Stand: 22.01.2016 18:25 Uhr

Flüchtlinge im Villenviertel: Alltag beginnt

von Carolin Fromm, NDR.de

Es riecht noch nach frischer Farbe und Bauschutt. Die Eingangstür quietscht unüberhörbar. Die Wände im Eingangsbereich sind hellrosa gestrichen. 57 weiße Briefkästen hängen an der Wand. Am kommenden Mittwoch werden die ersten von 190 Flüchtlingen in das ehemalige Kreiswehrersatzamt an den Hamburger Sophienterrassen an der Alster ziehen. "Wer genau hier wohnen wird, weiß ich wahrscheinlich einen Tag vorher", sagt Caroline Smolny. Die Leiterin der Flüchtlingsunterkunft ist ein zupackender Typ.

Wohnraum in der Flüchtlingsunterkunft an den Hamburger Sophienterrassen  Fotograf: Carolin Fromm

Sophienterrasse: Offene Türen

Hamburg Journal -

Kaum eine Flüchtlingsunterkunft hat so viele Schlagzeilen gemacht wie die an der Sophienterrasse in Harvestehude. Jetzt ist sie fertig und die Nachbarn konnten sich im Haus umsehen.

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Leiterin Smolny: "Ich wusste: Das ist meins."

In ihrem Büro stehen fünf Umzugskisten. In die blauen Ordner, die auf dem Boden liegen, will die 58-Jährige noch die Hausordnung und Informationen zur Mülltrennung für die Bewohner heften. An der Wand hängen eine Weltkarte und Fotos von Smolny in anderen Unterkünften. Sieben Einrichtungen hat die Sozialmanagerin in Hamburg schon aufgebaut: zuletzt die Erstaufnahme am Hamburger Flughafen. Nun also Sophienterrassen. Warum? "Ich wohne in der Nähe und wusste einfach: Das ist meins."

Die Unterkunft wird zum Symbol

Die Flüchtlingsunterkunft an den Sophienterrassen ist zum Symbol geworden: Für den Senat, der demonstrieren will, dass sich alle Stadtteile an der Unterbringung zu beteiligen haben. Für einige Befürworter, die die Kläger gegen die Unterkunft für realitätsferne Flüchtlingsfeinde halten. Für die Kläger, die Recht bekommen wollen, um recht zu haben. Und für einige Journalisten, die den Konflikt zum Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Arm und Reich zuspitzen möchten.

Der schwierige Weg vom Plan bis zum Vergleich

Vor über zwei Jahren kauft die Stadt das Gebäude zwischen den Villen. Als die Pläne bekannt werden, klagen einige Anwohner. Vor einem Jahr verhängt das Verwaltungsgericht einen Baustopp: Diese Art der Wohnanlage sei nicht durch den Bauplan gedeckt, das Wohngebiet geschützt. Einen Vergleich schlagen die Kläger aus. Das Oberverwaltungsgericht bestätigt die Entscheidung im Juni 2015. Dann im Herbst die Überraschung: Kläger und Bezirk einigen sich auf einen Vergleich. Es dürfen 190 Menschen einziehen - 30 weniger als der Bezirk hoffte und 20 mehr als die Kläger wollten. Wie kam es zum Sinneswandel? "Der Stadt war die Anzahl besonders wichtig. Das haben meine Mandaten erkannt und sich gefragt: Was ist uns wichtig?", sagt der Anwalt der Kläger Gero Tuttlewski. Antwort: Familien anstatt Singles, Befristung auf neun Jahre, Milchglasscheiben an einer Seite.

Kläger ist wütend auf Senat und Medien

Stadtteil Harvestehude

Der Hamburger Stadtteil Harvestehude liegt westlich der Außenalster. Dort beträgt das durchschnittliche Einkommen rund 89.000 Euro, es ist damit mehr als doppelt so hoch wie im Hamburger Schnitt. Von den gut 17.000 Einwohnern bekommen nur gut 500 Hilfe vom Staat. Nur ein Prozent der Wohnungen sind Sozialwohnungen, der Hamburger Durchschnitt liegt bei zehn Prozent.

Quelle: Statistikamt Nord

"Wir haben genau das bekommen, was wir wollten." Der Kläger, der anonym bleiben möchte, wird nachdrücklich. Außerdem sei man mit dem Bezirksamt schon lange einig gewesen. Nur der Senat sei bei der Planung der Unterkunft kompromisslos geblieben. Im Gespräch mit dem NDR entlädt sich seine Wut auf den Bürgermeister, der geltendes Recht brechen würde: "Wir sind immer noch nicht einverstanden, wie der Senat damit umgeht. Wenn Bürgermeister Olaf Scholz sagt: Wir realisieren das trotzdem (Anmerk. d. Redaktion: trotz anderslautender Gerichtsurteile), ist das eine absolute Sauerei." Die Anzahl der Flüchtlinge, die einzieht, interessiere ihn gar nicht. Darauf zu pochen sei aber die einzige Möglichkeit gewesen, dem Senat klar zu machen, dass er gegen geltendes Recht verstoße. Auch dass die Medien so einen Wind um eine Unterkunft für nur 190 Menschen machten, findet er lächerlich.

Standort hat Vor- und Nachteile

Unterkunftsleiterin Smolny empfängt derweil Dutzende interessierte Anwohner, die sich den Bau anschauen wollen. Freiwillige Helfer wuseln durch die Räume. Smolny blickt voller Vorfreude auf die kommenden Aufgaben. Denn das große Engagement der Helfer und auch Anwohner eröffne den Flüchtlingen Chancen, die sie sonst nie hätten. "Ich habe die Hoffnung, dass die Bewohner hier stärker eigenständig leben können als woanders. Denn unsere Freiwilligen können vor allem mit Beziehungen helfen." Allerdings sehe sie auch die Nachteile der Unterkunft in einem teuren Stadtteil. Denn Smolnys Aufgabe ist es, die Bewohner in Wohnungen zu vermitteln. "Man wünscht sich eigentlich, dass sie im Stadtteil wohnen bleiben können. Denn hier gehen die Kinder dann zur Schule, hier leben Freunde. Der Übergang in eine eigene Wohnung ist ein schwieriger Schritt."

Bezirksamt will zukünftig als erstes den Bauplan ändern

Wenn Ein- und Zusammenleben hier nicht funktioniert, wo dann? Das fragt auch Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke (SPD). "Deswegen haben wir das auch durchgesetzt." Seine Erkenntnis aus dem gut zweijährigen Rechtsstreit: "Wir als Verwaltung müssen uns sehr schnell den Bebauungsplan angucken und den zur Not ändern." Denn nochmal: Die Aufgabe sei es überall Flüchtlinge unterzubringen und dabei rechtliche Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Sevecke ist immer noch froh über die Einigung; richtige Euphorie will aber nicht aufkommen bei den Tausenden Menschen, die noch in Baumärkten und Containern wohnen.

Probleme benennen ist wichtig

An diesem Wochenende richten Freiwillige im Souterrain der Unterkunft die Teestube ein. Auch die Freizeit AG wartet auf unternehmungswillige Bewohner. Smolny hofft dabei, dass es an der Alster anders, besser wird als im Durchschnittsheim. Sie will, dass es nicht komisch ist, eine Flüchtlingsunterkunft zu betreten und mit Geflüchteten befreundet zu sein. Das sei dank der vielen Ehrenamtlichen hier möglich. "Es werden sich sicherlich Befürchtungen bestätigen und darüber müssen wir immer wieder reden. Ich hoffe, dass viele Anwohner vorbeikommen und Probleme schildern, damit es gelingt im Gespräch zu bleiben."

Die Flüchtlingsunterkunft an der Sophienterrasse

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