Stand: 17.11.2015 18:02 Uhr

AfD drittstärkste Partei? Zweifel an Umfrage

von Andrej Reisin
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Leitmedien wie der "Spiegel" verkünden das Umfrageergebnis, geben allerdings keine Informationen zur Validität der Studie.

"AfD wird in Umfrage zur drittstärksten Partei" - so oder ähnlich lauteten am Dienstagmorgen die Schlagzeilen von "Spiegel Online", "FAZ" und "Tagesspiegel". Die Anschläge von Paris hätten die rechtspopulistische Partei erstmals auf den dritten Rang gehoben, so der Tenor. Doch Zweifel am Umfrageergebnis sind angebracht.

Verantwortlich für die Umfrage ist das Meinungsforschungsinstitut INSA. Schon drei Tage vor der Bundestagswahl 2013 hatte INSA die AfD bei fünf Prozent und damit im Bundestag gesehen - was bekanntlich nicht eintrat. Fast immer schneidet die Partei bei INSA etwas besser ab als bei allen anderen Instituten. Momentan ist INSA das einzige Institut, das die AfD bundesweit im zweistelligen Prozentbereich sieht.

Chef vom Umfrageinstitut berät AfD

INSA-Chef Hermann Binkert war lange Jahre als CDU-Politiker in der Thüringer Staatskanzlei tätig, seit 1998 als persönlicher Referent des Ministerpräsidenten, später als Staatssekretär. Nach der Wahlniederlage des damaligen Ministerpräsidenten Althaus schied Binkert 2009 aus der Staatskanzlei aus und gründete das Institut für neue soziale Antworten (INSA) in Erfurt. 2011 wurde er Geschäftsführer des daraus hervorgegangenen Markt- und Sozialforschungsinstitutes "INSA-CONSULERE".

2014 trat Binkert aus der CDU aus. Wie die "Thüringer Allgemeine" (TA) damals berichtete, berät Binkerts Meinungsforschungsinstitut auch die AfD. Einen geplanten Wechsel zur AfD, den der AfD-Landesverband Thüringen um Björn Höcke laut TA 2014 kolportiert hatte, bestritt Binkert dagegen. Noch im Juli dieses Jahres nannte der "Spiegel" Binkert den "Hausdemoskop der AfD". Binkert bestätigte dem Magazin, dass die AfD ihm sogar den Landesvorsitz in Thüringen angeboten habe.

In der "Huffington Post" schrieb Binkert seit 2013 eine Reihe von Artikeln, die die AfD in ein positives Licht rücken: Die AfD, die Binkert in zwei Artikeln in der Überschrift als "Volkspartei" tituliert, sei aus der Sicht der Wähler eine "gemäßigte Partei im Mitte-Rechts-Spektrum, politisch nahe bei Union und FDP. Versuche, die AfD mit dem rechten Rand in Verbindung zu bringen, scheitern offensichtlich an der gegenteiligen Einschätzung der Bürger", so Binkert. "Ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Revolution in der damaligen DDR" scheine es einen "neuen demokratischen Aufbruch" zu geben.

YouGov-Panel-Teilnehmer werden nicht überprüft

Sein INSA-Institut stützt sich bei dem wöchentlich für die "Bild"-Zeitung erhobenen "Meinungstrend" ausschließlich auf online erhobene Daten - und zwar auf das YouGov-Deutschland-Panel. YouGov ist ein börsennotiertes Markt- und Meinungsforschungsinstitut aus London, das online-basiert arbeitet. Allerdings kann die Registrierung missbräuchlich genutzt werden. Registrieren kann sich laut YouGov-Regeln jeder über 14, der über einen deutschen Wohnsitz und eine gültige E-Mail-Adresse verfügt. Überprüft - zum Beispiel anhand eines Personalausweises oder durch einen Anruf bei einer Festnetznummer - werden diese Angaben aber nicht. Die Befragten erhalten für ihre Teilnahme Bonuspunkte, die in Geld umgetauscht werden können, wobei 500 Bonuspunkte einem Euro entsprechen. Die Daten aus den Befragungen werden laut YouGov durch Gewichtung an die Bevölkerungsstruktur angepasst.

Ob so Mehrfachregistrierungen und/oder falsche Alters- oder Wohnsitzangaben ausgeschlossen werden können, bleibt zweifelhaft. Zudem stellt sich die Frage, inwieweit der Teil der Bevölkerung, der für Kleingeld an Online-Umfragen teilnimmt, tatsächlich durch "Gewichtung" repräsentativ für die Gesamtbevölkerung sein kann. Dennoch hat YouGov insbesondere Wahlergebnisse in Großbritannien in der Vergangenheit erstaunlich präzise vorhergesagt und ist dort Teil des offiziellen Wahlmonitors. Allerdings kommt man zuweilen auch zu kuriosen Ergebnissen: So präsentierten die "New York Times" und andere Medien zur Fußball-WM in Brasilien einer weltweit angelegte YouGov-Umfrage. Gefragt wurde unter anderem nach dem Team, das man am wenigsten mag. Dabei sollen in Deutschland "Iran" und "Honduras" die häufigsten Antworten gewesen sein, in Italien hätten diese "USA" und "Iran" gelautet. Das Gelächter der Fußball-Fans und Tifosi in Deutschland und Italien war schallend.

Attraktiv für Medienunternehmen sind YouGov- und damit auch die INSA-Umfragen deshalb, weil sie günstig sind: So berichtete die "FAZ" 2013 über die verschiedenen Meinungsforschungsinstitute: "Eine Umfrage unter rund tausend Bürgern, repräsentativ ausgewählt, kostet 15.000 bis 25.000 Euro […] Doch der Preiskampf nimmt zu. Günstiger sind Online-Umfragen. Das junge INSA-Institut von Hermann Binkert nutzt die Internetumfragen des internationalen Marktforschungsinstituts YouGov, das in seinem Deutschland-Panel rund 150.000 Adressen hat." Ebenfalls in diesem "FAZ"-Artikel behauptete INSA-Chef Binkert: "Die Stimmung wird positiver für die AfD, entgegen den Erwartungen." Wie er zu dieser damals recht exklusiven Meinung kam, weiß man nicht.

Recherche und Transparenz bei Umfrageveröffentlichung geboten

Der Leiter eines Meinungsforschungs-Instituts (das laut Medien gleichzeitig die AfD beraten soll), der in Artikeln einen mehr als wohlwollenden Ton gegenüber der AfD anschlägt, verantwortet Umfragen für die "Bild"-Zeitung, in denen die AfD zur drittstärksten politischen Partei wird: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Nun müssen sich Binkerts politische Überzeugungen keinesfalls zwangsläufig auf die Arbeit seines Instituts auswirken. Allerdings könnte man meinen, dass Chefs von Meinungsforschungsinstituten nicht gleichzeitig publizistisch Meinung machen sollten. Und wenn, dann sollten sie es transparent machen, wenn sie Parteien beraten, die sie gleichzeitig in der Wählergunst weiter vorne sehen als die Konkurrenz.

Zu guter Letzt aber sollten die Medien und Agenturen, die Umfragen verbreiten, diese kritischer hinterfragen. Basisinfos wie die Grundgesamtheit, Umfrageart, Repräsentativität, durchführendes Institut, Auftraggeber sowie mögliche Interessenskonflikte sollten dem Nutzern gegenüber transparent gemacht werden.

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