Stand: 18.09.2015 10:57 Uhr

Verlage im Start-up-Fieber

von Melanie Stein

Redakteure müssen gehen, hippe Firmengründer kommen. Sie sind die Hoffnung vieler Verlage, die sich immer mehr in Gemischtwarenläden verwandeln. Doch können Start-ups den Journalismus retten?

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Tablet statt Print: Im digitalen Zeitalter suchen die Verlage händeringend nach neuen Vetriebs- und Finanzierungsmodellen.

Im hippen Hamburger Schanzenviertel, auf der zweiten Etage eines "Co-Workingspaces" - auch Gemeinschaftsbüro genannt - hat diese Woche ein sogenanntes Beschleunungsprogramm Fahrt aufgenommen. Der NMA - "Next Media Accelerator" ist ein Fonds, der mediennahe Start-ups mit Geld und Expertenwissen unterstützt. Aus über 100 Bewerbungen hat das von der DPA initiierte Projekt drei Digital-Firmen ausgesucht. "Wir haben Start-ups ausgewählt, die auf der einen Seite Potenzial haben, wirtschaftlich flugfähig zu sein und auf der anderen Seite die strategischen Interessen unserer Investoren vertreten", begründet Meinolf Ellers vom NMA die Auswahl.

Viele Verlage sind an Bord

Investoren sind unter anderem die Axel Springer SE, der ZEIT-Verlag und Gruner + Jahr. Aber auch Regionalverlage wie der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag mit seinem Portal SHZ.de erhoffen sich ein Stück vom digitalen Kuchen. Denn wenn die Start-ups erfolgreich werden, profitieren die Verlage finanziell. Meinolf Ellers schraubt die profitbezogenen Erwartungen jedoch erstmal runter: "Also wir sind jetzt alle nicht die Samwer-Brüder und machen das nächste Rocket oder das nächste Zalando. Das ist aus Deutschland heraus schwierig und wenn man dann noch auf den Medienbereich guckt, nochmal umso schwieriger." Laut Ellers motiviere Verlage vor allem die Einsicht, dass Start-ups der Schlüssel für eine erfolgreiche digitale Transformation von Medienhäusern könnten.

Verlage lernen von jungen Unternehmern

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Max Koziolek (Mitte) und seine Kollegen Jendrik Hoeft (links) und Manfred Stellenberg haben das Start-up Spectrm gegründet.

So versprechen die Gründer von Spectrm, Nutzern Nachrichten via Whatsapp zukommen zu lassen. Verlage sollen von den Ausschüttungen der Werbung profitieren. Und auch die Jungs von Spotgun haben sich überlegt, wie sich im digitalen Zeitalter mit Medieninhalten Geld verdienen lässt. Mit ihrer App können Fernsehzuschauer während der Werbeunterbrechung produktbezogene Quizzfragen beantworten. Werbung soll wieder Spaß machen - so das Kredo des dreiköpfigen Teams. Sie profitieren, so wie die anderen Teilnehmer des NMA-Programms, von einer Startfinanzierung von bis zu 50.000 Euro. Namhafte Mentoren wie Julian Reichelt oder Katharina Borchert stehen ihnen beratend zur Seite.

Viele Wege auf dem digitalen Spielfeld

Neben dem "Next Media Accelerator", der mit zwei Millionen Euro ein eher kleiner Fonds ist, passiert auf dem digitalen Spielfeld im Moment noch viel mehr. So hat die Axel Springer SE beispielsweise in Kooperation mit der deutschen Bahn eine App entwickelt und beteiligt sich gemeinsam mit ProsiebenSat.1 am 350 Millionen Euro Fonds Lakestar II. Weil die Erwartungen bezüglich mediennaher Start-ups eher moderat sind, begehen viele jedoch auch ganz neue Wege. Während Gruner + Jahr branchenintern wegen zahlreicher Entlassungen von Mitarbeitern mittlerweile zu Gruner + Spar umgetauft wurde, hat der Verlag einen eigenen Digitalfonds ins Leben gerufen. 50 Millionen Euro fließen in Jungunternehmen, die sich auf Essen, Mode oder Familie konzentrieren. "Mit klassischem Journalismus lässt sich nicht mehr so viel Geld verdienen", sagt Nicolaus Kirschner, Geschäftsführer des Fonds, gegenüber Zapp. Auch Meinolf Ellers hält das Modell des Hamburger Medienriesen für angemessen: "Es muss Verlagen gelingen, im digitalen Zeitalter einen so hohen Wert zu schaffen, dass die Menschen bei ihnen bleiben."

Honig aus Großbritannien, Apfelsaft aus Holland

Wenn es Aboverkäufe und Werbeerlöse nicht mehr bringen, ist es halt der Honig aus Großbritannien. Das Start-up "Delinero" hat Gruner + Jahr bereits gekauft. Die Firma vertreibt Feinkost und Spezialitäten, die selten im Supermarkt erhältlich sind. Mit klassischem Journalismus hat das alles wenig zu tun. Doch in einer digitalen Welt, in der Nachrichten nicht Mangelware sind, sondern im Überfluss existieren, haben Medienunternehmen wohl keine andere Wahl.

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