Stand: 29.03.2016 15:54 Uhr

Extra 3 kürt Erdogan zum "Mitarbeiter des Monats"

Wegen des satirischen Songs "Erdowie, Erdowo, Erdogan" ließ der türkische Ministerpräsident am vergangenen Dienstag den deutschen Botschafter in Ankara einbestellen. In dem Video nehmen die Journalisten von extra 3 Erdogans Politik aufs Korn: die eingeschränkte Pressefreiheit in der Türkei, Erdogans autokratische Machtpolitik, seinen Umgang mit Kritikern. Für Erdogan offenbar ein Fall von Präsidentenbeleidigung, die nun selbst im Ausland unterbunden werden muss.

Andreas Lange von extra 3 im Interview mit ZAPP. © NDR Fotograf: Screenshot

Erdogan-Song: "Wir arbeiten journalistisch"

ZAPP

Andreas Lange freut sich über den Erfolg des Erdogan-Songs. "Wir machen das nicht nur des Quatsches wegen", so der extra-3-Redaktionsleiter. Spaß und Botschaft gehen zusammen.

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"Wenn man schießt und jemand schreit 'Aua', dann haben wir alles richtig gemacht", meint extra-3-Redaktionsleiter Andreas Lange zu dem Vorfall. "Wir machen das nicht des Quatsches wegen, sondern weil es wichtig ist, die Dinge anzusprechen". In dem Lied wird unter anderem der Umgang Erdogans mit der Meinungs- und Pressefreiheit kritisiert. So heißt es:

"Bei Pressefreiheit kriegt er'n Hals
Drum braucht er viele Schals

Ein Journalist, der was verfasst
Das Erdogan nicht passt,
Ist morgen schon im Knast

Redaktion wird dicht gemacht
Er denkt nicht lange nach
Und fährt mit Tränengas und Wasserwerfern durch die Nacht"

NDR liegt noch keine offizielle Beschwerde vor

Offiziell hat der NDR bisher nichts von dem Vorgang in der Türkei erfahren. "Bei uns ist bisher keine Beschwerde eingegangen", so der Chefredakteur des NDR Fernsehen, Andreas Cichowicz. "Dass die türkische Regierung wegen eines extra-3-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar. In Deutschland ist politische Satire erfreulicherweise erlaubt. Darunter fällt auch der extra-3-Beitrag."

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mit Video

Korrespondenten werden von Türkei hingehalten

23.03.2016 23:20 Uhr

Dass in der Türkei die kritische inländische Presse von der Regierung an der Arbeit behindert wird, ist nichts Neues. Sind jetzt auch deutsche Korrespondenten ins Visier geraten? mehr

Beschwerde neue Eskalationsstufe

Korrespondenten in der Türkei sehen in der Beschwerde bei dem deutschen Botschafter eine neue Eskalationsstufe. Es sei wieder einmal der Beleg dafür, sagt die freie Journalistin Sabine Küper-Büsch gegenüber ZAPP, dass Erdogan Satire über die eigene Person nicht toleriere und jetzt sogar mit Blick auf ausländische Medien eingreife. Küper-Büsch berichtet seit vielen Jahren aus der Türkei für deutsche Medien und beobachtet mit Sorge, wie der türkische Ministerpräsident die Pressefreiheit in seinem Land zunehmend einschränkt.

Türkei geht gegen Journalisten vor

Am vergangenen Freitag begann der Prozess gegen zwei regierungskritische Journalisten: den Chefredakteur der "Cumhuriyet", Can Dündar, und seinen Hauptstadtkorrespondenten, Erdem Gül. Zum Prozessauftakt kamen auch Martin Erdmann, der deutsche Botschafter in der Türkei, und die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen (Die Linke). Bei dieser Gelegenheit erfuhr Dagdelen, dass der deutsche Botschafter wenige Tage zuvor in das türkische Außenministerium einbestellt worden war. Die deutsche Botschaft in Ankara bestätigte das gegenüber ZAPP. Zu dem Termin im türkischen Außenministerium soll Erdmann das deutsche Grundgesetz mitgenommen haben, um daraus über das Grundrecht auf Pressefreiheit zu zitieren.

Sevim Dagdelen fordert jetzt von der Regierung, Stellung zu beziehen.

Der türkische Präsident trete die Pressefreiheit in seinem Land mit Füßen und versuche, sie jetzt sogar im Ausland zu gängeln, so die Bundestagsabgeordnete Dagdelen gegenüber der ARD. "Erdogans Arm darf nicht bis nach Deutschland reichen." Um eine Antwort zu erzwingen, reichte sie heute folgende parlamentarische Anfrage an die Bundesregierung ein:

Inwieweit trifft es zu, dass der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Türkei, Martin Erdmann, wegen eines knapp zweiminütigen Films über den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan aus der Sendung extra 3 bzw. der gemeinsamen Teilnahme am 24. März 2016 mit Bundestagsabgeordneten und diplomatischen Vertretern von EU-Staaten am Prozess gegen den türkischen Journalisten Can Dündar ins Außenministerium einbestellt worden ist (dpa vom 29. März 2016) und welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung daraus?

Erdogan erleidet mediale Niederlage

Mit seiner Beschwerde gegen den Film von extra 3 erreicht Erdogan gerade das Gegenteil von dem, was er offensichtlich erreichen will: Seitdem der Vorgang über die Ostertage bekannt wurde, ist das Video mehr 500.000 Mal angeklickt und in zahlreichen Medien besprochen worden. Die Redaktion hat sich inzwischen gewohnt ironisch bei Erdogan für die PR-Unterstützung bedankt und ihn zum Mitarbeiter des Monats gekürt. Und inzwischen auch eine englische und türkische Version des Videos angefertigt.

 

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01:52 min

Song: Erdowie, Erdowo, Erdogan

17.03.2016 22:45 Uhr
Das Erste: extra 3

In Sachen Pressefreiheit und Menschenrechte tritt der türkische Präsident ziemlich verhaltenskreativ auf. Also diplomatisch ausgedrückt. Das ist bei uns anders. Unser Song für Istanbul. Video (01:52 min)