Stand: 30.09.2015 15:00 Uhr

"JournAfrica!" – Berichte aus afrikanischer Sicht

Es ist ein altes Lied: Afrika findet entweder keine Beachtung in den Medien oder nur als Schauplatz von Armut, Epidemien und Konflikten. So wird immer wieder ein einseitiges Bild von einem ganzen Kontinent reproduziert, der dreimal so groß ist wie Europa, auf dem mehr als 1,1 Milliarden Menschen in 54 Ländern leben und über 2.000 Sprachen sprechen. Die Medien und damit die Öffentlichkeit sprechen aber weiterhin von "Afrika", als wäre es ein großes Ganzes. Eine Gruppe junger Studenten und Berufseinsteiger will das ändern, mit einer simplen Idee. Statt Korrespondentenberichten gibt's auf "JournAfrica!" Reportagen, Analysen und Kommentare von einheimischen Journalisten, natürlich in deutscher Übersetzung.

Die Website von Journafrica auf einem Tablet. Zu sehen sind mehrere afrikanische Künstler. © JournAfrica Fotograf: Screenshot

"JournAfrica!" - Berichte aus afrikanischer Sicht

ZAPP -

Wenn in deutschen Medien über Afrika berichtet wird, übernehmen das meist wenige europäische Journalisten. Bei "JournAfrica!" gibt es Berichte aus Afrika von Afrikanern - auf Deutsch.

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Deutscher Student rief "JournAfrika!" ins Leben

Kopf des Projekts ist Philipp Lemmerich. Der 27-Jährige hat in Kiel und Leipzig Politikwissenschaft studiert und schreibt gerade seine Masterarbeit. Die Idee zu "JournAfrica!" kam ihm während eines Aufenthalts in Togo, wo er als freier Radioreporter arbeitete: "Ich traf dort immer wieder auf Situationen, die ich nicht einordnen konnte, weil sie mir nicht bekannt waren. Man fängt dann automatisch an, das mit Kategorien zu erklären, die man aus dem eigenen Kontext kennt. Aber so reproduziert sich immer wieder nur der Blick von außen, während Leute von vor Ort das Geschenk haben, solche Situationen in ihrer Authentizität wahrzunehmen."

Afrikaner warnt vor Auswanderung

25 Journalisten schreiben mittlerweile für das Portal. Einer von ihnen ist Femi Akomolafe aus Ghana. Die Macher von "JournAfrica!" waren auf seinen Artikel im Magazin "New African" aufmerksam geworden. Dort schreibt Akomolafe über den viel beschworenen Wirtschaftsaufschwung in Afrika, der eines dennoch nicht verhindern könne: "Die Migration nach Europa und das elende Sterben im Mittelmeer."

Sie kontaktierten Akomolafe, engagierten einen diplomierten Übersetzer und kurz darauf erschien der Artikel auf "JournAfrica!". Mit ungewohnten Einblicken in die enttäuschten Hoffnungen von Migranten: "Viele Ghanaer haben gutbezahlte Jobs zurückgelassen und beträchtliche Summen für den Aufbruch nach Europa aufgebracht. Dort begegnen ihnen unzählige Hindernisse (…): Der ewige Kampf um eine Aufenthaltsgenehmigung, der allgegenwärtige Rassismus, von den Kleinigkeiten des Alltags ganz zu schweigen. (…) Zweifelsfrei wären viele von ihnen lieber zu Hause geblieben, wenn sie vorher von dem Elend gewusst hätten, das sie in Europa erwartet."

Medien tragen Teilschuld an Flüchtlingskrise

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Journafrica - Afrika anders denken

Geschichten aus Afrika von Afrikanern aufgeschrieben, das ist JournAfrica. Zur Website des Medienangebots. extern

Dass sich dennoch Tag für Tag neue Leute sich auf den Weg nach Europa machen, liege nicht nur an verfehlten innenpolitischen Entscheidungen, so Akomolafe gegenüber ZAPP. Auch die Medien seien in der Verantwortung: "Sender wie die CNN und die BBC lassen die Leute glauben, dass man in Afrika in Armut lebt und in Europa im Reichtum. Sie zeigen nicht wie sehr Flüchtlinge im Alltag kämpfen müssen. Also haben viele Menschen in Afrika die Illusion, dass alles in Europa aus Gold ist. Folglich wollen sie auch nach Europa. Und unsere einheimischen Medien kopieren viel zu oft die CNN und BBC. Sie bilden auch nicht die Wirklichkeit ab."

Kooperation mit "Frankfurter Rundschau"

Das gilt umgedreht für den Blick europäischer Medien auf Afrika genauso. Hier versucht "JournAfrica!" anzusetzen."Wir möchten ein Medienangebot sein, das man, wenn man an Afrika denkt, automatisch mitdenkt. Wir möchten auch, dass andere etablierte große Medien in Deutschland unser Angebot übernehmen", erklärt Lemmerich. Bei der "Frankfurter Rundschau" ist ihnen so eine Medienpartnerschaft schon gelungen. Einmal im Monat druckt diese einen Artikel von "JournAfrica!". Neben Fördergeldern ist das bisher die einzige Einnahmequelle.

Keine Chance gegen etablierte Medien?

Während Autoren und Übersetzer ein Honorar bekommen, arbeiten Lemmerich und seine 14 Mitstreiter noch unentgeltlich dafür, das "Afrika-Bild" in deutsch-sprachigen Medien zu verändern. Ihr Enthusiasmus hat sie seit dem Launch der Webseite vorigen November zwar weit gebracht. Akomolafe aber zweifelt, dass dieses Projekt grundlegend etwas ändern kann: "Die jungen Leute tun ihr Bestes, aber sie werden am vorherrschenden Narrativ zu Afrika nichts ändern. Auch wenn es eine sehr engagierte und kreative Gruppe ist! Gegen die BBC und CNN kommen sie nicht an. Da haben sie gar nicht die Mittel für."

Stipendium soll Finanzierung sichern

Eine Kritik, die die Macher oft hören und auch ernst nehmen: "Wir haben passable Klickzahlen auf unserer Webseite, die Artikel werden also gelesen. Aber natürlich ändert das im großen Rahmen momentan noch nichts. Nur ist das für mich kein Ausschlussgrund, mich nicht trotzdem zu engagieren. Wir glauben schon, dass wir Impulse in den deutschen Medienmarkt reinbringen können", sagt Lemmerich. Warum die Gründer-Energie darauf verschwenden, sich Gedanken ums Scheitern zu machen?! Mit diesem Motto blickt man bei "JournAfrica!" nach vorne und hofft bis Ende des Jahres auf die Zusage eines Gründerstipendiums, denn auf Dauer können auch sie dieses Projekt nicht ehrenamtlich stemmen.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 30.09.2015 | 23:35 Uhr