Stand: 11.02.2016 09:39 Uhr

Warum Russlanddeutsche auf die Straße gehen

Seit dem "Fall Lisa", der vermeintlichen Vergewaltigung eines 13-jährigen russisch-stämmigen Mädchens in Berlin, gehen Hunderte Russlanddeutsche wöchentlich bundesweit auf die Straße. Längst ist der "Fall" aufgeklärt, doch anscheinend beruhigt das die russlanddeutsche Community nicht, zumindest nicht alle in ihr. Und so meldet sich mit den Russlanddeutschen eine Bevölkerungsgruppe zu Wort, die man bisher kaum bemerkt hat.

Demonstration von Russlanddeutschen in Heilbronn

Warum Russlanddeutsche auf die Straße gehen

ZAPP -

Woche für Woche demonstrieren Hunderte Russlanddeutsche gegen die Politik. Durch die Flüchtlinge fühlen sie sich bedroht. Vor allem russische Medien speisen die Ängste.

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Auch in Heilbronn demonstrierten vor wenigen Tagen Russlanddeutsche. "Wir sind besorgt um unsere Kinder, um unsere Frauen. Das Problem ist, dass Straftaten verdeckt werden und nicht offengelegt werden, von der Presse genau wie von der Polizei, und das wollen wir ändern", war dort zu hören. "Sie werden kommen, sie werden vergewaltigen, und es wird jeden Tag schlimmer. Und unsere Kinder werden bald Arabisch lernen in der Schule", oder: "Wir haben nicht gegen die Flüchtlinge demonstriert, sondern gegen die Regierung, die ohnmächtig ist. Jeder Flüchtling, der Hilfe braucht, soll Hilfe kriegen, aber die, die sich nicht anpassen können, müssen bestraft werden!" Sie skandieren "Lügenpresse" und "Merkel muss weg", fordern eine andere Politik, besonders gegenüber den Flüchtlingen.

Berichte über unhaltbare Zustände

Gespeist werden die Ängste vor den Flüchtlingen und das angebliche Versagen der Politik vielfach aus russischen Medien. Das staatliche russische Fernsehen zeigt immer wieder große Pegida-Demonstrationen gegen die herrschende Politik, berichtet von hilfloser Diplomatie europäischer Politiker sowie über unhaltbare Zustände im Land durch die Flüchtlinge.

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Aus russischen und deutschen Medien speisten sich die Ängste der Russlanddeutschen, sagt Migrationsforscher Jannis Panagiotidis.

Doch auch die deutschen Medien tragen mit ihrer Berichterstattung dazu bei, dass jetzt auch die Russlanddeutschen demonstrieren. Jannis Panagiotidis, Migrationsforscher von der Uni Osnabrück, sagt: "Wir haben es (...) mit einer selektiven Wahrnehmung auch des deutschen Mediendiskurses zu tun, in dem nicht alle deutschen Medien gleichermaßen über Ausländerkriminalität, Gewalt und Vertuschung berichteten, aber das natürlich eine nicht unbeträchtliche Rolle spielte. Und im Zusammenspiel dieser selektiven Wahrnehmung des einen deutschen Diskurses und andererseits der Überhöhung des Bedrohungsszenarios in den russischen Medien entstand dann diese Mischung, die zu der bis jetzt andauernden Mobilisierung geführt hat."

Flüchtlinge werden als Bedrohung wahrgenommen

Rund vier Millionen Russlanddeutsche leben in Deutschland. Sie sind in aller Regel gut integriert, haben Arbeit und sprechen deutsch. Doch die vielen Flüchtlinge verunsichern sie und werden als Bedrohung wahrgenommen. "Speziell im Fall der Russlanddeutschen kommt noch hinzu, dass sich manche in gewisser Weise in ihrer Eigenschaft als Deutsche bedroht fühlen, weil sie im Zusammenhang mit der jetzigen Flüchtlingskrise zum Teil auch als Migrantengruppe identifiziert und mit den Neuankömmlingen verglichen wurden. Und das ist etwas, was vielen Menschen in dieser Community missfällt, weil das ihrem Selbstverständnis als deutsche Heimkehrer widerspricht", meint Panagiotidis.

Aufrührer im Internet

Im Netz kommen zudem verschiedenste Besorgnisträger, Aufrührer und Verschwörer zum Zuge. Einer von ihnen ist Wjatscheslaw Seewald. Er organisiert russlanddeutsche Demonstrationen im ländlichen Bayern, ist bekannt geworden durch seine viel unterstützte Petition zur Einführung von RT Deutsch. Er sieht die Russlanddeutschen in der Pflicht, wieder Werte nach Deutschland zu bringen. "Die Russlanddeutschen haben eine wichtige Aufgabe in Deutschland. Und zwar: gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung ihr zu helfen, mehr in die eigene Kraft zu kommen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die einheimische Bevölkerung leider Gottes umerzogen in vielen Bereichen, dass die angeblich an allem Schuld seien. Und - ich denke mal - die Russlanddeutschen, die über Jahrhunderte hinweg ihre Kultur und ihre Sprache auch in Russland beibehalten haben, können den einheimischen Deutschen ein sehr gutes Vorbild sein und ein Beispiel zeigen, was denn wirklich die wirklichen deutschen Werte sind." Eine Wortwahl und Gedanken, die man bei Verschwörern, aber eben auch auf der Straße wiederfindet.

Die Landsmannschaften der Russlanddeutschen distanzieren sich inzwischen mit Nachdruck von diesen Ansichten und verweisen auf die kleine Zahl der Demonstrierenden. Die jedoch wollen weitermachen.

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 10.02.2016 | 23:20 Uhr