Stand: 23.03.2016 14:00 Uhr

Islamfeindlichkeit: Von Medien geschürt?

von Sandra Aïd, Nicola von Hollander, Kaveh Kooroshy & Andrej Reisin

Am 4. Februar 2015 berichtete ZAPP über das Islambild der Medien, das von Kritikern als viel zu negativ eingestuft wird. Dieser Befund wurde auch in der Redaktion kontrovers diskutiert. Das Protokoll eines Streitgesprächs:

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Mischung aus ausländer- und islamfeindlichen Parolen: Pegida in Dresden.

Nicola von Hollander: "Bisher bin davon ausgegangen, dass bei der Berichterstattung über Muslime oder 'den Islam' Boulevard-Medien das größere Problem darstellen, mit ihrem Hang zur Dramatisierung. In Eurem Beitrag sagt Ihr aber, in Anlehnung an die Untersuchungen von Prof. Kai Hafez, dass gerade die seriösen Medien das negative Islambild viel stärker festigen. Warum?"

Sandra Aïd: "Dass Boulevardmedien immer die Sensation verkaufen müssen, daran haben wir uns als Konsumenten gewohnt. Genauso wie allen klar ist, dass Nachrichten bei der aktuellen Berichterstattung wenig Raum für Zwischentöne haben, weswegen Prof. Hafez diese zum Beispiel auch gar nicht untersucht hat. Doch gerade dort, wo Platz für Differenzierung und Zwischentöne wäre, wo man einen nicht-gewalttätigen, nicht radikalen Islam zeigen könnte - konzentriert man sich laut Prof. Hafez wiederum überwiegend Prozent auf negative Phänomene.

Es geht einfach darum, dass die Berichterstattung das Verhältnis komplett umdreht: 90 Prozent der Muslime in Deutschland sind in keiner Weise radikal und bekennen sich zur Demokratie, 80 Prozent der Berichterstattung drehen sich aber um Salafismus, Radikalisierung, Islamismus und Terror."

Andrej Reisin: "Naja gut, aber man kommt ja medial nicht dran vorbei, dass es momentan auch sehr viele Terroristen und paramilitärische Gruppen wie den IS gibt, die sich als Muslime verstehen und sich auf den Islam berufen. Wer bin ich als europäischer Journalist, dass ich diesen Leuten sagen könnte, 'Ihr repräsentiert aber nicht den 'richtigen' Islam?'"

Kaveh Kooroshy: "Aber der Punkt ist doch ein anderer: Es geht nicht darum, darüber nicht zu berichten, sondern es geht darum, nicht alle Muslime weltweit - immerhin 1,5 Milliarden Menschen - dafür in die Verantwortung zu nehmen. Wir müssen doch 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz hoffentlich nicht darüber reden, ob 'Religion' ein Merkmal sein kann, mit dem ich eine so große Gruppe von Menschen kategorisiere.

Die Frage: 'Ist der Islam böse?' impliziert immer schon die Möglichkeit, dass die Antwort 'Ja' lauten könnte. Das ist einfach Rassismus, wenn ich einer so großen und unterschiedlichen Gruppe von Menschen über Länder-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg sage: 'Ihr seid Muslime, und deshalb seid ihr so oder so‘. Und wenn man zum Beispiel sagt, der Islam habe 'ganz offensichtlich eine Affinität zur Gewalt', dann überschreitet man eine Grenze. Während des Nordirland-Konflikts zum Beispiel hat auch niemand gedacht, die IRA repräsentiere den Katholizismus."

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“Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun”

Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp erläutert auf dem Weblog "publikative.org" die Frage, ob es (k)einen Zusammenhang zwischen Terrorismus und Islam gibt. extern

Andrej Reisin: "Das mag sein, aber jetzt hat man doch auch ein globales Problem. Ich habe eine 'Islamische Revolution' im Iran, deren Erben teilweise verkünden, sie wollten Israel von der Landkarte tilgen. Dann hat man den unglaublich blutigen Bürgerkrieg in Syrien, den IS und Boko Haram und irgendwelche Dschihadisten, die in Paris und Brüssel Karikaturisten und Juden umbringen. Und natürlich Saudi-Arabien, ein Land, was zwei der drei heiligsten Stätten des Islam beherbergt und Blogger auspeitscht und Vergewaltigungsopfer köpft. Wo ist denn da der Unterschied zum IS? Hat Saudi-Arabien jetzt auch nichts mit dem Islam zu tun?"

Sandra Aïd: "In Saudi-Arabien herrscht mit dem Wahhabismus ebenfalls eine sehr fundamentalistische Variante des Islam, im Iran hingegen handelt es sich um eine Clique von schiitischen Ajatollahs, die sich mit allen Mitteln an der Macht hält. Genau um diese Differenzierung geht es. Warum ist so viel vom libyschen Bürgerkrieg die Rede, aber so wenig von Tunesien oder Indonesien, islamische Länder, in denen die Transformation zur Demokratie zu glücken scheint?

Im Übrigen kämpfen in Libyen vermutlich auch viele für Demokratie. Das aber kaum thematisiert. Die Berichterstattung über den Islam bleibt weitgehend negativ konnotiert - obwohl im Grunde auch die Medien und Journalisten wissen (oder wissen könnten), dass es 'den' Islam so nicht gibt."

Nicola von Hollander: "Das Problem der Instrumentalisierung stellt sich natürlich, aber das gibt es bei vielen anderen Themen halt auch: Wenn ich über die Todesanzeigen für Journalisten berichte, die mutmaßlich Dortmunder Neonazis im Internet verbreiten, mache ich in einer gewissen Hinsicht ja auch das, was die mit ihrer Propaganda beabsichtigen. Diesem Problem kann man ja gar nicht entgehen."

Kaveh Kooroshy: "Das ist richtig, aber niemand käme auf die Idee, diese Neonazis repräsentierten tatsächlich Dortmund, Nordrhein-Westfalen oder gar Deutschland – obwohl sie ja auch genau das behaupten, dass sie das 'wahre‘ Deutschland seien. Da gibt es ein Korrektiv in der Berichterstattung, das dafür sorgt, dass wir ein viel differenzierteres Bild von Dortmund oder Deutschland haben. Genau das fehlt aber weitgehend bei der Berichterstattung über den Islam. Hier dominieren Terrorismus und Gewalt ganz eindeutig die Medien-Agenda.

Wenn man im Anschluss an Terrorakte oder Verbrechen des IS die Frage nach 'dem Islam' stellt, ob er zum Beispiel ‚böse‘ sei, tappt man genau in die Falle dieser Leute, die sich selbst als die wahren Muslime inszenieren wollen. Ich halte das für eine absurde Frage, vor allem, wenn man sie immer wieder stellt - und damit letztlich doch nur das Bild festigt, dass der Islam insgesamt eine gefährliche Bedrohung ist. Wenn wir die Ursachen und Folgen der Islamfeindlichkeit in Deutschland bekämpfen wollen, muss sich dieser Blickwinkel ändern und erweitern."

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