Stand: 03.11.2016 10:15 Uhr

Nackt im Netz: Journalistenprofile im Verkauf

Das Ausspionieren von Browserdaten durch sogenannte Add-Ons und Erweiterungen, die heimlich den Verlauf der besuchten Seiten protokollieren, betrifft auch Journalisten. In einem großen Datenpaket, das ZAPP und Panorama vorliegt, befanden sich auch die Daten des Leiters des Bereichs "Social-Media/Innovation" der "Süddeutschen Zeitung": Dirk von Gehlen.

Ein Computer im Röntgenbild

Nackt im Netz: Journalistenprofile im Verkauf

ZAPP -

Browser-Erweiterungen haben das Surfverhalten von drei Millionen deutschen Internetusern heimlich aufgezeichnet. Auch Journalisten sind betroffen. Eine Gefahr für den Journalismus.

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"Katastrophe für den Journalismus"

Wann begann der Journalist an welchem Tag zu arbeiten? Wohin wollte er reisen, wonach recherchierte er: All das lässt sich aus seinem offen liegenden Arbeitsprofil heraus lesen. Der Datensatz, der ZAPP und Panorama vorliegt, umfasst die Browser-Historie von rund drei Millionen Nutzern im Monat August dieses Jahres. Damit lassen sich Recherchen, aber auch private Profile von Journalisten nachzeichnen.

Persönlich sei er betroffen, aber nicht überrascht, so von Gehlen im Interview mit ZAPP. "Das macht mir bewusst, was ich schon immer geahnt habe, spätestens seit Snowden es offengelegt hat." Aus beruflicher Sicht aber sei dieser Datenhandel "ein Skandal": "Wenn diese Daten verfügbar sind von Menschen, die hier im Haus zum Beispiel die Panama Papers recherchieren - und die auf diese Weise erpressbar gemacht werden können, dann ist das für den Journalismus natürlich eine Katastrophe. Es darf nicht sein, dass solche Daten handelbar sind."

Auch Sicherheitsexperten sind betroffen

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Über harmlos erscheinende Browser Add-Ons und Extensions werden User heimlich ausgespäht.

Genau dieses Problem hat auch die sicherheitspolitische Referentin Julia Weigelt. Wer ihre Daten hat, kann jederzeit verfolgen, wo sie ist, was sie tut und wofür sie sich interessiert. Sie beschäftigt sich beruflich mit Innerer und Äußerer Sicherheit, trifft hochrangige Gesprächspartner aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Sie sei "nicht aus allen Wolken" gefallen, aber: "Ich kann jetzt wirklich sehen, was ich tagelang über bis ins Kleinste gemacht hab", so Weigelt. "Ich finde es extrem wichtig, dass man sowohl den Journalisten als auch den Politikern als auch den Bürgern das Ausmaß des Ausspähens wirklich noch mal vor Augen führt."

Datenhandel ist ein Milliardengeschäft

Denn hier sind es keine Geheimdienste auf Terroristenjagd, die Julia Weigelt im Internet ausforschen, sondern private Firmen, die mit intimsten Informationen handeln. Aus dem Surf-Verhalten von Internet-Nutzern ist ein globales Milliardengeschäft geworden: Big-Data-Konzerne schneiden digitale Bewegungen einzelner Nutzer mit und verkaufen diese Daten in großen Paketen weiter, angeblich anonym und ohne Schaden für den Nutzer. Unsere Recherchen zeigen jedoch, wie einfach sich diese Daten konkreten Personen zuordnen lassen - und wie sie umfangreiche Details aus dem Leben der Nutzer preisgeben. Für den Big-Data-Analysten Andreas Dewes ein Unding: "Für mich war sehr überraschend, wie einfach man einen Großteil der Daten de-anonymisieren konnte. Die Privatsphäre des Nutzers wird in keiner Weise respektiert."

Browser-Add-Ons im Verdacht

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Wie kann ich mich schützen?

Mit gezielten Maßnahmen kann man sich gegen die meisten Daten-Spione schützen. Unser gemeinnütziger Kooperationspartner Mobilsicher.de zeigt, wie es geht. extern

Eine zentrale Rolle spielen offenbar kostenlose Zusatzprogramme mit einer versteckten Ausspähfunktion. In den Recherchen des NDR fiel etwa eine Browser-Erweiterung der Firma "Web of Trust" (WOT) auf. WOT bietet eigentlich einen Service an, der dem Nutzer dabei helfen soll, sicher zu surfen: Die Erweiterung prüft die Integrität von Webseiten, bewertet besuchte Seiten anhand eines Ampel-Systems im Hinblick auf Sicherheit.

Im Hintergrund protokolliert und übermittelt die Erweiterung aber auch die Daten zum Surf-Verhalten des Nutzers an einen Server im Ausland. Dort wird ein Profil erstellt, bei dem Datum, Uhrzeit, Ort und angesteuerte Web-Adresse gemeinsam mit einer Nutzer-Kennung abgespeichert werden. Diese Daten gehen dann an Zwischenhändler. Von einem dieser Zwischenhändler haben Panorama und ZAPP ihren Datensatz bezogen. Auf Anfrage teilte WOT mit, in seinen Datenschutzrichtlinien werde darauf hingewiesen, dass bestimmte Daten gesammelt und mit Dritten geteilt werden. WOT unternehme aber große Anstrengungen diese zu anonymisierten.

Interne Verlagskorrespondenz offen zugänglich

ZAPP liegen auch interne Informationen aus dem Verlag Gruner und Jahr (G+J) vor: Strukturen, Personalpläne, Korrespondenz, aus der unter anderem das Gehalt eines Managers hervorgeht. Auf Anfrage antwortet das Medienhaus: So etwas gehöre nicht in den Datenhandel – man werde die Mitarbeiter sensibilisieren.

"Dinge, die man ändern muss"

Dirk von Gehlen ist nicht erst sensibilisiert, seit er selbst betroffen ist. Dennoch will er seine Aktivitäten gegen den dunklen Datenhandel in legalen Grauzonen nun nochmals verstärken. "Ich glaube, man braucht ganz dringen eine politische Lösung", sagt Gehlen gegenüber ZAPP. "Es darf nicht sein, dass solche Daten handelbar sind. Und da kann man sich auch nicht mit 'das ist halt so' rausreden. Es gibt Dinge, die so sind, die man dann ändern muss."

Interviews
08:37 min

"Wir müssen Informantenschutz neu überdenken"

Mit den Daten kann jeder sehen, "was ich tagelang bis ins kleinste Detail gemacht habe". ZAPP hat Journalistin Weigelt gezeigt, was eine Browser-Erweiterung heimlich über sie gesammelt hat. Video (08:37 min)


04.11.2016 12:00 Uhr

Hinweis der Redaktion: In der Abmoderation zum Beitrag "Nackt im Netz" wird in der ZAPP Sendung vom 02. November fälschlicherweise von der Browser-Erweiterung "World of Trust" gesprochen. Gemeint ist jedoch die Browser-Erweiterung "Web of Trust". Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

 

Weitere Informationen

Mozilla und Google Chrome entfernen Web of Trust

03.11.2016 21:45 Uhr
Das Erste: Panorama

Mozilla und Google Chrome haben reagiert: Nach Berichten von Panorama und ZAPP über Sicherheitslücken haben sie die Plugins von "Web of Trust" von ihren Seiten genommen. mehr

mit Video

Panorama 3: Millionen Nutzer ausgespäht

Was wir im Internet tun, wird protokolliert. Und über diese Protokolle verfügen Datenhändler und verkaufen sie. Dabei handelt es sich zum Teil um hochsensible Informationen. mehr

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"SZ": "Plötzlich nackt im Netz"

Dirk von Gehlen von der "Süddeutschen Zeitung" schreibt, wie es sich anfühlt, im Netz überwacht worden zu sein. Und welche Konsequenzen er persönlich zieht und politisch fordert. extern

TV-Tipp

Das Erste: Panorama

Noch mehr Infos zum Thema gibt's diese Woche bei Panorama im Ersten (Do, 21:45 Uhr). mehr

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Kuketz IT-Security

Bei der Datenauswertung wurde ZAPP von Mike Kuketz unterstützt. Der IT-Spezialist betreibt den Blog IT-Security und berichtet regelmäßig über Sicherheitsthemen. extern

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 02.11.2016 | 23:20 Uhr