Stand: 24.05.2014 12:16 Uhr

Nannen-Preisträger Appelbaum will Preis nicht mehr

Bild vergrößern
Jacob Appelbaum (m.) stört sich an der Vergangenheit Henri Nannens.

Am vergangenen Freitag erhielt Jacob Appelbaum mit mehreren Kollegen des "Spiegel" den Henri-Nannen-Preis. Das Recherche-Team um den US-Journalisten und seine Kollegin Laura Poitras wurde in der Kategorie "Investigation" für seine Enthüllungen in der NSA-Abhöraffäre ausgezeichnet. Doch an diesem Freitag die überraschende Kehrtwende: Appelbaum distanziert sich von dem Preis. Beim Festival "Theater der Welt" in Mannheim begründete er das mit der Vergangenheit Nannens. Der 1996 verstorbene Gründer und langjährige Chefredakteur des "Stern" hatte im Zweiten Weltkrieg in einer Propagandakompanie gedient.

Jury-Mitglied Osterkorn: "Vergangenheit war bekannt"

"Wenn Jacob Appelbaum dies tun will, so müssen wir das respektieren", erklärte der frühere Chefredakteur des "Stern" und Mitinitiator des Henri-Nannen-Preises, Thomas Osterkorn. Allerdings sei das Wirken Nannens in der Nazi-Zeit hinlänglich bekannt. "Er hat daraus auch keinen Hehl gemacht und später mehrfach bedauert, was er damals an Propagandazeug geschrieben hatte", erklärte Osterkorn, der auch der Jury angehörte.

Appelbaum, ein Vertrauter von NSA-Enthüller Edward Snowden, stellte die Ehrung für sein Team nicht infrage, kündigte aber an, die Preisskulptur mit dem Kopf von Nannen aus Protest einschmelzen lassen.

ZAPP dokumentiert die Rede Appelbaums im Wortlaut.

Die Rede von Jacob Appelbaum:

Bild vergrößern
Jacob Appelbaum: "Es ist wichtig, Widerstand zu leisten."

"Ich war neun Jahre, als mein Vater mich dafür bestrafte, dass ich blind anderen Kindern gefolgt war. Er forderte mich auf, zwei Theaterstücke zu lesen, und führte mich so an zwei meiner Lieblingswerke für die Bühne heran: Eugène Ionescos Die Nashörner und Max Frischs Biedermann und die Brandstifter. Beide Dramen ließen mich erkennen, wie gefährlich es ist, gedankenlos zu tun, was andere vorgeben. Sie vermittelten mir wichtige Erkenntnisse über die Konsequenzen des kollektiven Wahnsinns in der Gesellschaft, über Selbstgewissheit, Werte und Rechte, Macht und Gewalt, aber vor allem über die Treue zu Ideen, ohne die jeweils aktuellen Folgen zu reflektieren.

Die beiden Dramen und die Worte meines Vaters machten mir klar, dass es wichtig ist, Widerstand zu leisten, und dass dieser im Dienst einer größeren Menschlichkeit stehen muss. Damit wir eine Welt schaffen, die nicht nur von totalitären Gedanken geleitet wird, mit blindem Glauben an Flaggen, Führer, Bürokraten und ihre Lakaien, oder mit simpler Autoritätshörigkeit und blindem Gehorsam, der nur um der Autorität willen eingefordert wird.

Das Theater hilft der Gesellschaft, die großen und kleinen Fragen des Lebens zu thematisieren. Es ist ein wichtiges Element der menschlichen Kultur. Wir leben in einer Zeit großer Umbrüche, in der wir lang gehegte Traditionen neu bewerten, in der wir die wahren Grenzen der Gesetze und die moderne Dynamik der Macht begreifen, die nun die Maschinen aushandeln.

Überwachte Gesellschaft

Dank des mutigen Whistleblowers Edward Snowden realisierten wir erst in jüngerer Zeit, dass der Westen uns in unvorstellbarem Maß überwacht. Seine Systeme werden für politische Morde eingesetzt, verübt durch fliegende Roboter, die wir als Drohnen kennen. Widerspruch wird zerschlagen, ein endloser Krieg wird geführt, in dem Verdächtige, die Gruppen im Visier und die Opfer als Untermenschen gelten. Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass es nicht nur um Terroristen geht, sondern wir alle, selbst Angela Merkel, sogenannte legitime Ziele sind. Doch was bedeutet diese High-Tech-Information wirklich? Wie können wir diese Dinge begreifen und den Menschen selbst sehen, ohne die Details, Nuancen und die Bedeutung, die die Fakten vermitteln, auszublenden?

Bild vergrößern
Vergangene Woche erhielt Jacob Appelbaum den Henri-Nannen-Preis für investigativen Journalismus.

Vergangene Woche wurde mir eine große Ehre zuteil: Von den wichtigsten Journalisten Deutschlands erhielt ich den Henri-Nannen-Preis für investigativen Journalismus. Unser Team gewann ihn für eine Story, die enthüllte, dass die NSA nicht nur Deutschland, Europa und die meisten Regionen unserer Welt, sondern auch und insbesondere Bundeskanzlerin Merkel ausspionierte. Eine solche Auszeichnung von Kollegen entgegenzunehmen, ist ein großartiges Gefühl. Eine derartige Anerkennung erhält man nur selten für ein so heikles Thema. Umso mehr als es hier um internationale Massenüberwachung geht, die angeblich betrieben wird, um uns vor Terror zu schützen. Diejenigen, die regelmäßig dazu recherchieren, werden allzu oft selbst dämonisiert, bedroht und verfolgt, um sie zum Schweigen zu bringen.

Zweifelhafte Geschichte des Pressepreises

Allerdings muss ich mich äußern angesichts der Tatsache, dass Deutschlands wichtigster Pressepreis eine zweifelhafte Geschichte birgt. Ich beschloss, auch diese zu erkunden und mehr über Henri Nannen zu erfahren. Was ich herausfand, irritierte mich. Die Lektion, die ich dank meines Vaters gelernt hatte, der mir durch das Theater etwas Wichtiges mitteilen wollte, fiel mir wieder ein. Ich hatte nicht erwartet, dass wir den Preis gewinnen würden, wollte aber in jedem Fall diese Frage anschneiden, sollten wir die Sieger sein. Die Preisverleihung fand in der Kulisse eines Zirkus statt. Es sollte unterhaltend sein, witzig, eine Leichtigkeit im Umgang mit schweren Themen ermöglichen. Nannens Name erstrahlte in großen Lettern im Saal. Als ich zusammen mit meinen Koautoren im Smoking die Bühne betrat, überkam mich das Gefühl, dass das Verlesen meines vorbereiteten Statements eine Beleidigung wäre, und dass ich besser schweigen sollte. Ich spürte den sozialen Druck des Konformismus. Ich hatte gedacht, dass ich nicht im Schweigen gefangen sein würde, doch ich hatte mich getäuscht. In diesem Zirkus spielte auch ich meine Rolle. Ich griff nicht nach dem Mikrofon. Ich schäme mich dafür, aber ich brachte auf der Bühne kein Wort hervor. Ich spürte, dass ich eine begehrte Auszeichnung erhalten hatte, und gleichzeitig ein Stück von mir dabei verlor. Ich nahm die schwere Metallbüste - Henri Nannens Kopf - mit, und unser Siegerteam feierte, wie man einen solchen Sieg eben feiert.

Ich bin investigativer Journalist und arbeite an sensiblen Themen. Ich präge die Kultur, indem ich mich auf die Suche nach harten Fakten mache und sie analysiere. Als ein engagierter Vertreter der Idee des wissenschaftlichen Journalismus, einer Idee, für die heute WikiLeaks und Julian Assange stehen, will ich durch meine Arbeit gewährleisten, dass ausnahmslos jeder Zugang zu den Fakten hat, und dass der Leser die Fakten selbst überprüfen kann, die wir in unseren Texten behaupten. Ich wehre mich gegen jede Form von Propaganda. Meine Arbeit ist Anerkennung der Tatsache, dass jegliche Vereinfachung von Fakten eine Version einer größeren Wahrheit ist, die sich am besten durch Originaldokumente in Verbindung mit ihrer Interpretation erzählen lässt.

Ich bin stolz darauf, dass meine Arbeit von vielen großen deutschen Journalisten gewürdigt wird. Gleichzeitig jedoch schäme ich mich dafür, eine Auszeichnung anzunehmen, die den Namen Henri Nannens trägt.

Mit geheimen NSA-Dokumenten an der Obsttheke

Wie fühlt es sich an, wenn man die Snowden-Dokumente im Rucksack bei sich trägt? Journalist Greenwald sprach in Hamburg über seine NSA-Enthüllungen und ihre Auswirkungen. mehr