Stand: 29.11.2015 12:20 Uhr

Der Provokateur: Bundespressekonferenz hadert mit Tilo Jung

von Daniel Bouhs
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Tilo Jungs Betätigungsfeld: Die Bundespressekonferenz.

Vielleicht liebt Tilo Jung die Provokation nicht, aber in jedem Fall lebt er sie. Mal löste ein reichlich umstrittener Werbespot mit ihm ("frauenfeindlich!") einen Shitstorm aus, dann wieder ein - inzwischen gelöschter - missglückt-ironischer Instagram-Post zum Weltfrauentag. Seit Februar 2014 aber fällt Jung, der einst bei einer Regionalzeitung volontiert hat, vor allem mit einer Rolle auf: als eigenwilliges Mitglied der Bundespressekonferenz (BPK).

Die BPK mischt Jung seitdem regelmäßig auf - mit naiven, teils regelrecht penetranten Fragen an die Vertreter der Bundesregierung und mit Videomitschnitten der Veranstaltung, die er in seinem Youtube-Kanal veröffentlicht. In "Super-Cuts" reiht er dabei schon mal ausschließlich die Ahnungslosigkeit der Regierung aneinander - das ist meist schockierend. Der Regierung wirft Jung im ZAPP-Interview vor, sie habe bisweilen "wenig Interesse an Aufklärung". Seine Mission: Transparenz.

Der Journalist Tilo Jung. © Daniel Bouhs / NDR Fotograf: Daniel Bouhs

Tilo Jung: "Wenig Interesse an Aufklärung"

ZAPP

Im Gespräch mit ZAPP erklärt Tilo Jung, was ihn an der Bundespressekonferenz stört, worum es ihm bei seinen Nachfragen geht - und weshalb er "immer weiter" kommen will.

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Einmalige Institution mit unbequemem Mitglied

Die BPK ist einmalig auf der Welt: Hier treten - regulär stets montags, mittwochs und freitags - die Regierenden oder zumindest von ihnen Entsandte auf. Solche "Regierungspressekonferenzen" sind an sich nichts Unübliches, besonders ist aber, dass die BPK als Verein der Hauptstadtjournalisten dazu lädt - und damit selbst entscheidet, wer fragen darf, wozu und wie lange. Das hat sich etabliert und bewährt, doch das BPK-Mitglied Jung sorgt im 65. Jahr der BPK zunehmend für Spannungen.

Am Rande der Tagung "Formate des Politischen", bei der die Hauptstadtpresse in der BPK über ihr Tun diskutiert, berichtet Jung ZAPP nun jedenfalls von kritischen Anmerkungen zu seinen Auftritten, die ihn zunehmend erreichten: "Das hört sich für mich ein bisschen so an, als ob [Regierungssprecher Steffen] Seibert so ein bisschen signalisiert: Sorgt irgendwie mal dafür, dass ihr den Jung einschränkt und die ganze BPK einschränkt, weil sonst kommen wir nicht mehr."

Politik verstehen und dokumentieren

Auch auf der Tagung ist Jung auch Thema - auf dem Panel "Beobachtungen zur Institution der Bundespressekonferenz". Phoenix-Journalistin Anke Plättner berichtet vom Unmut gegen Jung, der sich unter Regierungssprechern breitmache ("Kommen Sie gerne?" - "Wissen Sie, da stellt jetzt jemand immer so komische Fragen."). Sie fragt den Provokateur: "Warum stellen Sie Fragen, die manch andere vielleicht nicht stellen?" Für Jung ist das eine - für die Etablierten selbstentlarvende - Steilvorlage. Er sagt, was er dann auch ZAPP sagt: Er wolle Grundsätzliches von der Regierung hören, er wolle Politik verstehen und das für alle dokumentieren.

Der Vorsitzende der BPK, Gregor Mayntz, hält sich in der Runde mit Kritik an Jung und seinen Veröffentlichungen zurück. "Darüber kann ich wirklich nicht urteilen", sagt Mayntz, der Korrespondent der "Rheinischen Post" ist. "Was der Hauptstadtjournalist mit seinen Informationen macht, das geht mich nichts an." Das ist dann auch die offizielle Linie der BPK: Jung, der Provokateur, wird nicht verachtet. Er wird toleriert.

"Du stellst Fragen, die uns nicht interessieren"

Die Hauptstadtpresse wird mitunter auch als "Meute" beschrieben, die also kollektiv in eine Richtung läuft, auf der Agenda dieselben Fragen hat. In diesem Szenario ist Jung ein Fremdkörper. Er berichtet dann auch vom Protest gegen ihn ("Du stellst Fragen, die uns nicht interessieren") und davon, dass ihn das geradezu in seinem Plan bestärke, sein Ding durchzuziehen.

"Ich werde die BPK-Arbeit nie einstellen", droht Jung schließlich im Interview seinen Kritikern. Verblüffend seine Auskunft: Er und sein Produzent könnten längst von den Spenden seines Publikums und den Werbeeinnahmen leben, die ihre Videos auf YouTube generierten. Jungs Kampfansage an Seibert und Co.: "Regierungssprecher sollten immer weiter befürchten, dass wir kommen."