Stand: 13.06.2015 17:14 Uhr

"Krautreporter" dürfen machen - und müssen liefern

von Fiete Stegers und Steffen Grimberg

Ja, wir haben mitgefiebert, ob die "Krautreporter" es schaffen, genügend Unterstützer für ihren Plan zu finden.

Und ja, wir haben uns vor ein paar Tagen auch in die Unterstützer-Crowd eingereiht und verpflichtet, beim Zustandekommen zahlungspflichtiger Leser der Plattform zu werden (Mindesteinsatz: 60 Euro für ein Jahr).

Finger in viele Wunden

Und das trotz aller teilweise berechtigten Kritik, die das Projekt seit seiner Ankündigung vor gut einem Monat und besonders in den letzten Tagen erfahren hat: geringer Frauenanteil im Team, keine Paypal-Zahlungsmöglichkeit, seltsame Generalisierungen ("Online-Journalismus ist kaputt") und pathetische Sprache ("Ihr seid schon jetzt Teil einer ganz besonderen Gemeinschaft. Ihr gehört zu den inzwischen fast 10.000 Journalismus-Pionieren.") im Marketing, die Tatsache, dass kurz vor Schluss noch die Augstein-Stiftung das Geldsäckel bisschen aufmachte. Und vor allem das noch recht unklar gebliebene Versprechen, welche Inhalte uns als Nutzer denn von den "Krautreportern" denn nun erwarten. Auch wir hatten uns gefragt, ob das "Krautreporter" für Journalisten das wird, was Flattr in Deutschland für Blogger ist: Eine verhältnismäßig kleine Community schiebt sich gegenseitig Geld hin und her, quasi von der einen Tasche in die andere.

Sebastian Esser beim "Reporter-Forum" © NDR Fotograf: Daniel Bröckerhoff

"15.000 Leute wollen, dass es klappt"

ZAPP

"Krautreporter" Sebastian Esser spricht unmittelbar nach Erreichen des Crowdfunding-Ziels im spontanen ZAPP Interview über den Erfolg, hohe Erwartungen und Kritik.

bei Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Von Anfang an Signalwirkung

Aber wer, wenn nicht ein Team mit gestandenen Journalisten wie Stefan Niggemeier, Richard Gutjahr oder Jens Weinreich, die sich im Netz durch ihre Beiträge und ihre Ansprechbarkeit eine beachtliche Fan-Zahl erarbeitet haben, sollte es dann in Deutschland schaffen, ein unabhängiges, klassisch journalistisches Online-Medium durch Crowdfunding in dieser Größenordnung auf die Beine zu stellen (was passieren würde, wenn YouTube-News-Kommentator Le Floid zum Crowdfunding aufruft, lassen wir jetzt mal außen vor)? Der Plan von "Krautreporter" hatte deshalb von Anfang an Signalwirkung – und hätte diese auch bei einem Scheitern gehabt.

Video
01:32 min

Crowdfunding erfolgreich: "Yes! Yes! Wow!"

Hinter den Kulissen: Das Handy-Video von Jannis Kucharz zeigt den Augenblick, als "Krautreporter"-Gründer Sebastian Esser erfährt, dass das Unterstützerziel erreicht ist. Video (01:32 min)

Jetzt haben die Kollegen 12 Monate Zeit, durch Inhalte zu überzeugen, um ihre Leser, die sie "Mitglieder" nennen, zu überzeugen. Spannend wird es, ob ihnen das mit dem thematischen Prinzip Wundertüte gelingt. Denn danach sieht es bisher aus, weil jeder Krautreporter seine eigene thematische Spezialisierung mitbringt.  Es dürfte deutlich einfacher sein, ein festes Publikum zu finden und zu halten, wenn ein neues Medium eine klare Ausrichtung hat - so wie "The Intercept" von Glenn Greenwald und Co., das sich der NSA-Affäre verschrieben hat.  "The Intercept" steht übrigens dank der Finanzierung durch Milliardär Pierre Omidyar genau vor der entgegengesetzten Herausforderung als die "Krautreporter". Auf die Frage nach dem Geschäftsmodell sagte "Intercept"-Redakteur Andy Carvin laut einem Tweet heute auf einer Veranstaltung: "Keine Ahnung, wir haben 250 Millionen Dollar Cash von eBay, um es herauszfinden."

Was das "Krautreporter"-Beispiel aber auch zeigt: Es ist möglich, innerhalb eines Monats in Deutschland 15.000 Abonnenten an sich zu binden, die an journalistischen Inhalten interessiert sind – ganz ohne Geldprämien oder Kaffeemaschinen. Der heutige Erfolg sollte die Marketing-Abteilungen so ziemlich aller klassischen Verlage also tief verstört zurücklassen. Mitleid verdienen sie keins.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 20.05.2014 | 23:20 Uhr

Die Zukunft des Journalismus

Die digitale Revolution hat die Mediennutzung verändert. Wie sieht die Zukunft des Journalismus im digitalen Zeitalter aus? Dieser Frage geht die NDR Info Sommerserie nach. mehr