Stand: 09.11.2015 13:00 Uhr

Digitaler Journalismus: Zeit zu handeln

Das TV steht vor dem Abgrund. Facebook und Co. sind die neuen Gatekeeper. Storytelling bringt nix. Oder ist alles ganz anders? Bei der von Prof. Volker Lilienthal vom Hamburger Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft veranstalteten Tagung "Digitaler Journalismus: Disruptive Praxis eines neuen Paradigmas" wurde leidenschaftlich um den Zustand und die Zukunft des Journalismus gestritten. Andrej Reisin war für ZAPP einen Tag dabei.

Ein großes Thema ist nach wie vor die Interaktion zwischen Medienmachern, den Nutzern und den Inhalten, den diese auf Social-Media-Plattformen teilen oder selbst generieren. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer der Runde "Social oder eher asozial?", dass der Einfluss sozialer Medien auf die Themenauswahl des Journalismus zunimmt. Dr. Juliane Lischka von der Universität Zürich vertrat dabei die These, dass die großen Plattformen wie Facebook zusehends die Gatekeeper-Funktion des Journalismus übernehmen und verändern. Die Nachrichten würden dabei allerdings tendenziell weicher.

Darüber hätte man länger diskutieren können. Zwar ist die These, wonach Nachrichtenredaktionen bei der Orientierung am Social-Media-Erfolg offenbar weichere Themen bevorzugen, auf Basis von Lischkas Forschung sicher richtig. Doch der Social-Media-Erfolg extrem konfrontativer und am politischen Rand der Gesellschaft operierender Gruppen wie Pegida gibt Lischka nicht unbedingt Recht. Da ist jedenfalls gar nichts weichgespült - ganz im Gegenteill. Auch die sehr erfolgreichen "Vice"-Formate im Ukraine-Konflikt, die Videos von Polizeibrutalität (vor allem) in den USA oder die vielen Bilder und Filme vom Syrien-Konflikt und der Flüchtlingskrise zeigen: Das Agenda-Setting auf Sozialen Netzwerken kann durch "soft content" bestimmt sein, muss es aber in keiner Weise.

Philipp Löwe, Social Media Redakteur bei Spiegel Online. © NDR

"Spiegel Online": Themenquelle Social Media

ZAPP

Kein Cat Content: Von weichgespülten Social-Media-Inhalten hält "Spiegel Online"-Redakteur Philipp Löwe nicht viel. Allerdings ist Social Media zur Themenfindung wichtig.

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Medien bewegen sich zu ihren Lesern

Leider drehte sich stattdessen ein recht großer Teil der Diskussion um das eher ermüdende Thema der Instant Articles bei Facebook - und die Frage, ob und wie sich Medienhäuser darauf einlassen sollten. Prof. Dr. Michael Brüggemann von der Uni Hamburg forderte in diesem Zusammenhang, die großen deutschen Medien sollten sich zusammenschließen und etwas Eigenes oder wenigstens eine "stärkere Verhandlungsposition" entwickeln, anstatt sich zum "Steigbügelhalter amerikanischer Konzerne" zu machen. Doch während er diese Forderung formulierte, waren gefühlt zwei Drittel der Anwesenden im Saal dabei, mit ihren Smartphones, Tablets und Laptops eben gerade Twitter oder Facebook zu füllen. "This train has left the station", um ein angloamerikanisches Bonmot zu bemühen.

Das Fernsehen muss sich warm anziehen

Noch einmal ordentlich Schwung in die Veranstaltung kam dann beim letzten Podium: Denn mit Richard Gutjahr, Ulrike Langer und Anita Zielina waren nicht nur gleich drei "Stars" der (deutschsprachigen) digitalen Medienelite in der Runde vertreten, sondern sie diskutierten auch noch kontrovers und unterhaltsam. Insbesondere Richard Gutjahr war kaum zu halten und redete sich geradezu in Rage. Der deutsche Journalismus sei dabei, seine besten Talente an die digitalen Publisher der Zukunft, namentlich Facebook, Google und andere Tech-Giganten zu verlieren.

Vor allem das Fernsehen wurde zur Zielscheibe seiner Kritik: Noch immer ruhten sich viele Programmacher auf ihren vermeintlich stabilen Zahlen aus, der Abgrund komme aber näher - und schneller: "Können Sie sich eigentlich vorstellen, was los sein wird, wenn in fünf Jahren das mobile Internet 20 Mal schneller sein wird als das schnellste Glasfaserkabel heutzutage?", fragte Gutjahr das Publikum. Sanduhren und Zahnrädchen, die Lade- und Bufferzeiten symbolisieren, würden ins digitale Museum geschickt, von den Andy Warhols der Zukunft als Ikonen eines vergangenen Zeitalters gefeiert werden. Bewegtbild in hoher Qualität werde immer und überall zur Verfügung stehen. Sendeanstalten, die Gutjahr einlüden, um über die Zukunft zu sprechen, aber in ihren eigenen Häusern über kein freies WLAN verfügten, meinten es einfach nicht Ernst.

Pro und Contra multimediales Storytelling

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Die "NZZ"-Digital-Chefredakteurin Anita Zielina setzte in der Diskussion gleich mehrere spannende Kontrapuntke: So widersprach sie einer Orientierung auf jüngere Zielgruppen und Mitarbeiter. Es könne nicht immer nur um Millennials gehen, es gebe auch noch andere Leser und Nutzer. Außerdem gäbe es 50-Jährige mit voller Bereitschaft sich dem Digitalen Wandel zu stellen - und 30-Jährige, die da stünden und sagten: "Ich werde mal Leitartikler, das geht mich alles nichts an." Auch von aufwendig produziertem Multimedia-Storytelling hielt sie nicht viel: Die meisten dieser "Leuchtturmprojekte" seien von Journalisten für Journalisten.

Das hatte "Spiegel"-Reporter-Doyen Cordt Schnibben zuvor völlig anders gesehen, als er seine Storytelling-Projekte auf dem Podium vorstellte - und mit Leidenschaft und Engagement zumindest Zielinas andere These untermauerte: Dass nämlich die Bereitschaft, sich in digitale Abenteuer zu stürzen, keine Frage des Alters ist. Fast nebenbei kündigte Schnibben an, dass sowohl die vom "Spiegel" geplante Zeitungs-App "Der Abend" kommen werde als auch ein Bezahlmodell für herausragende Geschichte. Denn diese zu erzählen, sei schließlich das, worum es im Journalismus ginge.

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