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Mich beschäftigt schon lange eine Frage: Im Vaterunser heißt es: "Und führe uns nicht in Versuchung". Ich verstehe diese Bitte nicht, denn - führt Gott uns in Versuchung?

Ja, das widerspräche tatsächlich allem, was wir von Gott wissen. Gott ist doch der liebende Gott, der uns vergibt und beisteht! Aber führt Gott uns auch "in Versuchung"? Stellt er uns eine Falle - nach dem Motto: Mal sehen, wie der Mensch reagiert, wenn ihm dieses oder jenes passiert?

Schauen wir uns zunächst das Vaterunser an. Es steht in der Bibel und Jesus selbst hat es uns gelehrt. Aber seine Sprache war eine andere als unsere: Er sprach aramäisch.

Jüdische Bibelforscher haben darum versucht, das Vaterunser in die Sprache Jesu zurück zu übersetzen und kamen zu einem überraschenden Ergebnis: In der Ursprache könnte es nicht nur heißen "...und führe uns nicht in Versuchung", sondern auch: "...und lass uns nicht in Versuchung kommen" - eine Bitte, die übrigens so ähnlich noch heute im jüdischen Abendgebet gesprochen wird.

Das klingt schon anders: Ob Jesus das ursprünglich gemeint hat: "... und lass uns nicht in Versuchung kommen"? Das würde bedeuten: Gott selbst ist NICHT böse, denn das widerspricht seinem Wesen.

Das machen auch viele Geschichten in der Bibel deutlich. Einmal fastet Jesus in der Wüste, 40 Tage und Nächte. Da wird er in Versuchung geführt - nicht durch Gott, sondern durch den Satan. Der führt ihm alle Weltreiche vor Augen: Das alles soll Dir gehören, wenn du mich anbetest. Jesus antwortet: In der Bibel steht, Du sollst allein Gott anbeten und ihm dienen.

Wir können das so verstehen: Das Böse, der Satan, führt Jesus in Versuchung - aber Jesus flieht. Er flieht zu Gott, dem liebenden Vater. Ist diese Versuchungsgeschichte nur ein Mythos aus alter Zeit?

Ich glaube, das Böse ist auch heute allgegenwärtig in den Kriegen und Gewalttaten der Welt. Auch wir tragen Schatten und Dunkelheiten in uns, die uns etwas einflüstern und uns verführen wollen. Das Böse ist oft genug ein Teil unserer Seele. Darum gehört zu unserem Mensch- und Christsein, dass wir die Wahl haben zwischen Gut und Böse - wir müssen bewusst entscheiden, das Böse zu lassen und das Gute zu tun.

Sicher: Diese Bitte aus dem Vaterunser ist schwierig, trotzdem kann ich sie gut nachvollziehen. Wichtig ist mir, dass ich im selben Atemzug die darauffolgende Bitte des Vaterunsers sprechen kann: "...und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen". Das ist die große Hoffnung: Dass das Böse in der Welt nicht das letzte Wort hat, sondern dass die Liebe Gottes siegt.

Autor: Jan von Lingen

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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