Stand: 16.09.2015 11:07 Uhr  | Archiv

Von gestern: Rabatte für Journalisten

Nach der Wullf-Bericherstattung brachen "saubere" Zeiten an. Nachdem sie sogar das Bobbycar des Präsidentensohnes als unzulässige Vorteilsnahme werteten, mussten Journalisten vor der eigenen Haustür kehren. Cordula Meyer, Zweite Vorsitzende des Vereins "Netzwerk Recherche", sieht eine stärkere Sensibilisierung für das Thema: "Erstmal haben Journalisten ihre eigene Rolle hinterfragt und dann gesagt, wir kritisieren, dass es diesen bösen Anschein nicht geben darf. Dann müssen wir den Ansprüchen, die wir an andere stellen, auch selbst genügen."

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Von gestern: Rabatte für Journalisten

ZAPP -

Bahn, Telekom und Air Berlin schafften sie ab. Viele Medienhäuser verbieten ihre Annahme. Doch ausgerechnet der Journalistenverband bietet Mitgliedern weiterhin Rabatte an.

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Schädlich für die Glaubwürdigkeit

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Kritisiert Rabatte, aber nicht die eigenen: Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband.

Auch der Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes Hendrik Zörner verurteilt solche Rabatte: "Im Fall der normalen Presserabatte gibt es ein direktes Verhältnis zwischen demjenigen, der den Rabatt in Anspruch nimmt, nämlich dem Journalisten, und dem Unternehmen, das diesen Rabatt gewährt. Und daraus kann eine Abhängigkeit resultieren, die schädlich für die Glaubwürdigkeit des Journalismus ist."

Nichtsdestotrotz reicht eine Tochter des Deutschen Journalistenverbandes selbst den Mitgliedern Rabattangebote weiter und profitiert davon. Cordula Meyer sieht hierin "eine gehobene Form der Widersprüchlichkeit und der PR-Experte Klaus Kocks nennt die Argumentation "grotesk". Diese lautet: "Bei dem Rabattmodell für Mitglieder wird der Rabatt nicht vom Unternehmen an das Mitglied gegeben, sondern das läuft über die kommerzielle Tochter von uns, insofern gibt es keinen direkten Kontakt zwischen dem Mitglied und dem Unternehmen", so DJV-Sprecher Zörner. Beim aktuellen Angebot der DJV-Tochter geht es um den Erwerb von Autos mit bis zu 40 Prozent Preisnachlass. "Wenn ein Neuwagen mit 40 Prozent Rabatt auch bei Altenpflegern und allen möglichen anderen Berufsgruppen, die in Verbänden organisiert sind, zu Gute kommen, dann kann man diese Argumentation nachvollziehen. Ich habe aber Zweifel, dass das so ist", entgegnet Cordula Meyer.

Wie halten es Verlage und Sender?

Wenn schon der Deutsche Journalistenverband hier so sehr feine Scheiben schneidet, um das Angebot von Nachlässen für seine Mitglieder zu rechtfertigen, wie sehen es dann die Medienhäuser selbst? ZAPP hat bundesweit große Medienhäuser dazu angefragt und unter anderem herausgefunden, dass eine ARD-weite Regelung für diesen Bereich fehlt. Die Rundfunkanstalten regeln die Annahme von Journalistenrabatten äußerst unterschiedlich und auch die privaten Rundfunkanbieter und Verlage sind hier unterschiedlich streng.

Medienhaus / SenderRabatt-Regelung
Axel Springer SE"Der Verzicht auf jegliche Form von Presserabatten wurde (...) nach der redaktionsinternen Diskussion im März 2012 beschlossen. Der Verzicht ist freiwillig und daher nicht Bestandteil der Leitlinien zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit von Axel Springer."
BRHier regelt ein Verhaltenskodex die Annahme von Geschenken  und sonstigen Vorteilen. Der BR ist aber “der Auffassung, dass Vergünstigungen, die jeder BR-Mitarbeiter oder eine ganze Berufsgruppe erhält, nicht grundsätzlich zu 'unzulässigen' Geschenken gehören“.
BurdaEine Richtlinie regelt: Der Presseausweis darf nur für berufliche Zwecke, d.h. als Nachweis für eine bereits bestehende hauptberufliche journalistische Tätigkeit, verwendet werden. Er darf nicht für die Erlangung von privaten Preisnachlässen (Rabatte) oder sonstigen privaten Vorteilen verwendet werden.
DeutschlandradioDer Pressesprecher antwortet: "Seit Anfang 2007 wurde die Nutzung von Sonderrabatten in der Kommunikation mit den Mitarbeitenden von Deutschlandradio wie auch potentiellen Anbietern von Rabatten untersagt. Mit der zum 01.03.2015 in Kraft getretenen 'Dienstanweisung zur Annahme von Belohnungen, Geschenken und sonstigen Vorteilen' ist dieser Sachverhalt offiziell auch in den Regelwerken von Deutschlandradio verankert und damit arbeitsrechtlich sanktionierbar."
Die Zeit"Die Redaktion von ZEIT und ZEIT ONLINE nimmt keine Journalistenrabatte in Anspruch. Auch von der privaten, außerdienstlichen Nutzung von Journalistenrabatten wird abgeraten. Insbesondere ist es nicht gestattet, bei privater Beantragung von Journalistenrabatten auf ZEIT ONLINE oder ZEIT als Arbeitgeber zu verweisen."
DuMont SchaubergDer Verlag antwortet: “Das Verständnis des Pressekodex bei DuMont ist, dass im direkten Zusammenhang mit Berichterstattung keine Presserabatte in Anspruch genommen werden dürfen. Wir empfehlen darüber hinaus allgemein, auf die Annahme von Presserabatten zu verzichten”.
FAZKeine Antwort
Funke MediengruppeDer Verhaltenskodex regelt: "Die Inanspruchnahme von Presserabatten (ist) dem Chefredakteur/der Chefredakteurin anzuzeigen, wenn die Vorteilsgewährung deutlich über den Rahmen handelsüblicher Rabatte hinausgeht."
HREine Dienstanweisung regelt: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des hr dürfen keine geldwerten Vorteile fordern, annehmen oder sich versprechen lassen, die mit ihrer Tätigkeit beim hr oder ihrer Funktion im hr in Zusammenhang stehen.“ Für Journalistenrabatte gilt allerdings eine Ausnahme: „..hierunter fallen nicht Vergünstigungen und Rabatte, die allen Mitarbeiterinnen/Mitarbeiterin in gleicher Weise oder aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe (z.B. Journalistenrabatt) gewährt werden.“
MadsackDer Verlag hat keine einheitliche Regelung. Die Zuständigkeit hierfür liegt dezentral in den Redaktionen.
MDR"Beim MDR ist die Nutzung von Presserabatten gemäß der Dienstanweisung 'Nichtannahme von Zuwendungen' vom 20.01.2006 in der Fassung vom 1.6.2010 erlaubt."
NDRIm verbindlichen Verhaltenskodex ist seit 2009 geregelt: “Wir nutzen keine Journalistenrabatte.“ Diese Regelung hat appellativen Charakter, im Wiederholungsfall wären arbeitsrechtliche Schritte möglich.
Radio BremenDer Sender regelt in einer Dienstanweisung zur „Nichtannahme von Geschenken und Belohnungen folgende Ausnahme, nämlich: „übliche Vergünstigungen, die Dritte wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe oder als Firmenrabatte allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Radio Bremen gewähren.”
RBBHier gibt es kein Verbot, Presserabatte anzunehmen. Sie zu nutzen wird als individuelle Entscheidung gesehen. Es gibt eine "Dienstanweisung über das Verbot der Annahme und Gewährung von Zuwendungen". Allerdings: "Nicht als Zuwendung im Sinne dieser Regelung gelten übliche Vergünstigungen, die Dritte wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe oder als Firmenrabatte allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des RBB gewähren.”
RTLDer Sender verweist auf den “Code of Conduct” und dieser auf die Antikorruptionsrichtlinie. Hier sind die Annahme von Geschenken oder Einladungen sehr genau geregelt, nicht aber explizit die Nutzung von Journalistenrabatten. Es gibt eine genaue Einteilung, die sich nach dem Geldwert des Geschenkes oder der Einladung richtet. Zuwendungen dürfen allerdings nur angenommen oder gewährt werden, "wenn sie einem berechtigten geschäftlichen Zweck dienen". Private Vorteilsnahme ist demzufolge nicht erlaubt.
SkyKonzernweite Compliance-Regelung: Vergünstigungen inkl. Rabatte pro Jahr in Summe von 200 Euro frei, darüber hinaus genehmigungspflichtig.
SpiegelHier gilt kein Verbot, sondern ein Gebot: “In der SPIEGEL-Gruppe gibt es eine gängige Praxis, die Redakteurinnen und Redakteure bei der täglichen Arbeit beachten. Die journalistische Glaubwürdigkeit ist die oberste Priorität, sie bedingt absolute Unabhängigkeit in der Berichterstattung. Die Redakteure der Spiegel-Gruppe sind gehalten, keine Vergünstigungen und Vorteilsgewährungen von Dritten anzunehmen. Sofern in der Medienbranche übliche Journalistenrabatte genutzt werden, muss dies berufsbezogen erfolgen und die Nutzung darf die objektive journalistische Berichterstattung nicht beeinflussen.”
SRDer Sender antwortet: "Die Nutzung so genannter Journalistenrabatte ist im Saarländischen Rundfunk nicht ausdrücklich untersagt." Generell gilt: "Geschenke, Einladungen, Dienstreisen, Rabatte, Nebentätigkeiten und andere Vorteile, die die Unabhängigkeit oder Integrität in Frage stellen könnten, müssen abgelehnt werden."
Süddeutsche Zeitung“Die Linie der Chefredaktion ist klar: eine klare Empfehlung zur Zurückhaltung bei der Annahme von Presserabatten.” Offizielle Regeln gibt es dagegen laut Chefredaktion nicht.
SWREine Dienstanweisung untersagt es allen Mitarbeiter/innen Zuwendungen im Zusammenhang mit ihrer dienstlichen Tätigkeit anzunehmen. Dazu gehören auch Vergünstigungen bei Privatgeschäften (insbes. Rabatte und Zugaben).
WDR“Wir verzichten auf die persönliche Inanspruchnahme von Journalistenrabatten. " Aber: "Unbedenklich sind auch Rabatte, die allen WDR-Beschäftigten gewährt werden. Das Gleiche gilt für Rabatte, die Gewerkschaften oder berufsständische Vereinigungen für ihre Mitglieder verhandelt haben.”
ZDFIm Mitarbeiterkodex ist geregelt: “Rabatte dürfen nur genutzt werden, wenn sie aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Unternehmen oder zu einer allgemeinen Berufsgruppe generell eingeräumt werden.” Journalistenrabatte sind damit geduldet.
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ZAPP | 16.09.2015 | 23:20 Uhr

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