Stand: 08.09.2015 12:00 Uhr

Die Macht der Bilder: Der tote Junge am Strand

Der tote Junge am Strand von Bodrum - selten haben ein Foto und seine Veröffentlichung eine so kontroverse Diskussion ausgelöst wie dieses. Während es für die einen sofort zum Symbol für die Flüchtlingskatastrophe wird, warnen andere vor einer Instrumentalisierung des toten Kindes und mahnen, seine Würde nicht zu missachten. Dabei geht die Kluft der Gegner und Befürworter einer Veröffentlichung quer durch die Medienlandschaft.

Britische Zeitungen mit dem Foto eines ertrunkenen Flüchtlingskindes auf der Titelseite. © dpa

Die Macht der Bilder: Der tote Junge am Strand

ZAPP -

Das Foto des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan, der an einem Strand angespült wurde, ging um die Welt. Doch dürfen Medien so etwas zeigen? Oder müssen sie es sogar?

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Abdruck des Bildes stark umstritten

Ob Print oder online, Boulevard oder Politik - in allen Redaktionen diskutieren Journalisten das Pro und Contra der Veröffentlichung. Und veröffentlichen ihre Argumente. Das reicht von Stern.de, die das Bild 24 Stunden im Netz an prominenter Stelle platzieren und dieses mit den Worten "Sein Recht auf Leben wurde ihm genommen. Dann hat er zumindest das Recht, noch einmal gesehen zu werden" begründen bis zu der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die genau diese Platzierung als "verlogen" brandmarkt und von "Ausschlachtung" spricht.

Doch warum entfacht besonders dieses Bild des toten Jungen eine solche Wucht? Für Karen Fromm, Professorin für Fotografie, liegt der Grund in der Nähe, die dieses Bild vorgibt. Strand und Kinderkleidung kennten die Menschen aus eigenem Erleben, sie hätten eigene Erfahrungen und deshalb gehe einem diese Situation so besonders nah. Bei anderen Flüchtlingsdarstellungen bleibe es ganz oft "das Leiden Anderer, die weit weg von mir sind und mich nicht unmittelbar betreffen - doch dieses Kind könnte für viele Betrachter fast das eigene Kind sein".

Zeit wird zeigen, ob das Bild zur Ikone wird

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Das Foto von Nick Ut entstand kurz nach einem Napalm-Angriff der US-Truppen auf das Dorf Trảng Bàng. Die neunjährige Phan Thị Kim Phúc verbrannte dabei schwer.

Einige Journalisten erklären das Foto gar schon kurz nach der Veröffentlichung zu einer Ikone. Vergleichen es immer wieder mit dem Foto des nackten Mädchens, das im Vietnam-Krieg schreiend vor der Napalm-Wolke flieht. Ein Schritt, den Karen Fromm nicht mitgehen will. Erst die Zeit könne zeigen, ob dieses Bild eine solche Wirkung entfalten könne, um es neben das weltbekannte Bild aus dem Vietnam-Krieg zu stellen.

Bei vielen Lesern und Zuschauern hat die Foto-Veröffentlichung Grenzen überschritten. Einige sind so erbost, dass sie sich gar an den Presserat wenden. In kurzer Zeit sind mehr als 20 Beschwerden eingegangen, eine ungewöhnlich hohe Zahl, wie Matthias Wiemer, Vorsitzender eines der beiden Beschwerdeausschüsse des Presserates, bestätigt.

Interview
15:29 min

"Wer als Erster das heikelste Bild veröffentlicht"

09.09.2015 23:20 Uhr

Matthias Wiemer vom Presserat beobachtet eine Brutalisierung der Bildinhalte. Video (15:29 min)

Wiemer kann zwar nachvollziehen, warum Medien das Bild abdrucken, begrüßt auch die Transparenz, mit der viele Verlage und Redaktionen ihre Entscheidung darlegen. Doch er warnt auch vor einer Überbewertung der Fotos: “Die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb dieser Thematik, mit dieser Brisanz, wir in kürzester Zeit neue Bilder bekommen, die ähnlich aufrüttelnd sind oder vielleicht noch eine stärkere Wirkung entfalten, die ist relativ groß. Und je mehr so eine gewisse Bildgewaltigkeit inflationiert, desto eher werden solche einzelnen Bilder vielleicht auch schnell in Vergessenheit geraten."

"Bild" bewertet Fotos als "Dokument der Wirklichkeit"

Für die "Bild", die auch das LKW-Foto der erstickten Flüchtlinge gedruckt hat, ist die Sache hingegen klar. Die Bilder seien ein "Dokument der Wirklichkeit", ihr Abdruck quasi eine journalistische Pflicht. Und um zu zeigen, was ohne Fotos passiert, hat "Bild Hamburg" am Dienstag komplett auf Bilder verzichtet.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 09.09.2015 | 23:20 Uhr