Stand: 17.12.2014 13:55 Uhr

ZAPP Studie: Vertrauen in Medien ist gesunken

von Annette Leiterer

Mehrfach hat sich ZAPP in diesem Jahr mit der wachsenden Kritik an der Ukraine-Berichterstattung beschäftigt. Auch in der Redaktion ist dieses Phänomen immer wieder Thema. Die harsche Kritik, wie sie bei "Pegida" und anderen ähnlich gelagerten Demonstrationen der vergangenen Wochen geäußert wurde, der große Erfolg, den Udo Ulfkotte mit seinen Büchern erzielt, bis hin zum ZAPP Mail-Postfach, in dem sich die Medienkritik in vielen Zuschriften zeigt - all das lässt aufhorchen.

Die ZAPP Redaktion hat sich entschlossen, eine Studie in Auftrag zu geben, um die Gründe für die angenommene Vertrauenskrise zu beleuchten. Und um herauszufinden, ob - und wenn, in welchem Umfang - das Vertrauen in die Medien schwindet. Schließlich ist das Vertrauen in die Berichterstattung für Journalisten unabdingbare Voraussetzung ihrer Arbeit. Die repräsentative Umfrage ergibt alarmierende Zahlen.

Die ZAPP Umfrage: Vertrauen in die Medien

  • Frage: Wie viel Vertrauen hatten Sie in die Nachrichten und Informationen der Medien zu verschiedenen politischen Ereignissen?

     

  • Frage: Wie viel Vertrauen haben Sie in bestimmte Einrichtungen und Organisationen? - Übersicht

     

  • Frage: Wie viel Vertrauen haben Sie in bestimmte Einrichtungen und Organisationen?

     

  • Frage: Sie haben wenig oder gar kein Vertrauen in die Medien-Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt. Was sind die Gründe dafür?

     

  • Frage: Hat sich Ihr Vertrauen in die Berichterstattung der Medien durch die Berichterstattung über die Ukraine-Krise geändert?

     

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Am 1. und 2. Dezember 2014 befragte Infratest Dimap im Rahmen des ARD-DeutschlandTREND zufällig ausgewählte Testpersonen per Telefon. Insgesamt 1.002 Personen, die in ihrer Gesamtheit die soziodemographischen Daten der deutschen Bevölkerung widerspiegeln, wurden über Festnetz und Mobilfunk angerufen. Folgende Fragen wurden im Auftrag von ZAPP gestellt:

  • Wie hat sich das Vertrauen in die Medien insgesamt entwickelt?
  • Welches Vertrauen haben Sie zu den Medien in Bezug auf die Ukraine-Berichterstattung?
  • Und wenn Sie wenig bis gar kein Vertrauen haben, was sind dafür die Gründe?

Die Antworten auf die Umfrage haben uns in ihrer Eindeutigkeit beeindruckt. Sie sind im hier verlinkten Anhang vollständig dokumentiert.

Alle Informationen zur Studie

Umfrage-Daten: Vertrauen in die Medien

Infratest Dimap führte eine Umfrage mit 1.002 Teilnehmern durch. Für ZAPP wurden sie zu ihrem Vertrauen in die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt befragt. Alle Daten zur Studie. mehr

Einseitig und gesteuert: Ergebnisse der Umfrage

Laut der Umfrage haben 63 Prozent der Deutschen wenig oder gar kein Vertrauen in die Ukraine-Berichterstattung deutscher Medien.

Von diesem Teil der Nutzer empfindet fast jeder Dritte die Berichterstattung als einseitig und 18 Prozent gehen gar von einer bewussten Fehlinformation durch die Medien aus. Das Misstrauen zieht sich dabei quer durch alle Alters- und Einkommensgruppen, unabhängig von Geschlecht und Wohnort. Zudem scheint es sich sogar auf die Wahrnehmung der Medien insgesamt auszuwirken. 14 Prozent aller Befragten meinen, dass ihr Vertrauen in die Medien durch die Berichterstattung über die Ukraine-Krise gesunken sei. Insgesamt ist das Vertrauen in die Medien so schlecht wie lange nicht mehr. Haben im April 2012 noch 40 Prozent der Befragten angegeben, großes oder sehr großes Vertrauen zu den Medien zu haben, sind es jetzt, im Dezember 2014, nur noch 29 Prozent.

Was ist schief gelaufen?

Die Befunde sind alarmierend. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier kommentierte es ZAPP gegenüber so: "Das ist dann doch ein Wert, wo Medien sich fragen müssen, was ist da schief gelaufen, weil die Grundlage von einer Berichterstattung in einem demokratischen Staat ist, dass es ein Grundvertrauen in die Medien gibt."

Was ist also schief gelaufen? Eine zentrale Frage, die sich Redaktionen zwangsläufig angesichts dieser Zahlen stellen müssen. Denn nur durch eine Antwort darauf lassen sich Möglichkeiten aufzeigen das Vertrauen in die Medien zurückzugewinnen - ein Weg, an dem jedem einzelnen Medium etwas liegen muss. Der Hintergrund dieser Krise ist komplex.

Bildmontage: Links oben: Bernd Ulrich, rechts oben: Ines Pohl, links unten: Heribert Prantl, rechts unten: Kai Gniffke.

Medienkritik: Reaktionen aus den Redaktionen

ZAPP -

Führende Journalisten antworten auf das laut ZAPP Studie gesunkene Medienvertrauen: Es gehe um "die Substanz des Journalismus", so Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung".

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Hintergrund: Die Kritik an den Medien

Längst hat die Kritik an der Berichterstattung zur Ukraine-Krise eine Eigendynamik entwickelt. Und es sind bei Weitem nicht nur "Trolle" oder "Spinner", die sich diese Kritik zu eigen machen. Ein Eindruck, den auch Friedbert Meurer, Ressortleiter beim Deutschlandfunk teilt. Er sagte dazu bereits im April: "Spinner sind immer dabei, aber ja, ich finde das muss man ernst nehmen. Ich bin jetzt schon lange genug dabei um beurteilen zu können, wenn da ein bestimmter quantitativer Rahmen erreicht ist. Da würde ich schon daraus schließen, dass in beträchtlichen Teilen der Bevölkerung eine andere Meinung gegenüber der Politik und gegenüber Russland vorherrscht als das insgesamt von den deutschen Medien transportiert wird."

Auf der Suche nach den Ursachen

Die ZAPP Redaktion macht sich mit folgenden Fragen auf Ursachensuche: Wie kommt es zu diesem deutlich wahrnehmbaren Widerstand vieler Zuschauer und Leser gegen die Öffentlich-Rechtlichen im Fernsehen und Radio, aber auch gegen viele Printmedien? Zum Einen gab es die Annahme, es würden nur wenige Zuschauer häufiger und heftiger schreiben als sonst: Durch die vielfältigen Möglichkeiten, sich im Netz zu äußern, ist es inzwischen eben leicht, seine Kritik loszuwerden. Nach dem Motto: Schlechte Gefühle in die Tastatur zu kippen geht einfach und schnell. Aber dafür fand die Redaktion zu viele Mails, die höflich und anspruchsvoll argumentierten.

Hängt die Kritik vielleicht mit Vorbehalten gegenüber den USA zusammen? Eine Haltung, die sich aus fragwürdigen Kriegsbegründungen früherer Jahre, aber auch aus den aktuellen Snowden-Enthüllungen speist. Macht sie Menschen skeptisch gegenüber als wohlwollend empfundener 'Bündnisberichterstattung'? Auch das Engagement führender deutscher Journalisten in transatlantischen Bündnissen, über das ZAPP berichtete, würde zu diesen Überlegungen passen.

Oder wird die Kritik genährt durch die Arbeit Kreml-finanzierter russischer Trolle, die ihre Kommentare gezielt versenden? Berichte über solche Vorgehensweisen gab es mehrfach in russischen Medien, aber auch die "Süddeutsche Zeitung" brachte im Sommer Belege bei.

Mit den Kritikern in einen Dialog gehen

ZAPP ist losgezogen und hat Veranstaltungen besucht, auf  denen sich Medienkritiker treffen. So zum Beispiel eine Lesung von "Wir sind die Guten - Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren" von Paul Schreyer und Mathias Bröckers. Auch eine Diskussion des Bremer Friedensforums zur Rolle der Medien im Ukraine-Konflikt haben wir besucht. Zudem hat sich ZAPP in sozialen Netzwerken umgetan, schließlich mit 15 Kritikern ausführlich telefoniert und sie nach ihren Einstellungen, ihrer Kritik und Verbesserungsvorschlägen gefragt. Einige haben die Reporter dann zu Hause besucht - im Süden, Norden und Osten der Republik.

Herausgekommen sind lange, intensive Gespräche, Analyse-Versuche und ernsthafte Auseinandersetzungen über den Umgang der Medien mit unterschiedlichen Themen. Ein Teil hat Eingang im ZAPP Beitrag gefunden, die relevantesten sind zudem in diesem Artikel dokumentiert.

Analyse-Versuche seitens der Medienexperten

Gespräche über Vertrauensverlust und Medienkritik bilden die eine Seite. Eine breite Analyse des Phänomens mit Experten, die sich - wie ZAPP auch - länger mit diesen Entwicklungen beschäftigen, die andere. So standen unter anderem der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der Medien-Journalist Stefan Niggemeier und der Soziologe Andreas Anton ZAPP Rede und Antwort.

Umgang mit den Erkenntnissen

Die intensive Auseinandersetzung macht vor allem eines deutlich: Es gibt keine einfachen Erklärungsmuster für den Vertrauensverlust vor allem in Bezug auf die Ukraine-Berichterstattung. Nicht alle Gründe, die genannt werden, sind von den Medien alleine zu verantworten. Folglich können die Medien auch nichts daran verändern. Der Umgang mit Kritikern und die Einordnung derselben sind allerdings sehr wohl veränderbar und werden auch durchaus eingefordert.

Aus diesem Grund hat ZAPP auch Chefredakteurinnen und Chefredakteure sowie Verantwortliche für die Auslandsberichterstattung bei großen Medien darum gebeten, die Ergebnisse der ZAPP Studie einzuordnen. Die Wahl fiel auf jene Medienvertreter, die in unseren Recherchen von Kritikern am meisten genannt worden waren. Wir haben acht Medienvertreter angefragt, zugesagt haben diese vier:

  • Kai Gniffke, erster Chefredakteur ARD Aktuell
  • Ines Pohl, Chefredakteurin "tageszeitung"
  • Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Innenpolitik "Süddeutsche Zeitung"
  • Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur "Die Zeit"

Auch ihre Einlassungen sind hier in Video-Interviews anzusehen.

Wie geht es weiter?

Die Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt wird 2015 weitergehen. Die heftige Kritik hat bei vielen Journalisten den Blick für eventuelle Vorverurteilungen und mögliche Einflüsse geschärft. ZAPP wird weiterhin Beispielen falscher Berichterstattung nachgehen und nach Ursachen suchen - aber auch weiterhin auf propagandistische Einflüsse bei anderen Medien schauen. Vor allem aber wird die Redaktion genau beobachten, wie sich das Vertrauen in die Medien entwickelt.

Einen ausführlichen Beitrag zum Thema sehen Sie in der ZAPP Sendung am 17. Dezember - aufgrund einer Programmänderung um 23.30 Uhr im NDR Fernsehen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.12.2014 | 23:10 Uhr