Stand: 24.03.2016 16:55 Uhr

Vorurteile in der Brüssel-Berichterstattung

von Andrej Reisin
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Andrej Reisin kommentiert die Berichterstattung einiger deutscher Medien nach den Anschlägen von Brüssel.

Was meinen Sie, wo kommt der Terror von Brüssel her? Na klar, aus Molenbeek! Das weiß doch jedes Kind. Zumindest, wenn es ordentlich deutsche Medien konsumiert. Seit Dienstag kann man wieder einmal dabei zugucken, wie viele Kolleginnen und Kollegen in hektischer Betriebsamkeit gefährliches Halbwissen in die Welt hinausposaunen. Mein ZAPP Kollege Boris Rosenkranz hat einige dieser Perlen bereits bei "Übermedien" unter "Im Panikorchester" zusammengetragen, im aktuellen Durchgezappt war zudem die transportierte Terrorhysterie ein Thema.

Vorurteile werden transportiert

Mich stören vor allem Vorurteile und die überhebliche Besserwisserei der hiesigen Terror-Berichterstattung. Exemplarisch dafür stand der gestrige Morgen im Deutschlandfunk, wo es zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel daran zu geben schien, wer die Attentate letztlich ermöglich hat: der vermeintliche "failed state" Belgien. Und das klang bei Moderatorin Christine Heuer dann so: "Aber die Bomben sind hochgegangen, ausgerechnet am Flughafen und im Europaviertel, das sind doch ganz sensible Orte, warum waren die denn nicht besser gesichert?"

Interview
03:00 min

Pries:"Failed state" eine "groteske Übertreibung"

23.03.2016 23:20 Uhr

Brüssel-Korrespondent Knut Pries ärgert sich über die Berichterstattung, in der Molenbeek als "failed state" dargestellt wird - das sei eine "groteske Übertreibung". Video (03:00 min)

Der von Heuer befragte Sicherheitsexperte Rolf Clement antwortete darauf, das müsse man die belgische Polizei fragen, die nicht in der Lage sei, solche Orte rund um die Uhr zu überwachen, während "wir in Deutschland deutlich besser aufgestellt" seien. Nun, zufällig sind zwei meiner Kollegen gestern von Hamburg nach Köln und zurück geflogen – und keiner ist am Flughafen bereits vor Erreichen des Terminals kontrolliert worden. Und das in Deutschland, am Tag nach den Anschlägen von Brüssel. Ich würde daher vermuten, die Täter sind in Brüssel einfach ins Gebäude reingegangen. Genauso wie es sie in Hamburg oder Köln eben auch jederzeit tun können.

Belgien-Bashing sorgt für Verärgerung

Ziemlich verärgert über das Belgien-Bashing in deutschen Medien war dann auch Heuers einziger belgischer Gesprächspartner, Antonios Antoniadis, Minister der Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens: "Früher waren wir das Land der Kinderschänder … vor Kurzem die Betreiber von Schrottreaktoren, und jetzt sind wir das Land der Terroristen", wehrte er sich gegen die pauschale Unterstellung Heuers, der belgische Staat funktioniere "fast sprichwörtlich schlecht".

Dauergäste mit Dauerparolen in Funk und Fernsehen

Haben Sie eigentlich auch aufgehört zu zählen, wie oft Rainer Wendt (Deutsche Polizeigewerkschaft), Wolfgang Bosbach (CDU-Sicherheitspolitiker) oder Michael Lüders (Islam-, Nahost- und Terrorismusexperte) in den letzten 48 Stunden Interviewpartner oder zu Gast in Radio- und Fernseh-Talkshows waren? Insbesondere bei Wendt und Bosbach muss sich selbst der geneigteste Medienkonsument doch irgendwann fragen, wann die beiden Herren eigentlich Zeit für ihre Expertisen haben? Nachts um drei? Im Taxi vom Flughafen zum Studio?

Das hindert aber natürlich keinen von beiden daran, mantraartig die immer gleichen Forderungen zu erheben: mehr Polizei, mehr Personal, bessere Ausstattung, mehr Vernetzung, mehr Überwachung, mehr Datenerhebung, bessere Vernetzung und weniger Datenschutz. Völlig unabhängig davon, ob diese Forderungen nun richtig sind oder nicht: Wenn man sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit wiederholen kann, was haben sie dann mit den Ereignissen von Brüssel zu tun? Speziell im Fall der Polizeigewerkschaften hatte nicht nur ZAPP in der Vergangenheit jedenfalls berechtigte Zweifel daran, ob man diese permanent kritiklos über den Sender jagen muss.

Große Stadtteile, absurde Forderungen

Nun also wieder mal Molenbeek. Und seit neuestem auch Schaerbeek, da "wo die Terroristen wohnen", wie die "Rheinische Post" titelt. Von Vororten ist dann oft die Rede, doch ein Blick auf den Stadtplan zeigt, dass das weder für Molenbeek noch für Schaerbeek zutrifft: Bei beiden handelt es sich um innenstadtnahe Bezirke mit rund 100.000 Einwohnern. Durch Schaerbeek stolperte heute im Morgenmagazin von ARD & ZDF der Kollege Jan Philipp Burgard auf "Spurensuche". "Hat niemand in der Nachbarschaft mitbekommen, wer hier nebenan lebt?", fragt sich der Reporter zu Beginn. Nun könnte man meinen, die Anonymität der Großstadt sei ihr Wesen und raison d’être. Doch Burgard fragt weiter: "Wieso meldet hier niemand militante Islamisten der Polizei?"

Übertragen wir diese Vorgehensweise mal auf Deutschland: Warum haben eigentlich die Einwohner von Hamburg-Harburg die Todespiloten des 11. September nicht einfach vor der Tat angezeigt? Oder die Bewohner des beschaulichen Sauerlandes, nachdem eine verhinderte Terror-Truppe benannt ist? Oder die Bürger von Zwickau, die jahrelang die rechtsterroristische NSU-Bande mitten unter sich duldeten - und sogar deren Katzen in Obhut nahmen? Wie kann das sein? Und überhaupt: Manche RAF-Terroristen versteckten sich jahrzehntelang, manche sind bis heute nicht gefasst. Wie tief ist der deutsche Terror-Sympathisantensumpf eigentlich? Sie merken schon: Sehr viel absurder kann man kaum noch fragen.

Vorurteile filmreif in Szene gesetzt

Als ein Supermarktbesitzer von "ganz normalen Bürgern" spricht, zoomt die Kamera auf ein Spielzeug-Gewehr, und der Reporter vollendet den Satz mit "die nicht ganz normales Spielzeug kaufen." Aha. So ist das nämlich im unter Generalverdacht stehenden Schaerbeek. Da kann man auch schon mal ohne Termin mit laufender Kamera in eine Moschee rennen  – und ohne Rücksicht auf das Recht am eigenen Bild zufällige Besucher abfilmen. Wenn man dann hinaus gebeten  wird, hilft Empörung: "Warum wollen Sie nicht reden?"

Der Reporter fasst zusammen: Obwohl er "viele freundliche Menschen" getroffen habe, verstehe er nun auch, wie militante Islamisten "so lange unentdeckt" bleiben könnten. Die "freundlichen Menschen" zeigt sein Beitrag allerdings nicht, nur eine Frau, die Angst vor Islamisten hat. Und offenbar arabisch-stämmige Bewohner, die nicht mit ihm reden wollen. Der Bericht ist am Ende genau das, was die schweigsamen Bewohner offenbar schon ahnten: ein verfilmtes Vorurteil.

Bewusst ist das den meisten Journalisten allerdings nicht eine Sekunde lang. Und so können die sich auch weiter wundern, warum die Bewohner von Molenbeek und Schaerbeek wenig Lust haben, mit den Medien zu reden. Und den Belgiern erzählen, was deutsche Medien und ihre Experten schon immer gewusst haben: In der Terrorabwehr macht uns niemand etwas vor. Von 9/11, der RAF und dem NSU jetzt mal abgesehen. Aber das ist ja auch schon lange her.

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23.03.2016 23:20 Uhr

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