Stand: 10.12.2015 16:14 Uhr

Tilo Jung und die BPK: Seibert wehrt sich

von Daniel Bouhs
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Wenig begeistert von Tilo Jung: Regierungssprecher Steffen Seibert.

Neulich war es wieder soweit. Regierungssprecher Steffen Seibert schaute genervt an die Decke. Neben ihm versuchte sein Kollege vom Auswärtigen Amt eine weitere Frage von Tilo Jung abzuwehren: Ob die Bundesregierung denn die erwähnten Beweise dafür vorlegen würde, die zur deutschen Beteiligung am Militäreinsatz in Syrien führten?

Die Frage schien lästig, doch der Moderator dieser Regierungspressekonferenz - ein Korrespondent der "Frankfurter Rundschau" - sprang Jung zur Seite: Dessen Frage sei sehr wohl legitim. Den Regierungsvertretern passte das nicht. Beinahe wäre die Situation ordentlich eskaliert, vor laufenden Kameras.

Jungs Format ist erfolgreich

Wenn Tilo Jung montags, mittwochs und freitags zu den sogenannten Regierungspressekonferenzen kommt, nimmt er sie förmlich ein - mit vielen banalen, immer wieder aber gerade deshalb auch entlarvenden Fragen. Beim Publikum sammelt er damit Sympathiepunkte:

Jung will seine Präsenz auf absehbare Zeit nicht einstellen, wie er jüngst im ZAPP-Interview sagte. Nur zwei Tage nach Veröffentlichung erklärte die Bundespressekonferenz (BPK) ihren Mitgliedern, man versuche die Begegnungen mit den Regierungssprechern fortan so zu führen, dass die Veranstaltung möglichst nach einer Stunde fertig sei - das sei zumindest der "Richtwert". Die Moderation müsse dafür "das eine oder andere Mal" eingreifen.

Der Journalist Tilo Jung. © Daniel Bouhs / NDR Fotograf: Daniel Bouhs

Tilo Jung: "Wenig Interesse an Aufklärung"

ZAPP

Im Gespräch mit ZAPP erklärt Tilo Jung, was ihn an der Bundespressekonferenz stört, worum es ihm bei seinen Nachfragen geht - und weshalb er "immer weiter" kommen will.

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Pressekonferenzen dauern immer länger

Mit anderen Worten: Die BPK will sich selbst regulieren. Tatsächlich dauern die Pressekonferenzen länger, seit Jung die BPK aufmischt: vor zwei Jahren im Schnitt eine Dreiviertelstunde, Anfang diesen Jahres schon mehr als eine Stunde, in den vergangenen Monaten gar 70 Minuten.

"Das ist sicherlich auch der Häufung sehr relevanter Themen - wie etwa Griechenland, Flüchtlinge, Terror - geschuldet“, sagt Gregor Mayntz, der Vorsitzende der BPK. Mayntz will den neuerlichen Wunsch nach Disziplin aber nicht mit Jung in Verbindung bringen, denn der Vorstand werde "das Verhalten einzelner Mitglieder öffentlich nicht bewerten". Allgemein sagt er, "fast alle Mitglieder" hätten "ein großes Interesse daran, für ihre Berichterstattung relevante Informationen so effizient wie möglich zu erhalten".

Die meisten haben nicht so viel Zeit wie Jung

Indirekt skizziert Mayntz damit sehr wohl das Problem, das nicht zuletzt etablierte Journalisten mit Jung haben: Während ihnen der Redaktionsschluss im Nacken sitzt, veröffentlicht Jung seine Videos in aller Ruhe dann, wenn sie fertig sind - für seine an Aktualität nicht unbedingt interessierten Zuschauer in diesem Internet geht das.

Seibert weist Jungs Vorwürfe zurück

Im ZAPP Interview behauptete Jung, Regierungssprecher würden Druck auf die BPK ausüben, damit die Veranstaltungen zügiger abliefen. Regierungssprecher Seibert lässt das ebenso dementieren wie Jungs Hinweis, Seibert lasse sich Fragen an die Kanzlerin vorab von Journalisten zuschicken, damit er wählen könne: "Weder lässt sich Herr Seibert vor oder bei Pressekonferenzen die Fragen der Journalisten an die Bundeskanzlerin zusenden, noch hat er je in irgendeiner Weise Druck auf die BPK ausgeübt."

Seibert gibt sich diplomatisch. Zum Verhältnis mit der BPK lässt er mitteilen, die Einrichtung sei für das Bundespresseamt und alle Regierungssprecher „ein unverzichtbarer Ort der Begegnung zwischen Politik und Medien“. Die BPK wird diese Loyalitätsbekundung in diesen Zeiten sicher gerne hören. Jung wiederum macht es sich einfach: Er will seine Vorwürfe nicht konkretisieren, sondern beteuert, sie seien durch mehrere Quellen gedeckt. So steht vorerst Aussage gegen Aussage.