Stand: 23.03.2016 19:00 Uhr

Doku-Dramen: Wenn Geschichte zur Fiktion wird

Geschichte vermitteln ist oft kein leichtes Unterfangen. Vor allem dann, wenn historische Fakten rein sachlich und detailgetreu wiedergegeben werden, wird Geschichte gerade für junge Menschen nicht selten zur schweren Kost. Dabei hätten sich selbst Drehbuchautoren manch historische Ereignisse nicht spannender ausdenken können. Bis heute bleiben zum Beispiel die genauen Hintergründe der Ermordung des US-amerikanischen Präsidenten J.F. Kennedy 1963 ein Rätsel, die Todesumstände des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel 1987 schleierhaft.

Filmszene aus "Der Fall Barschel" mit zwei Männern auf einem Balkon über den Dächern der Stadt - mit Alexander Fehling und Fabian Hinrichs als Journalisten © ARD Degeto / Stephan Rabold

Fakt und Fiktion: "Der Fall Barschel" und Co.

ZAPP -

Während Dokus sich an Fakten halten, kann in Doku-Dramen oder fiktionalisierten Spielfilmen wie "Der Fall Barschel" der reale Hintergrund ausgeschmückt werden. Das bietet Vor- und Nachteile.

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Vor allem ARD und ZDF setzen auf Fiktionalisierung

Um solche historischen Stoffe einem breiten Publikum näher zu bringen, setzen Fernsehsender seit Langem neben reinen Dokumentationen auch auf Spielfilme und Doku-Dramen, allen voran die Öffentlich-Rechtlichen. Im Jahr 2015 wurden allein im Ersten sechs ARD-Spielfilme über historische Ereignisse, historische Figuren oder Personen der Zeitgeschichte erstausgestrahlt, 2014 waren es sogar neun. Das ZDF zeigte 2014 vier und 2015 zwei Geschichtsspielfilme. Zum Vergleich: RTL strahlte jeweils einen aus.

Journalist und Filmproduzent Stephan Lamby im Interview mit ZAPP. © NDR Fotograf: Screenshot

"Nicht alles der Quote unterordnen"

ZAPP -

"Es gibt Grenzen", so der Journalist Stephan Lamby über die fiktionale Verfilmung realer Ereignisse wie "Der Fall Barschel". Der wahre Kern darf nicht verfälscht werden.

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Faktenorientierte Doku-Filme versus fiktionalisierte Spielfilme

In solchen Spielfilmen werden meist historische Ereignisse oder Geschehnisse um (zeit)geschichtliche Figuren nacherzählt. Dabei dürfen sich Spielfilmregisseure, anders als Dokumentarfilmer, von den historischen Fakten weitgehend lösen und auch fiktive Figuren erfinden. Im ARD-Polit-Thriller "Der Fall Barschel" zum Beispiel ist die Hauptfigur der fiktive Journalist David Burger, der herausfinden will, wie Barschel starb -  und bald überzeugt ist: Es war Mord. Kaum eine der bis heute kursierenden Verschwörungstheorien über Barschels Tod wird im Spielfilm ausgelassen. Genau das sei aber auch nötig, um ein emotionales Erlebnis zu ermöglichen, sagt Kilian Riedhof, Regisseur des Films: "Natürlich machen wir eine fiktionale Geschichte, die vorhat, den Zuschauer zu überwältigen und nicht den Zuschauer nur zu informieren."

Produzenten entscheiden über Anteil von Fakten und Fiktion

Wie nah Spielfilme an der Realität bleiben oder wie stark fiktionalisiert wird, liegt im Ermessen der Produzenten und Drehbuchautoren. In einigen Spielfilmen stellen historische Ereignisse nur den Rahmen für eine völlig fiktive Geschichte dar, wie zum Beispiel im RTL-Fernsehfilm "Die Sturmflut". Die Geschehnisse um die Sturmflut, die 1962 in Hamburg wütete, bilden lediglich den Hintergrund für eine frei erfundene Liebesgeschichte. "Eine funktionierende Geschichte und glaubwürdige Figuren stehen für uns immer im Vordergrund bei einem fiktionalen Format", erklärt RTL gegenüber ZAPP. Zu einer Vermischung von Fiktion und Fakten komme es deshalb aber nicht, sagt der Privatsender: "Zu historischen Stoffen produzieren wir auch immer eine Dokumentation zum Thema, die dann im Anschluss an den fiktionalen Film ausgestrahlt wird, um so einen runden Themenabend zu kreieren. Erst die Fiktion, dann die Fakten."

Interview
13:08 min

"Sogkraft auf Verschwörungstheoretiker"

23.03.2016 23:20 Uhr

Journalist Knauer über die Faszination am Fall Barschel. Er fand damals den toten Politiker in der Badewanne. Den Film "Der Fall Barschel" findet er problematisch. Video (13:08 min)

Reenactments - Nachstellung historischer Szenen

Doku-Dramen wie "Der Rücktritt" (Sat.1), "Der gute Göring" (ARD) oder "Letzte Ausfahrt Gera" (ZDF) sind eine Mischform. Darin kommen neben Zeitzeugen und Originaldokumenten auch Spielszenen vor. Bei den Spielszenen kann es sich zum einen um sogenannte Reenactments handeln, also nachgestellte Szenen auf der Grundlage historischer Quellen, zum anderen um Spielszenen, in denen interpretiert wird, wie eine Handlung oder ein Gespräch abgelaufen sein könnte. Auch die Persönlichkeiten historischer Figuren können in solchen Szenen gedeutet werden. Für ProsiebenSat.1. sind Doku-Dramen gerade deshalb spannend. Gegenüber ZAPP erläutert der Sender: "Doku-Dramen können die Zuschauer durch 'nachgespielte' Szenen oft Gefühle oder Entscheidungen der handelnden Personen besser nachempfinden lassen, gerade, wenn es davon kein Original-Material gibt."

Historische Tatsachen dürfen nicht verfälscht werden

Auch für n-tv liegen die Vorteile auf der Hand: "Im Zeitalter des Bewegtbildes bieten Reenactments die Möglichkeit, geschichtliche Ereignisse und Epochen attraktiv zu visualisieren und so gerade den jungen Zuschauern näher zu bringen. Geschichte wird personalisiert, für den Zuschauer erlebbar und nachvollziehbar. Neben den historischen Fakten rücken atmosphärische und persönliche Elemente in den Vordergrund. Spannungsbögen lassen sich effektiver gestalten." Dabei müssen man aber darauf achten, dass "historische Tatsachen nicht in den Hintergrund rücken und so verfälscht werden."

ARD und ZDF setzen auch auf Doku-Dramen

Interview
16:03 min

"Barschel"-Film: "Wir sagen nicht: So war's!"

23.03.2016 23:20 Uhr

Regisseur Riedhof betont, dass "Der Fall Barschel" ein Spielfilm mit fiktionalen Elementen ist, kein Doku-Drama, das sich an Fakten halten muss. Trotzdem sei er "wahrhaftig". Video (16:03 min)

Aber auch auf das Format Doku-Drama setzen vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender. Seit 2014 wurden fünf Filme dieses Genres im Ersten erstausgestrahlt, das ZDF sendete im gleichen Zeitraum sechs, zuletzt "Uli Hoeneß – Der Patriarch" im August 2015 und "Letzte Ausfahrt Gera – acht Stunden mit Beate Zschäpe" im Januar 2016. Für das ZDF biete sich das Doku-Drama bei Ereignissen der jüngsten Vergangenheit an, "wenn es um Vorgänge geht, die sonst nur in Ausschnitten dokumentiert sind. Filme über den 'Hoeneß'-Prozess oder den Fall 'Zschäpe' können – etwa durch die Rekonstruktion von Gerichtsszenen - den Zuschauer in die Lage versetzen, ein Verfahren nachzuvollziehen, das vor Ort nur wenige anwesende Beobachter mitverfolgen konnten."

"Doku-Drama kann auch zeigen, wie es gewesen sein könnte"

Dass in Doku-Dramen -  wie auch in Spielfilmen - Charaktere historischer Figuren oder von Personen der Zeitgeschichte interpretiert werden, sieht die ARD nicht als Problem, sondern gerade als Stärke des Genres. So erklärt die ARD gegenüber ZAPP: "Zum einen lassen sich bestimmte geschichtliche Stoffe oder Personen im Spielfilm bzw. Dokudrama sehr viel lebendiger erzählen und darstellen. (...) Zum anderen lassen sich im Dokuspiel/Spielfilm viele Dinge andeuten und szenisch ausspielen, für die es keine sichere Erkenntnis oder Lücken im Quellenmaterial gibt. Denn jede Spielszene ist letztlich trotz ihrer Anteile an Realität, auf der sie basiert, doch immer auch Fiktion. Eine Dokumentation muss sich rein an die Fakten halten und zeigen was ist bzw. war. Ein Doku-Drama kann auch zeigen, wie es gewesen sein könnte."

Ende März (30.3.) startet die ARD mit der Ausstrahlung der nächsten zeitgeschichtlichen Filmumsetzung: Die Trilogie "Mitten in Deutschland" wirft den Fokus auf die Gewalttaten der NSU.

Weitere Informationen

"Barschel-Film kommt der Wahrheit sehr nahe"

NDR Redakteur Patrik Baab hat zusammen mit Stephan Lamby die Dokumentation "Uwe Barschel - Das Rätsel" gedreht. Beide Autoren recherchierten mehr als eineinhalb Jahre. mehr

Link

Der Fall Barschel

In "Der Fall Barschel" spielt Matthias Matschke den unter mysteriösen Umständen verstorbenen CDU-Politiker Uwe Barschel. Das Erste zeigt den Politthriller am 6. Februar. extern

ARD-Trilogie zum NSU: Die Perspektive der Täter

"Mitten in Deutschland" - so heißt die Trilogie der ARD über den Nationalsozialistischen Untergrund. Im ersten Teil gibt Regisseur Christian Schwochow Einblicke in das Leben der Täter. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 23.03.2016 | 23:20 Uhr