz, auf der jedes Land seinen Vorteil sucht. Ich befürchte auch ein wenig, dass statt einer übergreifenden Einigung am Ende viele kleine, länderspezifische Abkommen stehen und das Ganze wenig transparent wird. Insgesamt wünsche ich mir von den Politikern,dass sie bei allen Vorhaben langfristiger denken und auf Nachhaltigkeit setzen - damit es nicht auf globaler Ebene so läuft wie mit der Stadt Rungholt an der Nordseeküste am 16. Januar 1362: An diesem Tag wurde die mittelalterliche Stadt von einer Sturmflut komplett zerstört. Und warum? Auch, weil die Rungholter zuvor jede Menge salzhaltigen Torf im Watt ausgebuddelt und zu Geld gemacht hatten, ohne die Folgen für den Küstenschutz zu bedenken.

Das Gespräch führte Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de

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