Stand: 18.09.2015 19:49 Uhr

St. Pauli vs. "Bild": Das Imperium schlägt zurück

von Andrej Reisin

Momentan tobt ein Kampf zwischen zwei Medienimperien: Kai Diekmanns "Bild" und dem FC St. Pauli. Ja, richtig gelesen: dem FC St. Pauli. Und das kam so: Um ein Zeichen für Willkommenskultur zu setzen, verzichtet Hermes, der Trikotärmel-Sponsor der Ersten und 2. Fußball-Bundesliga, an diesem Wochenende auf seine Werbung auf dem Leibchen. Dafür sollten alle Klubs mit einem "Wir helfen"-Logo auflaufen. Der Haken: Logo und Kampagne kommen von der der "Bild"-Zeitung, die derzeit Flüchtlingshilfe und Eigenwerbung geschickt kombiniert.

Diese Kombination gefällt nicht jedem. Zu oft hat sich "Bild" in der Vergangenheit mit fragwürdiger Berichterstattung zum Thema Asyl und Migration hervorgetan, wie auch das Satiremagazin Extra 3 unlängst aufspießte:

Christian Ehring mit einer Bildzeitung in der Hand.

Christian Ehring und die sieben Wahrheiten der BILD über Flüchtlinge

extra 3 -

Die Bild-Zeitung springt für Flüchtlinge in die Bresche und entkräftet Vorurteile. Doch wie kommen Menschen denn zu solchen? Wir haben da eventuell einen Verdacht.

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St. Pauli macht nicht mit

Für den Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli war die Vermengung von Flüchtlingshilfe und Werbung für die "Bild" schließlich ein Grund, bei der Aktion nicht mitzumachen - hängte dies jedoch nicht an die große Glocke. Später nahm Geschäftsführer Andreas Rettig dazu wie folgt Stellung: "Der FC St. Pauli ist seit vielen Wochen auf verschiedenen Ebenen zu einem Thema, das seit Monaten alle emotional bewegt, aktiv, um den Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, zu helfen. Daher sehen wir für uns nicht die Notwendigkeit, an der geplanten, für alle Klubs freiwilligen Aktion der DFL teilzunehmen."

Und dabei hätte man es wohl belassen können. St. Pauli wäre - wie schon häufiger - der Ausreißer gewesen, das links-alternative Image des Vereins und die ähnlich tickende Fanseele wären gestreichelt worden. Alle anderen hätten sich wieder einmal darin bestätigt gefühlt, dass St. Pauli mit seiner Kultverein-Attitüde und dem zwanghaften Anderssein irgendwie auch ziemlich nervig sein kann. Doch dann kam "Bild"-Chef Kai Diekmann und leistete sich einen strategischen Fehler, was ungewöhnlich ist für den twitteraffinen Chefredakteur. Schwer genervt trug er seinen Missmut zu Twitter und zwitscherte:

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Wer nicht für "Bild" ist, ist gegen Flüchtlinge?

Nicht alle mögen St. Pauli, aber ausgerechnet dem Kiez-Klub zu unterstellen, dort seien Flüchtlinge nicht willkommen, war auch anderen Fans und Vereinen und vielen Journalisten zu viel. Diekmanns Lesart wollte sich in den Sozialen Medien kaum jemand anschließen. Was dann folgte, war zunächst einmal relativ berechenbar und auch ein wenig langweilig: Die Pro-St. Pauli und Anti-"Bild"-Klientel empörte sich, Diekmann frotzelte zurück - und hatte natürlich trotzdem seinen wohlkalkulierten PR-Effekt.

Doch am Donnerstagabend gaben weitere Vereine bekannt, sich nicht an der "Bild"-Aktion beteiligen zu wollen. Dabei hatte die Zeitung nur kurze Zeit vorher noch stolz verkündet, alle Bundesliga-Klubs würden mit dem Logo der Aktion auflaufen. Stattdessen zettelten Fans, die sich von der "Bild" auch nicht immer gut behandelt fühlen, in zahlreichen Vereinen Debatten darüber an, ob und warum das eigene Team da mitmachen sollte. Die Fans von Borussia Dortmund zum Beispiel nutzten am Donnerstag den Auftritt ihrer Mannschaft auf der europäischen Fußballbühne, um gegen die "Bild" Flagge zu zeigen. Die Fans vieler weiterer Vereine werden diesem Beispiel am Wochenende zweifelsohne folgen.

Mittlerweile haben bereits sechs Zweitliga-Klubs (St. Pauli, Union Berlin, Bochum, Nürnberg, Freiburg und Kaiserslautern) mitgeteilt, dass sie das "Bild"-Logo nicht tragen werden. Der von Gegnern der Vereinnahmung der Flüchtlingshilfe durch "Bild" initiierte Twitter-Hashtag #BILDnotwelcome ist seit gestern einer der meist verwendeten im deutschen Twitter-Sprachraum.

Alle reden über "Bild" - statt über Hilfe für Flüchtlinge

Statt jeder Menge Umsonst-Promotion also jede Menge öffentlicher und medialer Gegenwind: Das dürfte selbst ein PR-Profi wie Kai Diekmann kaum so gewollt haben. Vor allem, da man mutmaßen kann, dass St. Paulis Ausscheren kaum bemerkt worden wäre, hätte Diekmann die Causa nicht in derart polemischer Form zu Twitter getragen. Vermutlich wären ohne seine Intervention 35 der 36 Erst- und Zweitligavereine ganz selbstverständlich mit dem "Bild"-Bapperl am Ärmel in die Stadien eingelaufen.

Dabei hat Diekmann in einem Punkt sogar Recht: Angesichts der Flüchtlingskrise bringt es nichts, an alten Feindbildern festzuhalten - und immer nur blind auf die "Bild" einzuschlagen - auch dann noch, wenn sie ihre mediale Macht nutzt, um mehr Verständnis für Flüchtlinge zu schaffen. Zumal "Bild" auch dort gelesen wird, wo die Aktionen und Meinungen linker Hamburger Kiezklubs kaum jemanden kümmern. Hier könnte "Bild" unter Umständen tatsächlich etwas bewirken.

Doch wer überall sein Logo draufkleben muss - und dann auf Twitter einen Streit mit haltlosen Unterstellungen vom Zaun bricht, wenn dies nicht bei allen gut ankommt, der schadet seinem Anliegen so oder so. Denn mediale Wirkungsmächtigkeit ist heutzutage eben nicht mehr das Monopol der Kommandobrücken großer Verlage oder Sender - sondern auch der sehr aktiven sozialen Communities. Und dort ist St. Pauli mittlerweile ein Imperium.

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