Stand: 05.04.2017 22:21 Uhr

Üretmen: "Bin nicht Integrationsbeauftragter"

Er wünscht sich, dass der "Welt"-Journalist Deniz Yücel "im Knast verrecken" möge, beleidigt Politiker wie Cem Özdemir und Sevim Dagdelen auf das Übelste, nennt die deutschen Medien "Hetzpresse", bemüht immer Nazi-Vergleiche: Der deutsch-türkische Video-Blogger Bilgili Üretmen.

Die Facebookseite von  Blogger Bilgili Üretmen

Üretmen: "Bin nicht Integrationsbeauftragter"

ZAPP -

Der türkische Blogger Bilgili Üretmen wettert gegen Deutschland und macht Stimmung für Erdogan. Seine Videos erreichen Tausende in der deutsch-türkischen Community und spalten.

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"Ich bin schon sehr populär"

Aus seiner Heimatstadt Soest in Westfalen kämpft der 40-Jährige mit scharfer Zunge für "seinen" Präsidenten Recep Tayyip Erdoðan, wirbt in bisweilen heftigen emotionalen Ausbrüchen für ein "Evet", ein "Ja" bei dessen Verfassungsreferendum. Viele seiner Videos werden über hundertausendmal geklickt, in der deutsch-türkischen Community ist er längst eine Art "Star".

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Screenshot des YouTube-Profils von Bilgili Üretmen. Mit seinen Videos erreichte er bereits über 358.000 Aufrufe, auf Facebook hat er über 33.000 Fans.

"Ich bin schon sehr populär", sagt er ganz unbescheiden. "Beim Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Yildirim in Oberhausen habe ich bestimmt 1.000 Selfies gemacht, da hatte ich kaum eine Minute Ruhe vor irgendwelchen Followern." Seine "Arbeit" sei ehrenamtlich, Geld bekomme er nicht, betont er, auch nicht wenn er bei der "Union Türkisch-Europäischer Demokraten" (UETD) auftritt, die als Lobbyorganisation der Erdoðan-Partei AKP gilt.

"Deutsche haben uns aufgegeben"

Üretmen scheint manch einem jungen Deutsch-Türken aus der Seele zu sprechen. Sein Engagement für Erdogan hat auch mit einer tief empfundenen Kränkung zu tun: "Aus unserer Sicht, aus meiner Sicht haben die Deutschen uns Deutsch-Türken schon längst aufgegeben. Nur weil wir nicht nach deren Pfeife tanzen. Und wenn die Deutschen uns aufgeben finde ich es schön, dass Erdogan uns nicht aufgeben möchte."

Gerade in letzter Zeit scheint sich viel Wut bei dem freischaffenden Filmemacher angestaut zu haben: "Wenn man uns Türken mit Böhmermann-Gedichten und Armenien-Resolutionen so weit von sich stößt, dann kann man doch Erdogan nicht dafür verurteilen, dass er sagt: 'Okay, kommt her'!"

Erdogan als Retter der Türkei

Die Gründe dafür, dass er den türkischen Präsidenten so verehrt, erklärt er gerne - und er ist einer der wenigen Erdoðan-Fans , die das auch immer wieder offen im Fernsehen tun: "Irgendwann kam Erdogan und hat aus diesem Zweite-Welt-Land, aus diesem kranken Mann am Bosporus, wie man die Türkei ja immer genannt hat, einen selbstbewussten, starken Staat gemacht. Und wir Türken in Deutschland haben das jetzt auch übernommen, dieses Selbstbewusstsein. Es war ja so, dass mein Vater nie mal seinen Mund aufgemacht, wenn ihm was nicht gepasst hat, etwa was ausländerfeindliche Sachen anbetraf."

Üretmen tut es jetzt, er macht den Mund auf. Das ist einerseits erhellend und bietet einen Blick auf die Gefühlslage von manch einem jungen Deutsch-Türken. Andererseits ist dies auch mehr als verstörend: Etwa wenn er darüber fabuliert, dass der BND, dass Deutschland, hinter dem Putschversuch im vergangenen Sommer in der Türkei steckten, aus Angst, dass die Türkei wirtschaftlich zu stark werde. Oder wenn er voller Inbrunst die Todesstrafe für Putschisten begrüßt. Dass Üretmen mit seinen Videos zur Polarisierung der Gesellschaft beiträgt, ist ihm egal. Er pocht auf die Meinungsfreiheit und sagt: "Ich bin nicht der Integrationsbeauftragte." Irgendwie kein Wunder, dass manche seiner Fans seine Rhetorik mit der von Erdogan vergleichen. Üretmen nimmt das natürlich als Kompliment.

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ZAPP | 05.04.2017 | 23:20 Uhr