Stand: 07.10.2015 12:00 Uhr

Mutig: Abdollahi zog vier Wochen ins Nazidorf

"Was kann passieren, wenn wir uns vier Wochen mit einem eigenen Haus in Jamel auf die Wiese setzen? Was ist, wenn die nicht mit uns sprechen? Dürfen wir Nazis so viel Sendefläche geben?" Das waren nur einige der Fragen, die sich die Redaktion von "Panorama die Reporter" stellte, bevor sie den Deutsch-Iraner Michel Abdollahi gemeinsam mit zwei Autoren und einem Kameramann für vier Wochen ins "Nazidorf" Jamel schickte. Sie sollten dort Kontakte zu den Dorfbewohnern knüpfen. Das Ziel: Herauszufinden, wie ein Dorf denkt, das sich als "frei – sozial – national" bezeichnet. Und in dessen Mitte ein Wegweiser mit der Entfernung nach Braunau am Inn steht, dem Geburtsort von Adolf Hitler.

Michel Abdollahi. © NDR

Abdollahi erlebte Überraschung im "Nazidorf"

ZAPP -

Der Deutsch-Iraner Michel Abdollahi fand im "Nazidorf" Jamel keine dummen Neonazis in Springerstiefeln. Aber Menschen mit rechtem Gedankengut - die auch sympathisch sein können.

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Geredet wird oft erst, wenn die Kamera aus ist

Geschützt von Sicherheitspersonal verbringt das Team die erste Nacht im Dorf, in einer extra für diesen Aufenthalt aufgebauten Gartenlaube. Es passiert ... nichts. Dabei waren die Befürchtungen groß, denn medial gleicht Jamel einem Nazi-Moloch. Die Berichterstattung eher plakativ, manchmal überzeichnet, in den seltensten Fällen differenziert. Die Unsicherheit dementsprechend groß. Aber es redet keiner. Erst langsam nähern sich Reporter und Dorf einander an. Und einer redet dann doch: der "Dorf-Chef" und ehemaligen NPD-Funktionär Sven Krüger. Die anderen, mit wenigen Ausnahmen, sprechen mit dem Team nur ohne Kamera, einige bis zum Schluss überhaupt nicht. 

Per "Du" mit dem Nazi

Schon im ersten längeren Gespräch bietet Sven Krüger Abdollahi das "Du" an, eine Umarmungsstrategie, die auch die Redaktion in Hamburg herausfordert. "Es gab Momente vor Ort – wir haben ja täglich telefoniert – wo ich dachte: Es ist im Grenzbereich. Wir müssen aufpassen, dass die Eindrücke vor Ort nicht zu viel Nähe darstellen. Und das ist dann natürlich die Aufgabe der Redaktion, dann auch zu korrigieren. Die Autoren sind sehr erfahren, im Ergebnis hat das auch alles ganz gut geklappt, aber natürlich gab es Momente, wo ich gedacht habe: 'Die Nähe ist möglicherweise zu groß und wir müssen aufpassen'", erinnert sich Dietmar Schiffermüller, Redaktionsleiter von "Panorama die Reporter".

Reportage
mit Video

Im Nazidorf

Panorama - die Reporter

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Der kräftige Abrissunternehmer mit Glatze und Bart ist dem Team sympathisch, in der Dorfidylle mäht er den Rasen und geht mit seiner Familie spazieren. Er erklärt, er sei froh, Flüchtlinge nicht privat zu kennen, denn dann könne er nicht mehr gegen sie sein. Und lacht, dass sich Michel Abdollahi selbst als "Kanake" betitelt. Umso wichtiger ist es auch für die Autoren vor Ort, sich immer wieder bewusst zu machen, dass dieser Mann wegen Waffenbesitzes und Hehlerei mehrere Jahre im Gefängnis saß, für die NPD im Kreistag gesessen hat und bis heute in rechten Kreisen gut vernetzt ist.

Neonazis können nette Menschen sein, bleiben aber gefährlich

Abdollahi unternimmt Ausflüge in die rechte Umgebung des Dorfes, zu einer NPD-Veranstaltung in Waren an der Müritz und folgt einer Einladung Krügers zu einer Nazi-Demo in Wismar. Und da sind sie wieder, die rechten Parolen - und Sven Krüger mittendrin. Auch das gehört eben zu dem netten Mann aus Jamel. Für Dietmar Schiffermüller sind das zwei Seiten einer Medaille, sie zusammen machen ein notwendiges, weil differenziertes Bild von Jamel und den Bewohnern aus: "Ich hatte vorher das Bild, das ich medial vermittelt bekommen habe. Das war etwas plakativ. Es war auch etwas reflexhaft. Das Bild von Jamel ist heute differenzierter. Wir wissen: Es gibt nicht nur Nazis dort. Es gibt wenige am Rand des Dorfes, die damit gar nichts zu tun haben. Und ich hab gelernt, dass die Neonazis nette Menschen sein können, zunächst, aber trotzdem gefährlich sind und ideologisch."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 07.10.2015 | 23:35 Uhr