Stand: 15.06.2015 17:00 Uhr

Ein Jahr "Krautreporter"

von Nina Klippel

Die Party ist buchstäblich ins Wasser gefallen: "Seit Wochen regnet es hier in Berlin nicht – und dann ausgerechnet heute", sagt Sebastian Esser, Herausgeber des Online-Magazins "Krautreporter". 500 Gäste haben zum 1. Geburtstag der Krautreporter zugesagt. Etwa 100 sind gekommen, in die Berliner Open-Air-Bar "Mauersegler". Einige sind zur Party weit angereist, aus Dresden, Bremerhaven oder Mönchengladbach.

Eine Redaktionskonferenz.

Anders versprochen: Bilanz der Krautreporter

ZAPP -

Vor einem Jahr sammelten die "Krautreporter" knapp eine Million Euro von Unterstützern ein, um ein neues Onlinemagazin an den Start zu bringen. Wie ist die Bilanz?

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Schon am Mittag haben die Krautreporter ihre Mitglieder in die Redaktionsräume eingeladen. Es geht um die Frage: "Was soll im zweiten Jahr passieren?" Allen Anwesenden gefällt die "Morgenpost", die täglich aktuelle Nachrichten aus anderen Medien zusammenfasst. Christian Fahrenbach schreibt sie in New York und nutzt die Zeitverschiebung. Er versteht die "Morgenpost" als "Vorlage zum Mitreden".

Prinzip "Wundertüte" gefällt nicht allen

"Der Online-Journalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin." Mit diesem vollmundigen Versprechen sind die Krautreporter vor einem Jahr an den Start gegangen und haben beim größten Crowdfunding-Projekt im deutschen Journalismus über eine Million Euro eingesammelt. Seit Oktober ist das Magazin "Krautreporter" online - mit langen Interviews, Reportagen und Hintergrundartikeln. Hört sich vielfältig an. Ist es auch.

Aber die Leser wissen nicht, was sie bekommen. Viele kritisieren dieses Prinzip "Wundertüte". Gegenüber ZAPP betont Herausgeber Sebastian Esser, dass das durchaus gewollt sei, denn das Besondere der Krautreporter sei nicht eine thematische Ausrichtung, sondern: "Community-Journalismus ist das, wofür die Marke Krautreporter stehen soll." Das heißt, die Krautreporter beziehen ihre Mitglieder mit ein, bitten um deren Expertise. Esser betont, dass sich das Magazin deshalb allein durch diese Form - die Beteiligung der Leser - von Konkurrenzprodukten unterscheide.

Videos
05:06 min

"Die Chancen stehen nicht schlecht"

17.06.2015 21:15 Uhr

Sebastian Esser spricht im Interview mit ZAPP über die Chancen von Krautreporter für ein zweites Jahr. Wie viele Abonnenten verlängern, weiß man derzeit noch nicht. Video (05:06 min)

Allerdings: "Man braucht eben Leute, die da richtig Bock drauf haben", sagt Mitglied Mirko Große-Bordewick, der die Krautreporter bei einem Projekt zur Wahl in Großbritannien mit seinem Fachwissen unterstützt hat. Diese Art des Community-Journalismus hat sich bei Krautreporter im Laufe des Jahres ergeben. "Wir mussten lernen, dass die Leser erst einmal wollen, dass wir unseren Job als Journalisten machen und die Community erst dann fragen, wenn wir an einem bestimmten Punkt nicht mehr weiterkommen", so Sebastian Esser.

Mitgliedschaft als Spende

Einige Mitglieder finanzieren das Projekt Krautreporter gern - vor allem, um diese Form des Journalismus zu unterstützen. Sie sehen ihre Mitgliedschaft eher als Spende. Ihnen geht es nicht um persönliche Vorteile, sondern um den Mut der Krautreporter, etwas Neues zu versuchen. Dazu meint Stefan Heijnk, Journalistik-Professor an der Hochschule Hannover: "Die Krautreporter haben den Online-Journalismus sicherlich nicht neu erfunden, aber die Art und Weise, wie sie die Beziehung zwischen Redaktion und Publikum verstehen und mit Leben füllen, ist ein sinnvoller und wertvoller Ansatz."

Hängematte statt Hangout

15.000 Unterstützer haben den Krautreportern vor einem Jahr den Start ermöglicht. Ihre Mitgliedschaft endet automatisch nach einem Jahr – also im kommenden Oktober. Deshalb müssen die Krautreporter jetzt erneut auf Werbetour gehen und ihre Mitglieder fragen: "Ja oder nein? Willst du, dass es Krautreporter weiter gibt?" Im Laufe des Jahres haben sie 3.000 zusätzliche Leser gewonnen, mit denen sie auch im kommenden Jahr rechnen. Um weiterzumachen, müssen es die Krautreporter aber schaffen, etwa 6.000 der ursprünglichen Crowdfunder davon zu überzeugen, wieder zu bezahlen. Was passiert, wenn diese Untergrenze nicht erreicht wird und "Krautreporter" dicht machen muss? Sebastian Esser: "Dann lege ich mich in die Hängematte und denke mir was Neues aus."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 17.06.2015 | 23:20 Uhr