Stand: 09.10.2017 17:00 Uhr

Wie der "Spiegel" Medienpolitik betreibt

von Annette Leiterer
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ZAPP-Redaktionsleiterin Annette Leiterer

"Kritik unter Freunden müsse sein. Dann erst recht unter Verwandten", schreibt die stellvertretende Chefredakteurin Susanne Beyer im Morning Briefing. Sie bezieht sich auf den aktuellen Titel "Die unheimliche Macht. Wie ARD und ZDF Politik betreiben". Recht hat sie, Kritik unter Freunden und Verwandten muss erlaubt sein. Aus diesem Grunde hier einige Anmerkungen zum aktuellen "Spiegel"-Titel und den dazugehörigen Texten im Blatt.

Provokation als Verkaufstreiber

Es ist nicht das erste Mal, dass ein "Spiegel"-Titel provoziert und der Text dann deutlich differenzierter zusammenkehrt, was vier verdiente Autoren aufgehäuft haben. Dem "Spiegel"-Stil folgend müsste hier wahrscheinlich stehen: Solche Titel "gehören zur DNA des 'Spiegel'". Schließlich muss das Blatt sich auch verkaufen - über den Titel. Das muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk in dieser Form nicht. Und an vielen Stellen ist die Analyse hinter diesem Titel richtig.

Da werden einige Reformer innerhalb der ARD benannt: Patricia Schlesinger als Intendantin des RBB, Stefan Raue als Intendant des Deutschlandradios sowie Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF. Die Zitate dieser drei verbreiten Hoffnung, kennzeichnen Reformwillen. Im Text sind aber auch Allgemeinplätze wie dieser: "Das Bild vom unfertigen, eigentlich unpolitischen Bürger" wird den Sendern vorgehalten. Und zwei Seiten später fragt ein Redakteur den ARD-Moderatoren Frank Plasberg: "Trägt nicht jeder Journalist etwas von einem Aktivisten in sich?"

Analyse hält Titelversprechen nicht

Wer alle elf Seiten, die zum Titel gehören, gelesen hat, ahnt: Ja, manche Journalisten sind auch Aktivisten in eigener Sache - auch beim "Spiegel". So ist der Zeitpunkt dieses Titels interessant. Am 19. und 20. Oktober tagt die Rundfunkkommission. Es geht um Geld und um den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - also um dessen Zukunft. Wichtige Entscheidungen stehen an, politische Entscheidungen. Nun hat der "Spiegel" ohnehin lange gewartet mit seiner Positionierung in diesem politischen Streit. Da mutet der Satz "Wie ARD und ZDF Politik betreiben" auf dem Titel merkwürdig an. Wer macht hier gerade Politik?

Das gilt umso mehr, weil im Text Belege dafür, wie ARD und ZDF Politik "betreiben", fehlen. Der Titel wird nicht eingelöst. Im Heft bringt nur Jan Fleischhauer in einer Polemik ein Einzelfallbeispiel. Frau Passin, Opfer des Berliner Terroranschlags, wurde aus einer ZDF-Talkshow ausgeladen - kurz vor der Sendung. Fleischhauer vermutet als Grund für die Ausladung vorauseilenden, politischen Gehorsam von Seiten des ZDF, belegt das aber nicht. Das ZDF bestreitet das. Dann problematisiert Fleischhauer die Zusammensetzung der Gremien. Ein guter Punkt, zu dem es mehr zu sagen gäbe als eine in Vermutungen verbleibende Polemik.

ZAPP hat viele kritische Inhalte zum Thema - leider alle offline

Auch ZAPP hat das Thema Zusammensetzung der Gremien in der Vergangenheit ausführlich beleuchtet (zum Beispiel am 4. November 2015, "Rundfunkrat soll Spiegel der Gesellschaft ein"; am 29. Oktober 2014, "Gremien und Transparenz"; am 26. März 2014, "Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Fall Nikolaus Brender"; am 26. Februar 2014, "Publikumsrat"; am 6. November 2013, "Klage gegen den ZDF-Staatsvertrag"; am 8. Mai 2013, "Vorsichtige Transparenz - ARD-Kontrollgremien"). Diese Beiträge stehen leider nicht mehr online. Eine frühere Runde im Streit mit den Verlegern hatte den öffentlich-rechtlichen Sendern ein Verweildauerkonzept eingebracht, das für viele ZAPP-Beiträge eine Onlinestellung von über einem Jahr verbietet. So viel zum gesellschaftlichen Nutzen der Online-Begrenzung öffentlich-rechtlicher Inhalte.

Unterhaltung oder keine Unterhaltung - was denn nun?

Außerdem wünscht sich der "Spiegel" öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten ohne teure Unterhaltung, wenn der "Kitsch tropft". Am Ende des Textes wird die Unterhaltung als "Kernbereich" des Öffentlich-Rechtlichen dann aber wieder genannt. Es bleibt dem Leser überlassen, sich hier wie auch immer geartete anspruchsvolle Unterhaltung vorzustellen.

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Champions League nur noch im Pay-TV

12.04.2017 23:20 Uhr

Bisher lief die UEFA Champions League bei Sky oder im ZDF. Doch bei der neuen Rechtevergabe ging das ZDF leer aus. Sky und der neue Anbieter DAZN haben den Zuschlag bekommen. mehr

Ebenso sind die teuren Sportrechte den "Spiegel"-Autoren ein Dorn im Auge. Die Tatsache, dass in jüngsten Bieterrunden nicht mehr ARD und ZDF das Rennen machten, lässt der Text dabei außer Acht. Hier sei die UEFA Champions League 2018 bis 2021 genannt. Sie ging nicht an das ZDF, sondern an Sky und DAZN (ZAPP berichtete). Und die Rechte für die Übertragung der Olympischen Spiele 2018 bis 2024 gingen zunächst nur an US-Medienkonzern Discovery Communications - erst später konnten ARD und ZDF Sublizenzen erwerben. Diese Informationen fehlen im Text. Nun gehört Weglassen auch zum Handwerk des Journalismus gerade bei pointierten Geschichten. Aber hätten diese Fakten nicht doch zur Geschichte gehört, wenn schon die teuren Sportrechte thematisiert werden?

Vor allem aber vergisst der Text eines: Den Anspruch, dass ARD und ZDF für alle da sein sollen. Und zwar im Radio (kommt im "Spiegel" gar nicht vor) und im Fernsehen. Und gehört es nicht auch zum Service für alle Beitragszahler, dass sie Inhalte auch da abrufen können, wo inzwischen die meisten sind: online?

Gegenseitige Attacken schaden dem Journalismus

Wir leben in einer Zeit, in der wir immer wieder beklagen, dass Menschen unerreichbar werden und sich in Teilöffentlichkeiten bewegen, in die weder der "Spiegel" noch ARD und ZDF vordringen. Mir erscheint es da gesellschaftlich nicht vernünftig, unterhaltungs- oder sportorientierte Zuschauer vom öffentlich-rechtlichen Angebot auszuschließen. Ab in die Nische kann doch keine Alternative sein für das Öffentlich-Rechtliche, wenn es - wie im "Spiegel"-Text genannt - die Aussicht auf Reformen und Verbesserung gibt, oder?

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Kampf um die Zukunft von ARD und ZDF

20.09.2017 23:20 Uhr

Die Politik entscheidet über die Zukunft von ARD und ZDF. Verleger versuchen Stimmung zu machen, die Sender halten nun offen dagegen - eine Lobby-Schlacht ist entbrannt. mehr

Im Moment nutzen alle Seiten ihre publizistische Macht für ihre Zwecke. Da ist der "Spiegel" nicht allein, auch die FAZ und andere haben jüngst prominent Stellung bezogen. Den bewusst provozierenden "Nordkorea"-Vergleich durch BDZV-Chef Mathias Döpfner konterte die ARD-Vorsitzende Karola Wille sogar in der 20 Uhr "Tagesschau". Die offene Auseinandersetzung ist gut. Aber die Nutzung des eigenen Blattes oder der eigenen Nachrichtensendung im Eigeninteresse, ohne dasselbe deutlich zu kennzeichnen, ist es nicht.

Ein solcher Missbrauch der publizistischen Macht fördert nicht gerade das Vertrauen in den Journalismus. Und die Notwendigkeit, dieses Vertrauen zu stärken, haben auch die "Spiegel"-Autoren erkannt. Am Ende des "Spiegel"-Textes fordern sie, dass alle vom hohen Ross runter müssen - also ARD, ZDF, "Spiegel" und andere. Das Ende ist versöhnlich. Aber wozu dann vorher die Keule im Titel?

Kampfansage oder falscher Titel?

Wie sagte "Spiegel"-Chefredakteuer Klaus Brinkbäumer zu ZAPP, als es um den Titel "Stoppt Putin jetzt" (31/2014) ging? "Ich glaube, er war falsch. Falsch deshalb, weil er für Sanktionen plädieren sollte, aber missverstanden wurde als Aufruf zum militärischen Handeln." Der aktuelle "Spiegel"-Titel "Die unheimliche Macht. Wie ARD und ZDF Politik betreiben" kann verstanden werden als Kampfansage gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wenn er nicht so gemeint war - war dieser Titel dann vielleicht auch falsch?

 

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Streit: Was dürfen ARD und ZDF im Netz?

05.04.2017 23:20 Uhr

Den Verlegern geht das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen im Netz zu weit, sie klagen. ARD und ZDF hingegen klagen über antiquierte Regeln. Jetzt wird der Rundfunkstaatsvertrag überarbeitet. mehr