Stand: 27.10.2017 13:33 Uhr

ECHO Jazz: Hat der NDR "zensiert"?

von Sabine Schaper
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Begabte und hart arbeitende Musikerin: Preisträgerin Anna-Lena Schnabel.

Unter deutschen Social-Media-Nutzern wurde am Wochenende vor allem ein Artikel herumgereicht, mit Likes versehen und aufgebracht kommentiert: Der "Zeit Online"-Text "Was der NDR glaubt, nicht senden zu dürfen" über den am Sonnabend bei 3sat ausgestrahlten Film "Der Preis der Anna-Lena Schnabel". Den Film tatsächlich gesehen hatten mit  einem Marktanteil von 0,5 Prozent nur 140.000 Zuschauer, aber der Artikel liefert Gesprächsstoff genug. Gleich im ersten Absatz schreibt "Zeit"-Autor Ulrich Stock: "Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist gerade wieder aktuell" - und schlägt damit in die Kerbe einer aktuellen Debatte, befeuert von den Zeitungsverlegern. Auch die "Bild" stieg am Montag auf das Thema ein.

Es klingt aber auch wie ein Skandal, was Jazzmusikerin Anna-Lena Schnabel in der 3sat/ZDF-Produktion sagt: Der NDR habe ihr, der Preisträgerin in der Kategorie  Newcomer, verboten, beim "Echo Jazz" ihr eigenes Stück zu spielen. Der Grund: Ihre eigene Musik sei "nicht gefällig genug", Zuschauer schalteten dann weg. Dabei sei es doch die Aufgabe des Öffentlichen-Rechtlichen, habe sie gedacht, Dinge zu zeigen, die das Private nicht zeigen kann.

Thomas Schreiber, Programmleiter Fiktion & Unterhaltung im NDR Fernsehen sowie ARD Koordinator Unterhaltung. © NDR

Thomas Schreiber: "Von Zensur kann keine Rede sein"

ZAPP

NDR Unterhaltungschef Thomas Schreiber ist von Zensur-Vorwürfen völlig überrascht. Anna-Lena Schnabel habe dem NDR gegenüber gesagt, sie freue sich auf den Auftritt.

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Vorwürfe wurden nicht überprüft

"Etwas Anspruchsvolles traut man uns schon gar nicht mehr zu", schreibt Stock zu Beginn seines Textes und übernimmt das Narrativ des Films, ohne dieses zu hinterfragen. Denn beim NDR angefragt und die Vorwürfe Anna-Lena Schnabels überprüft hat er laut NDR nicht - ebenso wenig übrigens wie Filmautor Jan Bäumer. Das bedauert das ZDF, das den Film für 3sat produzierte, im Nachhinein:

Im Dokumentarfilm 'Der Preis der Anna-Lena Schnabel' steht die subjektive Perspektive der jungen Künstlerin im Vordergrund. Auch andere Akteure der Musikbranche kamen zu Wort. Im dem speziellen Fall der Songauswahl wäre ein ergänzendes Statement der Verantwortlichen angebracht gewesen. Wir bedauern, dass dieses nicht eingeholt wurde.

ZAPP hat dazu auch bei "Zeit"-Autor Ulrich Stock nachgefragt, bisher allerdings ohne Antwort. Der NDR reagierte am späten Sonntagnachmittag mit einem kurzen Tweet, der die Wut mancher Kommentatoren nur noch mehr anfachte:

Erst am Montag reagierte der NDR mit einem ausführlichen Statement:

[…]Veranstalter des 'Echo Jazz' ist der Bundesverband Musikindustrie, der NDR überträgt die Gala. Der NDR Redaktion war ein Auftritt von Frau Schnabel als Vertreterin der jungen Jazz-Generation besonders wichtig. Zugleich hatte die Redaktion das Ziel, in der Übertragung von der Preisverleihung eine musikalische Brücke zwischen Avantgarde und Tradition zu schlagen. Deshalb fiel die Entscheidung, für den Auftritt von Frau Schnabel das auf ihrer nominierten CD enthaltene Stück 'Peace' von Horace Silver auszuwählen. Der Vorschlag für diesen und zwei alternative Titel war vom Tour-Management von Frau Schnabel gekommen. Am 4. Mai 2017 teilte Frau Schnabel zu der Auswahl des Titels 'Peace' schriftlich mit: 'Das ist alles von meiner Seite gar kein Problem. Peace machen wir gerne, Probe am 31. Mai geht auch (...). Freue mich sehr bei der Preisverleihung spielen zu dürfen.'[…]

Künstlerin geht auf Tauchstation

Eine andere Version der Geschichte, zu der sich Anna-Lena Schnabel bisher nicht geäußert hat. Sie war für ZAPP weder direkt, noch über ihre Agentin oder ihr Label zu erreichen. Auch für Werner Aldinger, der ihre Plattenfirma enja zusammen mit dem im Film interviewten Matthias Winckelmann führt, ist sie derzeit nicht zu sprechen: "Sie antwortet nicht", sagte Aldinger am Dienstag auf Nachfrage, "dafür rufen alle anderen gerade an." Das Interesse an Anna-Lena Schnabel und ihrer Musik sei geradezu "explodiert", sagt er, das mache sich im Vertrieb deutlich bemerkbar.

Aldinger wundert sich allerdings über die aktuelle Aufregung um den 'Echo Jazz'. 3sat und "Zeit Online" kritisierten weiter, dass der Preis undotiert sei und die Künstler keine Gage bekämen, Reise- und Hotelkosten müssten die Labels selbst zahlen. Was der "Zeit Online"-Text dabei unerwähnt lässt, ist, dass dafür der Bundesverband Musikindustrie als Veranstalter verantwortlich ist.

Normale Vorgänge werden aufgebauscht

"Das ist seit Jahren so und das ist alles bekannt", sagt Labelchef Aldinger, "das hat die Jury des Preises so beschlossen. Natürlich kann man sich überlegen, ob man nicht lieber Musikergagen zahlt und dafür auf die Aftershowparty verzichtet oder das nicht ganz so glamourös haben muss", sagt Aldinger, aber das seien Entscheidungen des Verbands, die man entweder akzeptiere oder man mache eben nicht mit. Manche Labels täten das konsequenterweise auch nicht.

Stock bemängelt auf "Zeit Online" auch, dass der Bruder der Preisträgerin eine Karte kaufen muss, um sie zur Preisverleihung zu begleiten, und insinuiert, indem er die tatsächlichen Verantwortlichen nicht nennt, der Schuldige sei "das Fernsehen". Was er auch nicht schreibt: Anna-Lena Schnabel wurde außerdem von ihrer Mutter begleitet. Dass man - auch als Preisträgerin - lediglich eine Begleitkarte bekommt, ist nicht unüblich. Schon jetzt ist der Echo Jazz laut Veranstaltern ein Zuschussgeschäft, bei dem kein Cent verdient wird, sondern am Ende Kosten übrig bleiben. Mit dem übertragenden Sender hat all das nichts zu tun.

Verschenktes Potenzial

Der "Zeit Online"-Artikel ist zugespitzt auf Kritik am NDR - eine Kritik, die offenbar schnell hätte entkräftet werden können, hätten die Autoren von Text und Film die journalistische Grundregel befolgt, den Beschuldigten mit den Vorwürfen zu konfrontieren. So wurde mit einer vermeintlichen Zensurdebatte viel kritisches Potenzial verschenkt.

Denn der Film wirft viele Fragen auf, die diese Aufmerksamkeit verdient hätten: Wieso geht es der Branche so schlecht, dass bei einer solchen Preisverleihung nichts beim Künstler ankommt? Wieso können Jazzmusiker kaum von ihrer Kunst leben? Wieso wird von den Musikern oft erwartet, dass sie ohne Gage auftreten? Wieso hat man es 2017 als Frau in der Szene immer noch so schwer, sich durchzusetzen und ernstgenommen zu werden? An diesen Fragen läuft die gegenwärtige Diskussion leider vorbei - gelotst von "Zeit Online".

Stellungnahme der Redaktion vom 27.10.2017

Am 27.10.2017 hat Ulrich Stock bei "Zeit Online" auf diesen ZAPP-Text reagiert. Darin schreibt er, ZAPP habe sich von der Pressestelle des NDR instrumentalisieren lassen. ZAPP weist diese Unterstellung zurück. Die Redaktion ist nicht die Pressestelle des Senders und erhält von dieser auch keine Arbeitsaufträge.

Richtig ist vielmehr: Die Pressestelle des NDR reagierte bereits am 22.10. auf Twitter (siehe oben) und am 23.10. mit der oben zitierten ausführlichen Stellungnahme - und keinesfalls erst "nach viereinhalb Tagen" mit diesem Text, wie Ulrich Stock fälschlicherweise annimmt und schreibt. Dieser Text entstand aus einer ergebnisoffenen Recherche, die völlig unabhängig von dieser Stellungnahme stattfand.

Keineswegs also "lässt sich [NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber] interviewen", um - wie Stock insinuiert - bei ZAPP eine Bühne für seine Stellungnahme zu bekommen. ZAPP hat ihn im Zuge der Recherche um ein Statement gebeten. Ebenso übrigens wie alle anderen Beteiligten: Anna-Lena Schnabel, ihre Plattenfirma, den Filmautor Jan Bäumer (ZDF/3sat) sowie selbstverständlich auch Ulrich Stock. Der allerdings antwortete nie auf unsere Anfrage - genauso wenig wie die Künstlerin.

Als Medienmagazin hat sich ZAPP mit den journalistischen Schwachstellen des Films und des "Zeit Online"-Artikels auseinandergesetzt. Auf die Kritik, er habe wichtige Details unter den Tisch fallen lassen und versäumt, für seinen Artikel den NDR zu konfrontieren, bevor er unhinterfragt Vorwürfe reproduziert, geht Ulrich Stock in seinem Antworttext mit keinem Wort ein.

Stattdessen wiederholt er den Fehler sogar: Auch vor dem jetzt erschienenen Text hat er keinen Kontakt zu ZAPP oder dem NDR aufgenommen um zu überprüfen, unter welchen Umständen der ZAPP-Text entstanden ist. Wir sind extrem verwundert, dass die Einhaltung journalistischer Mindeststandards, wie das Anfragen der Gegenseite, für Ulrich Stock offenbar keine Rolle spielt.

Bei einer Überprüfung seiner Behauptungen wäre ihm auch aufgefallen, dass das Interview in dieser Länge zwar nicht in einen Fernsehbeitrag gepasst hätte, wohl aber ein gängiges Online-Format bei ZAPP darstellt. Denn die Redaktion stellt regelmäßig längere Interviews online, oft auch länger als die betreffenden "7 Minuten und 46 Sekunden". Wir nennen das Transparenz.

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