Stand: 11.01.2017 07:00 Uhr

Ärzte werfen dem UKE Systemfehler vor

von Kathrin Erdmann, NDR Info, und Jörn Straehler-Pohl, NDR 90,3

Fehler sind menschlich, auch bei Ärzten. Doch was passiert, wenn gleich mehrere Fehler hintereinander passieren, der Fehler also im System steckt? Diesen Vorwurf erheben mehrere renommierte deutsche Ärzte gegen das Hamburger Universitätsklinikum (UKE). Im konkreten Fall starb der Patient am Ende.

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Ärztefehler mit System? Ein Fall aus Hamburg wirft Fragen auf.

Zuerst ist ihm nur schwindelig. Norbert Reich gießt beim Frühstück den Kaffee daneben, sieht alles doppelt. Kurz darauf steht er nachts im Flur und weiß nicht mehr, wo er ist, erinnert sich seine Frau Renate. "Ich hab dann seinen Hausarzt, den Internisten angerufen. Und wir waren beide der Meinung - er hatte schon mal einen Schlaganfall gehabt - dass es neurologische Störungen sind. Er kam dann in die Aufnahme im UKE und man hat ihn dann in die Neurologie gebracht."

Renate Reich ist sich da noch sicher, dass es ihrem Mann bald wieder gut geht. Denn trotz seines Schlaganfalls und trotz seiner bald 79 Jahre habe er noch mitten im Leben gestanden. Doch diese Hoffnung nehmen ihr die Mediziner im UKE nach tagelangen Untersuchungen. "Dann erschien eine Ärztin und erzählte ihm in meiner Gegenwart, dass er Tumore hätte in beiden Lungenflügeln mit Metastasen in Gehirn und Nebennieren. Und dann nahm sie mich raus und sagte mir, ich solle mir keine Illusionen machen, also etwa drei Monate, höchstens sechs, er würde sehr bald verwirrt sein, da gäbe es gar keine Hoffnung mehr."

Falsche Krebsdiagnose und weitere Untersuchungen

Trotz dieser Krebsdiagnose gehen die Untersuchungen weiter. Zweimal entnehmen die Ärzte Gewebe aus seiner Lunge - mit schwerwiegenden Folgen. Bei beiden Eingriffen bleibt sein Herz kurz stehen, auf der Intensivstation bekommt er einen weiteren Infarkt. Doch Krebszellen entdecken die Ärzte nicht. Eine Fehldiagnose, an der die Ärzte viel zu lange festgehalten hätten, sagt der Berliner Mediziner Lothar Weißbach. Er hat den Fall gemeinsam mit mehreren Kollegen für die Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte untersucht.

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Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte

Die Alexandra-Lang-Stiftung unterstützt Menschen, bei denen der Verdacht besteht, durch einen Behandlungsfehler schwer geschädigt worden zu sein. Die kleine Stiftung konnte bereits 250 Menschen helfen. extern

"Er lief auf einer falschen diagnostischen Schiene. Selbst unter der Annahme eines metastasierten Lungentumors hätte man einen 79-Jährigen von weiteren invasiven Maßnahmen verschont, die Belastung war für diesen Mann zu groß." Dabei wäre dem Patienten relativ leicht zu helfen gewesen, sagt Weißbach.

Denn auf Bitten seines Bruders, der ebenfalls Arzt ist, hatte Norbert Reich Antibiotika bekommen - doch sie wurden nach kurzer Zeit wieder abgesetzt. "Dieser Patient hatte in seiner Vorgeschichte Fieber gehabt, er hatte auch nach der Kurven-Dokumentation auch Laborbefunde, die auf einen entzündliches Geschehen hingewiesen haben und er hat sich unter der von seinem Bruder erbetenen Antibiose klinisch auffällig gut erholt", sagt Weißbach.

Systemversagen oder richtiges ärztliches Handeln?

Haben sich die Ärzte also zu sehr auf die Erstdiagnose Krebs verlassen? Das UKE will sich öffentlich nicht äußern. In einem Brief an Norbert Reichs Bruder, der dem NDR vorliegt, verteidigt das Klinikum aber sein Vorgehen: Alle Befunde hätten zunächst auf einen Tumor und nicht auf eine Entzündung hingedeutet. Deshalb seien alle Untersuchungen sinnvoll gewesen. Doch Lothar Weißbach überzeugt das nicht. "Wenn sich mehrere Fehler aneinanderreihen, muss man schon die Frage nach dem Systemfehler stellen und das sehen wir so. Eine solche Fehlerhäufung spricht für ein Systemversagen."

Für ein Systemversagen spricht für ihn nicht nur die falsche Diagnose: Wenn der Patient tatsächlich todkrank gewesen wäre, hätte er palliativ - also leidenslindernd - behandelt werden müssen. Renate Reich fordert deshalb Aufklärung. "Es geht mir darum, dass dort wohl Strukturen im Gange sind, die manchmal auch den einzelnen Ärzten den klaren Blick verbieten. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur das einzige Mal ist."

Einen Monat nach seiner Aufnahme im UKE stirbt ihr Mann Norbert Reich an den Folgen der Gewebeentnahmen an einem Herzinfarkt. Jetzt liegt der Fall bei der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 11.01.2017 | 07:00 Uhr

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